1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Frax

Die Arbeit und ich - neu definiert

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Hannes Koch

Kommentare

Kellnern und Barkeeping haben an Attraktivität verloren.
Kellnern und Barkeeping haben an Attraktivität verloren. © imago images/Addictive Stock

Verändert Corona das Verhältnis zum Job - und wenn ja, wie? Darüber gibt es eine Debatte, vor allem in den USA und Großbritannien.

Viele Restaurants und Bars sind ziemlich leer in diesen Omikron-Wochen. Schlecht fürs Geschäft. Andererseits gäbe es massive Probleme, wenn jeder Tisch besetzt wäre. Denn es fehlt an Personal. Gastronominnen und Gastronomen berichten, wie schwierig es mittlerweile sei, Leute zu finden, die Bier und Flammkuchen herumtragen. „Where have all the servers gone?“ könnte man in Anlehnung an Pete Seegers Antikriegslied von 1955 fragen. „Wo sind all die Kellner hin?“

Die anekdotische Evidenz aus deutschen Landen passt zu einer großen These, die vor allem in den USA und Großbritannien diskutiert wird. Den Begriff „the great resignation“ prägte der texanische Psychologie-Professor Anthony Klotz. Eine ähnlich Formulierung: „the big quit“, frei übersetzt: „der große Rückzug“.

Die These besagt, dass der Corona-Schock, der erzwungene Stillstand und die Verlagerung der Arbeit nach Hause bei vielen Beschäftigten in den USA die Sinnfrage und eine Neuorientierung auslösten. „Bin ich gezwungen, diese Arbeit weiterzumachen, geht es nicht anders?“, hätten sie überlegt – und beschlossen, eine längere Pause einzuschieben, nur noch Teilzeit zu arbeiten, ihre materiellen Ansprüche herunterzuschrauben.

Die Beschäftigten gewinnen an Macht

Oder andersherum: ihren alten Job zu kündigen, um einen neuen mit besserer Bezahlung und günstigeren Konditionen anzunehmen. Jedenfalls seien die Beschäftigten autonomer geworden gegenüber den Unternehmen. Dass es im sozialen Netzwerk Reddit eine „Antiwork“-Gruppe mit 1,7 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gibt, mündet mitunter gar in die Diagnose eines kulturellen Wandels weg von der Lohnarbeit.

Als empirischen Beleg führen die Befürworter:innen der These an, dass ab Mitte 2021 drei Prozent aller Beschäftigten in den USA ihre Arbeitsstellen kündigten, gegenüber zwei Prozent vorher. Parallel nahmen die Gehälter um vier Prozent zu – ein Zeichen für die größere Verhandlungsmacht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Allerdings schrieb das britische Wirtschaftsmagazin Economist, diesen Trend gebe es in den USA, vielleicht noch in Großbritannien, in anderen Staaten aber eher nicht.

„Ein ‚big quit‘ ist in Deutschland nicht zu beobachten“, sagt auch Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. „Bis zum zweiten Quartal 2021 wurden nicht mehr Jobs beendet als vor Corona, auch nicht von den Beschäftigten.“ Ein Schwachpunkt dieses Arguments: Die IAB-Untersuchung endet ungefähr zu dem Zeitpunkt, als die Kündigungswelle in den USA erst begann. Trotzdem bleibt Weber bei seiner Einschätzung. Für einen Grund hält er den hiesigen Kündigungsschutz zugunsten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, auf den diese gerade in einer Krise nicht verzichten wollten. In den USA existiert eine solche Absicherung nicht.

Allerdings sieht Weber eine wesentliche Ausnahme: „Ab Herbst 2020 kehrten deutlich weniger arbeitslose Beschäftigte in die Gastronomie zurück als vor der Krise.“ In diesem Bereich fand wohl tatsächlich eine Umorientierung statt: Zahlreiche Leute, die früher etwa als Kellnerinnen und Kellner in Restaurants tätig waren, suchten sich aus der Arbeitslosigkeit andere Betätigungsfelder, beispielsweise in Callcentern.

Zu viel Nachtarbeit?

Über die Gründe kann man mangels Daten nur spekulieren. Vielleicht haben die vielen Abschiede vom Kellnern damit zu tun, dass die Ex-Bedienungen unzufrieden waren mit Nachtarbeit und mäßiger Bezahlung.

Unter dem Strich ist hierzulande kein großer Trendumschwung oder gar ein kultureller Wandel im Verhältnis zur Arbeit zu erkennen. Dennoch deutet einiges daraufhin, dass sich in Deutschland die Machtbalance zwischen Arbeitnehmer:innen und Arbeitgebern zugunsten ersterer verschiebt. Es entsteht ein Anbietermarkt: Auf dem Arbeitsmarkt können die Beschäftigten, die ihre Tätigkeit gegen Lohn anbieten, mehr verlangen.

Die Ursache: Beispielsweise der Jahrgang 1961 verzeichnete 1,3 Millionen Geburten, 1999 waren es dagegen nur rund 800 000. Gehen die 1961er bald in Rente, fehlen pro Jahr 500 000 potenzielle Arbeitskräfte. Der Personalmangel führt dazu, dass die Firmen den Bewerbern bessere Konditionen bieten müssen. Aus Sicht der jungen Leute ist die Lage in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich ziemlich luxuriös: Wer einigermaßen auf der Höhe ist, kann sich den Job aussuchen, den er oder sie auch wirklich haben will.

Auch interessant

Kommentare