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Die Digitalisierung ist eine große Challenge für die Arbeitswelt.
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Die Digitalisierung ist eine große Challenge für die Arbeitswelt.

Beschäftigung

Digitalisierung: Die große Herausforderung in der Arbeitswelt

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Youtuber und IT-Beschäftigte organisieren sich gegen die Macht von Google & Co.. Die Gewerkschaften werben um Solo-Selbstständige und kämpfen für mehr Beschäftigtenschutz.

Jörg Sprave ist ein Mann, mit dem man sich nicht anlegen will. Der 55-Jährige ist Youtuber, seinem Kanal folgen knapp 2,8 Millionen Menschen. Spraves Videos tragen martialische Titel wie „So groß wie ein Auto: Riesige Steinschleuder-Kanone in Aktion“. Knapp 900 Videos hat der Waffenliebhaber seit 2008 veröffentlicht. Gegen seinen bislang mächtigsten Gegner halfen ihm Wurfgeschosse aber nicht. Denn Sprave legte sich mit der Plattform an, auf der er seine Videos veröffentlicht: der Google-Tochter Youtube. Als die wieder einmal einseitig die Regeln änderte und Spraves Werbeeinnahmen einbrachen, reagierte er mit einem Video. Die Botschaft darin an Youtube: Wir gründen eine Gewerkschaft. Tatsächlich wurde es eine Facebook-Gruppe, die Youtubers Union, mit zwischenzeitlich mehr als 25 000 Mitgliedern.

In die Knie zwang das Youtube nicht. Erst als Sprave und die Gewerkschaft IG Metall den Verein Fairtube gründeten, reagierte die Video-Plattform. Im Februar teilten Sprave und die IG Metall mit, dass Youtube seine Regeln für Werbeanzeigen und Sperrungen öffentlich gemacht habe. Kurz danach zog sich Sprave aus dem Verein zurück. Seine Arbeit setzen andere fort.

Immer weniger Menschen arbeiten in einem Unternehmen mit Tarifvertrag

Plattformen wie Youtube sind nicht die einzige Herausforderung für die Gewerkschaften. 1994 zählte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) noch mehr als 9 760 000 Mitglieder. 26 Jahre später waren es nur noch knapp 5 850 000 Menschen – ein Rückgang um 40 Prozent. Zugleich arbeiten immer weniger Menschen in einem Unternehmen mit Tarifvertrag. Zwischen 2000 und 2018 ging die Tarifbindung nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Sozialforschung (IAB) zurück: in Westdeutschland von 70 Prozent auf 56 Prozent, in Ostdeutschland von 55 auf 45 Prozent.

Auch deshalb öffnen sich die Gewerkschaften. Sie werben um Solo-Selbstständige und lobbyieren für strengere Gesetze im Bereich der Plattformökonomie. Wichtig sei auch eine bessere Ansprache und Aktivierung der Beschäftigten, sagt Wolfgang Schroeder. Der Politikwissenschaftler weist darauf hin, dass etwa die IG Metall jedes Jahr rund 120 000 neue Mitglieder werben müsse, nur um die Gesamtzahl der Mitglieder stabil zu halten. „Das zeigt gleichzeitig aber auch ihre professionelle Schlagkraft.“

Die deutschen Gewerkschaften hätten die Digitalisierung gut angenommen, sagt Schroeder: „Sie sind nicht in eine defensive Abwehrhaltung gegangen.“ Für den Umgang mit der Digitalisierung sei Weiterbildung ein entscheidendes Instrument. „Vor allem in kleineren Betrieben sind Weiterbildungen aber oft nur schwer durchzusetzen“, sagt er. Deshalb brauche es zugleich ein systematisches Zusammenspiel über Betriebe hinweg, auf Branchenebene und auch mit staatlichen Stellen.

Der Soziologe Klaus Dörre sieht in den Herausforderungen auch eine Chance: „Die großen Fragen kommen wieder auf den Tisch.“ Um den digitalen Überwachungskapitalismus und die Macht von Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft zurückdrängen zu können, bräuchten die Gewerkschaften aber eine Vision. Etwa die eines digitalen Sozialismus, in dem der Zugang zum Netz und die Nutzung digitaler Produktivkräfte zu einem öffentlichen Gut werde.

Gewerkschaften außen vor

Als Reaktion auf die Macht- und Arbeitsbedingungen in der Tech-Branche gründete sich in Berlin und München Ableger der US-amerikanischen Tech Workers Coalition. Die Initiative aus Kalifornien setzt sich für die Rechte von Beschäftigten aus der IT-Branche ein. „Bisher ist die Tech-Industrie leider nur sehr wenig gewerkschaftlich organisiert“, sagt ein Sprecher des Berliner Ablegers. In der Branche sei die Idee weit verbreitet, dass es wegen flacher Hierarchien die klassischen Instrumente der Mitbestimmung nicht brauche. „Dabei wird oft übersehen, dass die Arbeitsbedingungen nur bei einem kleinen Teil der Beschäftigten tatsächlich gut sind“, so der Sprecher.

Das beobachtet auch der Soziologe Dörre: „Die Jobs gehen dort verloren, wo die Industriegewerkschaften noch ihre Hochburgen haben und sie entstehen neu, wo gewerkschaftliche Organisationsmacht schwach ist.“ (Steffen Herrmann)

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