Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Arbeitsmarkt

Arbeitskräftemangel: Dringende Personalsuche in nah und fern

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
    schließen

Viele Branchen klagen über fehlende Arbeitskräfte. Unternehmen und Arbeitsagentur werben in EU-Staaten – und auch in Indonesien.

Frankfurt – „Die Situation ist richtig problematisch“, sagt Guntram Schönherr. Der Sachse leitet die Personalabteilung der Gießerei Sachsen Guss in Chemnitz. Sein Problem: Es fehlen Arbeits- und Fachkräfte – und die Zeit drängt. Innerhalb von zehn Jahren, hat Schönherr ausgerechnet, könnte die Gießerei rund 40 Prozent ihrer Belegschaft an den Ruhestand verlieren. Sachsen Guss sucht deshalb händeringend nach neuem Personal.

So wie Guntram Schönherr und seinem Team geht es derzeit Unternehmen in vielen Branchen. Knapp 800.000 Stellen sind derzeit offen, Tendenz steigend. Die Arbeitskräftenachfrage bleibe „stabil aufwärtsgerichtet“, teilte die Arbeitsagentur im September mit. Es fehlt vor allem an Nachwuchs. Ein Beispiel: Im Hoch- und Tiefbau kommen auf jeden gemeldeten Bewerber mehr als zwei Ausbildungsstellen, wie die Sozialkassen der Bauwirtschaft melden.

Arbeitskräftemangel: Immer mehr Rentner:innen, immer weniger Erwerbstätige

Gleichzeitig könnte die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter durch den demographischen Wandel weiter abnehmen. Und zwar immer schneller, wie eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln zeigt. Die IW-Fachleute haben die Altersstruktur in allen 401 Stadt- und Landkreisen Deutschlands analysiert. Das Ergebnis der Studie: Immer mehr Rentner:innen, immer weniger Erwerbstätige. „Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 2019 bis 2024 in allen deutschen Regionen sinken“, schreiben die IW-Fachleute. Davon betroffen wären vor allem ländliche Regionen: So könnte der brandenburgische Kreis Spree-Neiße innerhalb von nur fünf Jahren (2019 bis 2024) knapp 10,5 Prozent seiner arbeitsfähigen Bevölkerung verlieren. Aber auch Landkreise auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik könnten kräftig schrumpfen, etwa im Saarland oder in der Pfalz.

Rund 70.000 Beschäftigte arbeiten in deutschen Gießereien. Die vergleichsweise kleine Branche sucht händeringend nach neuen Leuten.

Bei Sachsen Guss in Chemnitz hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Existenzbedrohend sei die Situation derzeit zwar nicht, sagt Schönherr, „aber existenzbedrohend würde es dann, wenn wir nichts tun“. Also tun sie etwas, denn der Wettbewerb um den Nachwuchs ist hart: Mit mehreren Schulen in der Region kooperiert Sachsen Guss, stellt sich bei Berufsorientierungstagen vor und lädt Schülerinnen und Schüler zu Praktika ein. Besonders stolz ist Guntram Schönherr auf die Schülergießerei, ein 2018 gestartet Projekt. „Dabei können die Jugendlichen selbst eine Plakette mit ihrem Namen formen, abgießen und nach Hause nehmen.“

Arbeitskräftemangel: Kampagnen auf YouTube und Tiktok

Eine kleine Erinnerung an den Besuch in der Gießerei, aber eine wichtige, sagt Schönherr, denn: „Viele Jugendliche haben überhaupt keine Vorstellung von der Arbeit hier.“ Das beobachtet auch der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie. Rund ein Drittel seiner rund 600 Betriebe beklagt laut dem letzten ifo-Geschäftsklima einen Arbeitskräftemangel. Der relativ kleinen Branche mit nur rund 70.000 Beschäftigten fällt es schwer, sich beim Werben um den Nachwuchs gegen größere Wirtschaftszweige Gehör zu verschaffen. Der Verband setzt deshalb auf die sozialen Medien: Eine Kampagne auf Youtube, Instagram und Tiktok soll 14- bis 16-Jährige von einer Ausbildung in der Gießerei-Industrie überzeugen. „Wir müssen die Sprache der Jugendlichen sprechen“, sagt Lena Wöller vom Gießerei-Bundesverband.

Mindestens 20 Azubis wolle Sachsen Guss jedes Jahr einstellen, sagt Guntram Schönherr. In den vergangenen drei Jahren unterschrieben 26, 20 und 23 Jugendliche einen Ausbildungsvertrag in Chemnitz. Keine schlechten Zahlen bei insgesamt rund 700 Beschäftigten.

Aber Ausbildung alleine wird den Arbeitskräftemangel für viele Betriebe nicht lindern können. Viele Fachleute sind sich einig: Deutschland braucht Zuwanderung. 400.000 Menschen pro Jahr – diese Zahl nannte Detlef Scheele im Sommer. Nach der Vorstellung des Chefs der Bundesagentur für Arbeit sollen die Migrant:innen die „Lücken am Arbeitsmarkt“ stopfen. Der „Süddeutsche Zeitung“ sagte er: „Fakt ist: Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus.“ Auch für den BA-Chef ist die demografische Entwicklung schuld, durch die die Zahl der potenziellen Arbeitskräfte im typischen Berufsalter bereits in diesem Jahr um fast 150.000 abnehmen soll.

Arbeitskräfte in Indonesien gesucht

Auf der Suche nach Arbeitskräften wirbt Deutschland in fernen Ländern. Im Frühjahr kamen erstmals Menschen aus Georgien, um hierzulande Erdbeeren und Spargel zu ernten. Im Juli einigte sich die Bundesagentur für Arbeit dann mit Indonesien auf eine erste „Vermittlungsabsprache“, ein Grundstein für die künftige Rekrutierung und Vermittlung indonesischer Arbeitskräfte.

Im November sollen die ersten Pflegekräfte aus Indonesien nach Deutschland kommen. Daniel Terzenbach, Vorstand Regionen der Bundesagentur für Arbeit, sagte nach der Einigung, man wolle die Zusammenarbeit „sukzessive auf weitere geeignete Berufe auszubauen“.

Auch direkt hinter den Landesgrenzen wildert Deutschland: Im elsässischen Mulhouse organisiert die Arbeitsagentur regelmäßig Jobbörsen für Betriebe auf der anderen Seite des Rheins. Und Sachsen Guss setzt auf Arbeitskräfte aus Polen und Tschechien. Knapp 40 polnische Beschäftigte wohnen inzwischen in und um Chemnitz, dazu kommen einige tschechische Tagespendler.

Kann Migration das Problem des Arbeitskräftemangels lösen?

Deutschland habe durch seine EU-Mitgliedschaft Zugriff auf Arbeitskräfte aus einer Bevölkerung von 450 Millionen Menschen, sagt Christian Dustmann, der Professor für Economics am University College London ist und zu Migration forscht. „Das ist sehr nützlich; auch für die Herkunftsländer, deren Arbeitsmärkte durch die Migration oft entlastet werden.“ Der Forscher verweist auf Großbritannien, das nach dem Brexit plötzlich in Personalnot war.

Aber ob die Migration das Problem des Arbeitskräftemangels lösen kann? „Schwierig zu sagen“, findet Dustmann. Der globale Wettbewerb um Personal sei derzeit sehr groß, was einerseits am Restart der Wirtschaft nach der Pandemie liege, andererseits an einer Umstrukturierung der Industriegesellschaften, in denen die sogenannte Gig-Economy schnell wachse. Der Mangel an Arbeitskräften könnte noch größer werden. Das sei nicht unbedingt ein Problem, sagt Marcel Fratzscher. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) blickt optimistisch in die Zukunft. Für den Ökonomen ist die derzeitige Situation nicht nur eine Bedrohung, wie er in einem Blog-Beitrag schreibt. Sondern auch eine Chance, die Wirtschaft zu modernisieren. „Nur so werden wir im globalen Kontext wettbewerbsfähig bleiben und der sozialen Polarisierung entgegenwirken.“ (Steffen Herrmann)

Rubriklistenbild: © imago images/CTK Photo

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare