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Die Rettung des Urlaubs

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Von: Matthias Schwarzer

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Wasserratten und Sonnenanbeterinnen gibt es am Strand von Sankt Peter-Ording genug, Beschäftigte für die Gastronomie aber fehlen.
Wasserratten und Sonnenanbeterinnen gibt es am Strand von Sankt Peter-Ording genug, Beschäftigte für die Gastronomie aber fehlen. © Imago

Überall fehlen Arbeitskräfte. An der Nordseeküste suchen Hotels und Restaurants gemeinsam nach Personal. Ein Kollektiv wirbt mit günstigen Wohnungen, Partys und einem Fitnessstudio.

Nordsee-Kollektiv steht in großen hellblauen Buchstaben an einer Wand über dem Schreibtisch von Diana-Nadine Brammann. Es ist ein ziemlich kleines Büro – für vergleichsweise große Pläne. Denn in dem unscheinbaren Arbeitszimmer, nur wenige Meter vom Strand in Sankt Peter-Ording entfernt, soll eine Mammutaufgabe gelöst werden: Es geht um nicht weniger als die Rettung des Urlaubs.

„Sieht noch ein bisschen nach Start-up aus hier“, entschuldigt sich Brammann und legt ihr Headset beiseite. Normalerweise klingelt ihr Telefon ununterbrochen: Tagtäglich spricht die Geschäftsführerin des neuen Kollektivs mit Unternehmen, mit Bewerberinnen und Bewerbern und mit Interessenten, die sich am Projekt beteiligen wollen. Die Nachfrage ist enorm.

Warum das so ist? Sankt Peter-Ording hat, wie viele andere Touristenorte im ganzen Land, ein massives Problem: Nach zwei Jahren Corona-Pandemie lechzen zwar unzählige Urlauberinnen und Urlauber nach ein bisschen Erholung am Wattenmeer und bescheren Hoteliers und Gastronomen gute Umsätze. Für den Ansturm fehlt aber das notwendige Personal.

Bundesweit mangele es in 60 Prozent der Betriebe an Arbeitskräften, so beziffert es der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband. Und die Konkurrenz ist groß: Viele Branchen suchen händeringend Leute, die Bundesagentur für Arbeit sieht die Nachfrage nach Arbeitskräften auf Rekordniveau. Das Gastgewerbe ist besonders betroffen. Vom Tresen bis zum Zimmerservice – Tausende haben sich in der Pandemie etwas Neues gesucht. Noch immer liegt die Beschäftigtenzahl sechs Prozent unter dem Vorkrisenniveau, die Azubizahl 20 Prozent.

„Viele hatten angenommen, dass es nach Corona einen großen Markt an Arbeitnehmern aus der Tourismus- und Gastrobranche gibt, die einen Job suchen“, sagt auch Brammann. Genau das Gegenteil sei eingetreten: „Etliche sind einfach während der Lockdowns und Kurzarbeit abgewandert in andere Branchen.“ Dort wiederum würden sie mit „Handkuss“ genommen. „In vielen Unternehmen werden Menschen aus dem Servicebereich gesucht. Dort hat man dann geregelte Arbeitszeiten und ein besseres Gehalt. Und man arbeitet in einer Branche, die noch dazu krisensicherer scheint.“

Diana-Nadine Brammann.
Diana-Nadine Brammann. © Privat

In Sankt Peter-Ording will man diesen Trend stoppen. Gleich mehrere Hotels und Restaurants im Ort haben sich deshalb zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Die zentrale Aufgabe des neu gegründeten Nordsee-Kollektivs: Es soll den Betrieben helfen, Beschäftigte zu finden, und noch viel wichtiger, diese auch in Sankt Peter-Ording zu halten. Die Grundidee: „Weg vom Konkurrenzgedanken, dafür mehr Kooperation“, wie Brammann sagt. Langfristig wolle man ein großes Netzwerk aus vielen Betrieben im gesamten Ort aufbauen, die sich gegenseitig unterstützten. Es ist ein Projekt, das auch für andere Urlaubsregionen Modellcharakter haben könnte.

Das Haus, in dem Diana-Nadine Brammann ihr Büro hat, ist eines der wichtigsten Instrumente des Nordsee-Kollektivs. Das Gebäude wurde von der eigens gegründeten GmbH angemietet – und zwar nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum Wohnen. Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Ort haben die Möglichkeit, für eine schmale Miete Einzel- oder WG-Zimmer in dem Haus zu beziehen. Damit wird eines der größten Probleme gelöst, das potenzielle Beschäftigte von Sankt Peter-Ording fernhält: der Wohnraummangel.

Die meisten Häuser im Ort würden als Ferienunterkünfte an Touristen vermietet, erklärt Brammann. Und Wohnungen gebe es dann oft nur zu horrenden Preisen. Hier im sogenannten Crewhaus des Nordsee-Kollektivs können Neuankömmlinge für mindestens ein halbes Jahr in möblierten Zimmern wohnen – und dann in ihre eigene Wohnung umziehen. „Die meisten finden nach längerer Suche dann auch etwas Passendes.“

Doch der Wohnraum ist nicht der einzige Anreiz. Regelmäßig veranstaltet das Nordsee-Kollektiv gemeinsame Feiern – angekündigt werden sie über eine eigens programmierte Mitarbeiter-App. Mit einer Crewcard erhalten Beschäftigte Vergünstigungen, etwa in Restaurants und beim Einkaufen – ein von den Beschäftigten gern angenommener finanzieller Bonus. Zudem wurde für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter extra ein Fitnessstudio errichtet. „Das war in Mitarbeiterumfragen ganz weit oben auf der Liste“, so Brammann.

Und dann erhalten Beschäftigte auch noch vergünstigte E-Scooter, um die mittelmäßigen Bus- und Bahnanbindungen zu den Nachbarorten zu kompensieren. Nur eines fehle noch: „eine eigene Bar“. Die stehe aber auch schon auf der To-do-Liste.

All das kostet die teilnehmenden Betriebe natürlich eine Menge Geld – lohne sich aber, glaubt Brammann. Finden Häuser keine Beschäftigten mehr, werden sie schließen müssen – und das wäre auch das Ende des Tourismus auf Sankt Peter-Ording.

Rund drei Kilometer vom Crewhaus liegt der Ortsteil Bad. Hunderte Urlauberinnen und Urlauber schlendern, ausgestattet mit einem Eis oder einem Krabbenbrötchen, durch die Fußgängerzonen des Kurorts, gehen shoppen und kehren in eines der vielen Restaurants ein. Vor einem Hotel mit dem Namen Strandgut-Resort steht eine große Palette, die vom Hotelteam mit einer Aufschrift verziert wurde. Es ist eine Stellenanzeige. Wer Lust habe, in der „besten Crew“ zu arbeiten, der solle sich bitte melden, heißt es dort. Alessia Mezzadonna ist Personalmanagerin im Strandgut-Resort. Derzeit sei man vor allem auf der Suche nach Empfangspersonal, Servicekräften und Küchenpersonal.

Immerhin: „An der Küste sind wir noch weitestgehend glimpflich davongekommen“, sagt Mezzadonna. „Als wir wieder öffnen durften, waren wir auch schnell wieder zu 100 Prozent belegt.“ Bislang habe man noch genug Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das kann sich schnell ändern. Genau aus diesem Grund setze das Strandgut-Resort schon seit vielen Jahren auf spezielle Anreize. „Um Beschäftigte zu halten, ist es wichtig, auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen“, betont Mezzadonna. Dazu gehören etwa Weiterbildungsangebote, flexible Arbeitszeiten, aber auch das Anpassen der jeweiligen Aufgaben – etwa, wenn sich ein Mitarbeiter nicht ausgelastet fühlt. Auch Feiern für die Beschäftigten dürften nicht fehlen.

Ein großer Punkt ist aber laut Mezzadonna auch das Vernetzen der einzelnen Häuser untereinander, damit sich die Beschäftigten besser kennenlernen. „Gerade, wenn man von weiter weg nach Sankt Peter-Ording kommt, sucht man Anschluss.“ Genau hier komme dann wiederum das Nordsee-Kollektiv mit seinen Angeboten ins Spiel. Das Strandgut-Resort gehört zu den Gründungsmitgliedern des neuen Projekts.

„Oftmals wurden Mitarbeiter im Gastgewerbe auch einfach nicht gut behandelt“, sagt Diana-Nadine Brammann. Sie selbst hat eine Ausbildung in diesem Bereich gemacht: „Unbezahlte Überstunden gehörten dazu – und eine Wertschätzung gab es selten.“ Corona habe das ohnehin brüchige Gerüst zum Einstürzen gebracht – und die Mängel der Branche offengelegt.

Geht es nach Brammann und ihrem Team, soll langfristig der gesamte Ort von den Plänen profitieren. Zwar ist das Nordsee-Kollektiv eine GmbH mit fünf festen Betrieben – es agiert aber wie ein Verein. Auch kleine Restaurants und Hotels im Ort können Mitglied werden und für einen entsprechenden Beitrag die Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Dann sucht Brammann auch für sie neue Beschäftigte, die genau dieselben Vorzüge genießen.

Mehrere Betriebe hätten bereits Interesse gezeigt, drei hätten sich inzwischen dem Kollektiv angeschlossen. Insgesamt 300 Beschäftigte sind damit dem Nordsee-Kollektiv angeschlossen.

Überall in Deutschland buhlt man derzeit um neue Kolleginnen und Kollegen. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) spricht von einem echten „Stotterstart“ der Branche. „Etliche Betriebe haben schon Zwangsruhetage eingelegt, weil ihnen Personal fehlt“, sagt der NGG-Vorsitzender Guido Zeitler. Andernorts ist zu hören, dass Restaurants inzwischen Notkarten anböten, größere Feiern und Feste abgesagt würden. „Wir hören auch von Inhabern, die versuchen, selbst so viel wie möglich aufzufangen und in der Küche oder beim Service vieles zu übernehmen, was auf die Dauer natürlich nicht leistbar ist“, berichtet eine Sprecherin der IHK Flensburg. Besonders brenzlich ist die Situation auf den Inseln an Nord- und Ostsee – denn hier können Fachkräfte nicht einfach so zum Arbeitsort pendeln. Auf der kleinen Insel Helgoland etwa fehlen derzeit bis zu 140 Beschäftigte im Gastgewerbe.

Personal im Gastgewerbe.
Personal im Gastgewerbe. © FR/Statista/Bundesagentur für Arbeit

„Es kommt jetzt darauf an, Fachleute und Servicekräfte mit guten Konditionen zu werben, um für den Ansturm von Reisenden gerüstet zu sein“, sagt Zeitler und verweist auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit: Demnach verzeichnete das Hotel- und Gaststättengewerbe allein im ersten Corona-Jahr 2020 den Verlust von 275 000 Beschäftigten – das ist jeder sechste Arbeitnehmer der Branche. „Es muss jetzt gelingen, abgewandertes Personal zurückzugewinnen.“ Ein entscheidendes Mittel dabei seien höhere Löhne und attraktivere Arbeitsbedingungen.

Für Diana-Nadine Brammann gehen diese Überlegungen nicht weit genug. Sie sagt, dass sich auch die Ansprüche der Beschäftigten über die Jahre sehr verändert hätten – insbesondere die der jungen Leute. „Viele wollen gar nicht mehr Vollzeit arbeiten“, sagt sie. Die Viertagewoche etwa sei ein Riesenthema. „Man ist immer wieder an dem Punkt zu überlegen: Was braucht es noch? Wie müssen wir uns verändern?“

Ob das Nordsee-Kollektiv in Sankt Peter Ording langfristig den Urlaub retten kann, muss sich noch zeigen. Immerhin hat das Projekt mehrere Preise gewonnen und einige neue Bewerberinnen und Bewerber rekrutieren können. Die wohnen jetzt zusammen im Crewhaus – und hätten bereits eine eingeschworene Gemeinschaft gebildet.

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