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Einbürgerung: „Du bist hier, und du gehörst zur Gesellschaft“

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Von: Steffen Herrmann

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Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, über die Reform des Einbürgerungsrechts und die Integration von ausländischen Fachkräften.

Frankfurt – Das Kabinett hat sich am Mittwoch auf Eckpunkte für eine erleichterte Zuwanderung von Fachkräften geeinigt. Deutschland ist auf Menschen aus dem Ausland angewiesen, aber kluge Köpfe und starke Arme sind begehrt. Helfen soll ein modernes Einwanderungsrecht – ebenso wie eine Reform des Einbürgerungsrechts. Die aber ist umstritten, auch innerhalb der Bundesregierung. Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall, spricht im Interview über Integration, Hürden bei der Einbürgerung und den Wettbewerb um Arbeitskräfte.

„Wir müssen klare Kante zeigen“, sagt Benner mit Blick auf rechte Gruppen in Betrieben.
„Wir müssen klare Kante zeigen“, sagt Benner mit Blick auf rechte Gruppen in Betrieben. © Rainer Weisflog/Imago

Frau Benner, schon 1961 sind die ersten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Heute, knapp 61 Jahre später, diskutiert Deutschland wieder einmal hitzig über das Einbürgerungsrecht und die doppelte Staatsbürgerschaft. Warum fällt uns als Gesellschaft das Eingeständnis so schwer, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist?

Als Gewerkschaft fällt uns das nicht schwer. Wir haben untersuchen lassen, wie integriert Beschäftigte mit Migrationshintergrund bei uns in den Unternehmen sind, und haben festgestellt, dass ganz viele dieser Beschäftigten Vertrauensleute und Betriebsräte sind. Also: Integration durch Mitbestimmung funktioniert in den Betrieben. Schon seit 1952 kann man dort unabhängig vom Pass wählen, seit 1972 kann man auch in Gremien gewählt werden. Die IG Metall ist eine vielfältige Gewerkschaft – und wir sind wirklich überrascht über diese gesellschaftliche Diskussion, die gerade losbricht. Wir hatten aus unserer Arbeit den Eindruck, wir wären weiter.

Deutschland hat viele Jahrzehnte von der Arbeitskraft der sogenannten Gastarbeiter profitiert, jetzt wird mit teils ziemlich plumpen Parolen über Einbürgerung diskutiert. Ist die deutsche Gesellschaft undankbar?

Ja, Aussagen wie vom „Verramschen der Staatsbürgerschaft“ sind unverantwortlich. Und gerade die FDP zum Beispiel müsste mit Blick auf Wirtschaft und Unternehmen ja ein Interesse daran haben, dass Menschen nach Deutschland zuwandern.

Christiane Benner, IG Metall.
Christiane Benner, IG Metall. © IG Metall

Einbürgerung soll reformiert werden: Kritik von FDP und Union

Innenministerin Nancy Faeser (SPD) will das Staatsbürgerrecht reformieren: Kürzere Fristen vor der Einbürgerung, Erleichterungen für Menschen über 67 beim Sprachnachweis und beim Einbürgerungstest. Neben der deutschen soll es möglich sein, auch andere Staatsangehörigkeiten zu haben. Geht das in die richtige Richtung?

Das geht in die richtige Richtung. Die IG Metall unterstützt und begrüßt das.

Allerdings kommt nicht nur aus der Opposition Kritik an den Plänen des Innenministeriums, sondern – Sie haben es angesprochen – auch von der FDP. Der Tenor ist: Erst Integration, dann die Staatsbürgerschaft.

Die Integration gibt es doch längst und sie wird in den Betrieben praktiziert. Aber wir haben eine extrem geringe Einbürgerungsquote in Deutschland von etwas über zwei Prozent. Und da ist es doch komplett richtig, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich früher einbürgern zu lassen. Im Übrigen sind die Kriterien für eine Einbürgerung ja auch nach dieser Reform nicht banal.

Zur Person

Christiane Benner, 54, ist Zweite Vorsitzende der IG Metall. Die Soziologin ist die erste Frau in der Führungsspitze der Gewerkschaft, wo sie für Betriebspolitik, Organisation, Zielgruppenarbeit und Gleichstellung sowie für Crowdsourcing zuständig ist. Benner sitzt im Aufsichtsrat von BMW und Continental und ist Mitglied der SPD.

Bundesregierung debattiert über Reform des Einbürgerungsrechts

Es ist immer noch eine Frist von fünf Jahren …

Sicher, auch die Deutschkenntnisse bleiben eine Hürde. Aber es geht doch um ein einfaches Signal, die Botschaft einer Willkommenskultur: ‚Du bist hier, und du gehörst zur Gesellschaft.‘ Und damit werden wir als Einwanderungsland natürlich auch attraktiv.

Sie spielen auf den Arbeitskräftemangel an. Was sind andere Drehschrauben neben der Aussicht auf schnelle Einbürgerung?

Die doppelte Staatsbürgerschaft ist da sicher ein Aspekt, also die Teilhabe durch Wahlrecht. Menschen, die hier sind, sollten politisch mitgestalten können.

Welche Rolle kommt den Gewerkschaften zu?

Wir müssen klare Kante zeigen. In den Betrieben müssen wir alle Möglichkeiten der Mitbestimmung nutzen, damit niemand im Transformationsprozess verloren geht. Eine Möglichkeit ist die Weiterbildung, mit der wir Perspektiven schaffen – nicht nur für Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch für Un- oder Angelernte. So gelingt es uns auch, eine Spaltung durch rechte Gruppen zu verhindern. Solidarität gewinnt.

Wie ist das denn mit der Solidarität, wenn man den Blick über den deutschen Tellerrand wagt? Fachkräfte, die wir werben, fehlen anderswo.

Wenn wir als Einwanderungsland attraktiv werden wollen, birgt das natürlich Gefahren für die Heimatländer. Da kann man nicht drumherum reden. Es gibt viele Länder mit hoher Arbeitslosigkeit, da finde ich es nachvollziehbar, wenn Menschen dorthin gehen wollen, wo sie bessere Perspektiven haben. Ich glaube, die Regierung ist sich bewusst, dass man mit Handel, Krediten oder Entwicklungspolitik für Ausgleich sorgen muss. Es nützt auch den Herkunftsländern, dass finanzielle Mittel dorthin zurückfließen.

Interview: Steffen Herrmann

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