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Büffeln im Bootcamp

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Von: Steffen Herrmann

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Programmieren lernen bei Le Wagon: Der Bedarf an IT-Fachkräften ist groß.
Programmieren lernen bei Le Wagon: Der Bedarf an IT-Fachkräften ist groß. © Le Wagon

Im Schnellverfahren in der IT-Branche Fuß fassen? Das kann auch für Geflüchtete interessant sein. Rhett Büttrich, Chef von Le Wagon, hat deshalb mit seinem Team ein passendes Angebot entwickelt.

Rhett Büttrich ist überzeugt: „Das ist die Zukunft der Bildung.“ Büttrich spricht von Coding Bootcamps. In ihnen lernen Menschen in wenigen Wochen oder Monaten, wie man Apps programmiert oder Datensätze analysiert. Als Geschäftsführer von Le Wagon in Deutschland muss Büttrich das wohl so sehen. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer: In 44 Ländern bildet Le Wagon Menschen für die IT-Branche aus. Knapp 15 000 Menschen sollen die Programme von Le Wagon schon durchlaufen haben.

Hierzulande gibt es zwei Kurse – Webentwicklung und Data Science –, mit denen Büttrich und sein Team die Menschen für die digitale Welt fit machen wollen. Der Zeitraum: neun Wochen, mit bis zu zwölf Stunden am Tag. Eine Lehrkraft kümmert sich um bis zu fünf Schülerinnen und Schüler, im Lernalltag gibt es Challenges und spielerische Elemente. Kosten: 6900 Euro.

„Das ist eine intensive Zeit“, sagt Büttrich, „wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Pensum nicht für jeden zu schaffen ist.“ Man müsse sich eben auf den Kurs einlassen können. Bei Le Wagon beobachteten sie, dass dies aber vor allem einer Gruppe schwerfiel: Menschen, die noch nicht lange in Deutschland sind. „Im ersten Jahr nach der Flucht oder nach der Migration ist man mental oft nicht dazu in der Lage, sich zwölf Stunden auf das Coding zu konzentrieren“, sagt Büttrich. Weil so viel anderes passiert: Neues Land, neue Sprache, andere Kultur, Stress mit den Behörden – das volle Programm.

Programmieren lernen in zwölf Monaten

Damit der Neustart in Deutschland wirklich klappt, haben sich Büttrich und seine Mitstreiter:innen etwas einfallen lassen: „Speak & Code Academy“ heißt das Programm. Es richtet sich an Geflüchtete. Statt neun Wochen lernt man nun zwölf Monate lang – und nicht nur zu programmieren. „Es ist ein ganzheitlicher Ansatz“, sagt Büttrich, das heißt: Teil des Stundenplans sind auch Sprachkurse und Lerneinheiten, in denen die Schülerinnen und Schüler die deutsche Kultur kennen lernen. Finanziert werden kann der Kurs mit einem Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit – für Flüchtlinge kostet er also nichts.

Rhett Büttrich , war früher bei einer Bank tätig. Dann hat er selbst ein Bootcamp absolviert.
Rhett Büttrich , war früher bei einer Bank tätig. Dann hat er selbst ein Bootcamp absolviert. © Silver Nebula

Schon im vergangenen Jahr hat Le Wagon begonnen, das Konzept mit der Online-Sprachschule Lingoda und dem Social-Start-up Kiron zu entwickeln. „Nun“, sagt Büttrich mit Blick auf den Krieg in der Ukraine, „kommt es zur richtigen Zeit“. Denn seit Beginn der russischen Invasion sind Hunderttausende Menschen nach Deutschland geflohen. Viele davon werden bleiben und sich ein neues Leben aufbauen; einige werden auch beruflich neu anfangen müssen – vielleicht in der IT?

In Deutschland fehlen IT-Fachkräfte

Der Bedarf jedenfalls wäre groß: 96 000 freie Stellen für IT-Fachkräfte zählt der Branchenverband Bitkom in Deutschland. Und in den nächsten Jahren könnte der Mangel zunehmen. Gute Chancen also für Quereinsteiger ohne Vorkenntnisse: „Nach den zwölf Monaten des Kurses können die Absolventinnen und Absolventen in jedem Entwickler-Team auf Junior-Positionen einsteigen“, ist sich Rhett Büttrich sicher. Bei einem Einstiegsgehalt von durchschnittlich 44 000 Euro.

Vorher aber wird gelernt: 9:30 Uhr bis 14:00 Uhr coden, 15:00 Uhr bis 17:00 Sprachkurs, dazwischen Mittagessen, Yoga oder Meditation; und einmal in der Woche der Inklusionskurs. Praktisch lernen die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel, wie man eine Live-Map in einen Blog über die besten Restaurants in München integriert. Feedback kommt direkt von der Lernsoftware.

Der erste Durchgang des Programms startet am 6. Juni, die Bewerbungsphase ist seit Mitte April offen. Auf 20 bis 30 Plätze hätten sich schon 550 Menschen beworben, erzählt Büttrich.

IT-Bootcamps gibt es inzwischen viele

IT-Bootcamps sind angesagt. Sie richten sich vor allem an Quereinsteiger, wenn etwa der Tierarzt zum Java-Spezialisten werden will. Angebote kommen etwa von Careerfoundry, Ironhack oder Stackfuel. Die Preise bewegen sich für Normalsterbliche zwischen 4000 und 10 000 Euro. In manchen Fällen können die Kurse über Bildungsgutscheine der Agentur für Arbeit finanziert werden.

Auch Rhett Büttrich selbst hat ein Bootcamp absolviert. „In meiner Ausbildung habe ich gemerkt, wie wenig Algorithmen im Finanzbereich eingesetzt werden und wie wichtig sie gerade dort eigentlich sind,“, erzählt der heutige Geschäftsführer, „ich wusste, ich muss etwas tun“. Was er in seinem ersten Leben war? „Investmentfondskaufmann“, sagt Büttrich, „quasi ein Bankkaufmann“.

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