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Berufliche Bildung: Schraubenschlüssel für die Zukunft

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Von: Steffen Herrmann

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Das Image des Handwerks soll besser werden.
Das Image des Handwerks soll besser werden. © IMAGO/Westend61

Im Handwerk fehlt für den Umbau der Wirtschaft nötiges Personal. Hilft frühe Bildung?

Viel Zeit bleibt nicht. Innerhalb weniger Jahre muss die deutsche Wirtschaft umgebaut werden. Die Zukunft ist grün, klimaneutral und energieeffizient. Allein: Für den Umbau fehlt es an Arbeitskräften. Grund genug, auf Aus- und Weiterbildung zu schauen: „Die berufliche Bildung kann das Herzstück der grünen und digitalen Transformation sein“, sagte der OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher am Freitag bei einer Veranstaltung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des OECD Berlin Centre. Fachleute aus Politik, Handwerk und Forschung hatten sich digital zusammengeschaltet, um über den Fachkräftemangel im Handwerk zu sprechen.

„Es fehlt an Wertschätzung für die berufliche Bildung und das Arbeiten mit den Händen“, sagte Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Dabei könne die Transformation nur mit Hilfe des Handwerks gelingen. Schwannecke forderte, der berufliche und der akademische Weg müssten künftig gleich viel wert sein.

Eine „Glorifizierung“ des Berufszweigs als „Energiewende-Retter“ schlug auch Florian Meyer-Delpho vor, der als Mann der Praxis an der Runde teilnahm. Meyer-Delpho hat eine Plattform gegründet, die zwischen Photovoltaik-Installateuren und Auftraggebern vermittelt. Von der Politik forderte er „pragmatischere“ Fortbildungswege.

Berufliche Bildung: „Brauchen Erzieher ebenso wie Handwerker“

Die Politik in Person von Kornelia Haugg sah sich dagegen grundsätzlich ganz gut aufgestellt. „Die berufliche Bildung ist nicht unattraktiv geworden“, sagte die Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Man müsse beachten, dass die Zahl der jungen Menschen insgesamt abnehme– also auch jener, die sich für eine Ausbildung entscheiden. Haugg warnte davor, Sektoren gegeneinander auszuspielen. „Wir brauchen Erzieher ebenso wie Handwerker.“

Schleicher plädierte in der Diskussion dafür, berufliche Bildung schon früh in den Blick zu nehmen: nicht am Ende der Schulzeit, sondern schon in den ersten Lebensjahren. „Kinder sollten schon in der Grundschule die Zukunft erkunden können“, sagte Schleicher. Schon in diesem Alter bräuchten sie Rollenmodelle, insbesondere für sozial benachteiligte Kids sei das wichtig. „Denn man kann nicht werden, was man nicht sehen kann.“

Ein Blick über den Tellerrand: Weltweit sind nach Angaben der Unternehmensberatung Deloitte mehr als 800 Millionen Jobs vom Klimawandel und der Energiewende betroffen. Das ist ein Viertel aller Menschen, die heute arbeiten. Große Veränderungen kommen vor allem auf die Landwirtschaft zu, die Energiewirtschaft, den Bergbau, die Industrie und das Transport- und Baugewerbe. Einerseits weil diese Branchen ihre CO2-Emissionen drastisch reduzieren müssen, andererseits weil Fluten, Hitzewellen und Unwetter zunehmen. Laut Deloitte arbeiten in Afrika und im asiatisch-pazifischen Raum mehr als 40 Prozent der Menschen in „vulnerablen“ Branchen.

Berufliche Bildung: „Heute ist die Arbeit das Lernen“

Die Krise kann aber auch eine Chance sein. So sieht es zumindest der Deloitte-Klimaexperte Bernhard Lorentz, der die Studie der Unternehmensberatung am Dienstag am Rande der UN-Klimakonferenz vorstellte. „Durch eine aktive Gestaltung der Transformation könnte die Dekarbonisierung bis 2050 mehr als 300 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze hervorbringen“, sagte Lorentz laut der Nachrichtenagentur dpa, „davon 21 Millionen in Europa, 180 Millionen in Asien-Pazifik, 75 Millionen in Afrika und 26 Millionen in Amerika.“

Dabei nimmt in den Chefetagen der Unternehmen die Unsicherheit zu: Nur 48 Prozent der Unternehmen und Behörden in Deutschland wissen, welche Kompetenzen sie bis 2025 benötigen werden. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Beratungsfirma Sopra Steria, die im September 395 Entscheider:innen befragt hat. Ein großer Teil der Unternehmen fährt in Zeiten des zunehmenden Arbeitskräftemangels also auf Sicht. Und das, obwohl das Weiterbilden am Arbeitsplatz selbst immer wichtiger wird: „Früher hat man für die Arbeit gelernt, heute ist die Arbeit das Lernen“, sagte Andreas Schleicher. Genau das sei der Schlüssel für die Zukunft, ist sich der OECD-Forscher sicher.

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