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Berufliche Weiterbildung: „Viele haben verlernt, zu lernen“

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Von: Steffen Herrmann

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Auch das kann Bildungsurlaub sein: Yoga am Strand.
Auch das kann Bildungsurlaub sein: Yoga am Strand. © Imago

Lara Körber, Mitgründerin des Portals Bildungsurlauber.de, über die Bedeutung von Weiterbildung, besonders beliebte Kurse und skeptische Arbeitgeber.

In Zeiten des Wandels ist Weiterbildung wichtig, vor allem im Berufsleben. Ein mögliches Instrument ist der Bildungsurlaub: Rund 27 Millionen Menschen in Deutschland haben Anspruch auf fünf Tage Extraurlaub für als Bildungsurlaub anerkannte Weiterbildungen – aber nur etwa zwei Prozent nehmen ihr Recht wahr, und lernen eine neue Sprache oder rollen die Yogamatte am Strand aus. Lara Körber will das ändern. Die Mitgründerin des Portals Bildungsurlauber.de spricht über lebenslanges Lernen, kuriose Kurse und Schranken im Kopf.

Frau Körber, seit 1974 haben die meisten Bundesländer bis auf Bayern und Sachsen das Recht auf Bildungsurlaub eingeführt. Ist der Bildungsurlaub noch zeitgemäß?

Bildungsurlaub ist zeitgemäßer als je zuvor. Die Pandemie hat für uns alle die Frage aufgeworfen, wie wir leben und arbeiten wollen. Körperliche und mentale Gesundheit sind dabei in den Fokus gerückt. Bildungsurlaub ist deshalb sehr fortschrittlich, weil berufliche Weiterbildung vom Gesetz breit verstanden wird: Es zählen also neben fachlichen Weiterbildungen eben auch Yoga, Burnout-Prävention, Resilienz- und Achtsamkeitstraining als beruflicher Mehrwert. Das ist wirklich zukunftsgewandt. Und man muss dafür nicht kämpfen – das ist das Tolle. Bildungsurlaub steht den Menschen per Gesetz zu, sie können ihn individuell für sich nutzen.

Das Konzept ist allerdings nicht besonders erfolgreich. Nur wenige Menschen nehmen Bildungsurlaub. Warum?

Auf der einen Seite liegt das an der Unwissenheit vieler Menschen. Machen Sie ruhig mal den Test: Wie viele Menschen in Ihrem Umfeld kennen das Konzept nicht? Ich schätze einige. Ich selbst habe zehn Jahre in einer Festanstellung gearbeitet und kannte mein Recht auf Bildungsurlaub nicht. Auf der anderen Seite hält die Angst vor der Chefin oder dem Chef viele Beschäftigte davon ab, Bildungsurlaub zu beantragen. Dabei profitieren auch die Unternehmen von Bildungsurlaub. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig.

Studien zum Beispiel von der Bertelsmann-Stiftung zeigen, dass vor allem Menschen, die Qualifizierung dringend nötig hätten, sich nur sehr selten weiterbilden.

Die moderne Arbeitswelt fordert von uns, immer Neues zu lernen. Doch ich glaube, viele haben verlernt, zu lernen. Herausforderungen begegnen wir häufig mit den gleichen Routinen, oft haben wir Angst vor dem Scheitern und Leistungsdruck ist für viele gleich Leidensdruck. Bildungsurlaub ist eine tolle Möglichkeit, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen. Und diese Chance zum lebenslangen Lernen verliert man, wenn man den Anspruch nicht wahrnimmt. Weiterbildung sollte als Bereicherung gesehen werden und nicht als Stress – meiner Meinung nach kann Bildungsurlaub zu diesem Umdenken beitragen.

In diesem schwierigen Umfeld haben Sie Bildungsurlauber.de mitgegründet. Was ist das Konzept des Start-ups?

Als wir das erste Mal von Bildungsurlaub gehört haben, wurde uns schnell klar, dass es nicht so einfach ist: Wie finde ich das richtige Seminar, wie buche ich es und welche Dokumente sind notwendig? Oder wie unterscheiden sich die Regeln zwischen den Bundesländern? Daraus ist die Idee von Bildungsurlauber.de entstanden. Wir sind das Booking.com für Bildungsurlaub – hier machen wir aus kompliziert einfach und helfen bei Kurssuche, Kursbuchung und bei Fragen rund ums Gesetz.

Wie verdient Bildungsurlauber Geld?

Durch ein Provisionsmodell. Das heißt, wir bekommen von den Anbieter:innen für die vermittelten Teilnehmer:innen einen Beitrag. Das Geld fließt wiederum zurück ins Marketing, um weiter über diese Weiterbildungschance aufzuklären, um noch mehr Menschen ab in den Bildungsurlaub zu schicken.

Zur Person

Lara Körber, 36, ist Mitgründerin von Bildungsurlauber.de. Rund 500 000 Menschen nutzten die Plattform im vergangenen Jahr. Zuvor arbeitete sie als freiberufliche Dozentin, Content Creator und Journalistin.

Bildungsurlaub: Pro Jahr haben Beschäftigte in der Regel Anspruch auf fünf Tage Bildungsurlaub. Er wird zusätzlich zum regulären Urlaub gewährt. Der Arbeitgeber muss den Lohn in dieser Zeit weiterzahlen. Etwaige Kursgebühren, Unterkunft und Lehrmittel muss er aber nicht zahlen. Bayern und Sachsen sind die einzigen Bundesländer, in denen es keinen gesetzlichen Anspruch auf Bildungsurlaub gibt. Weitere Infos bieten unter anderem die Gewerkschaften und Volkshochschulen. sbh

Bildungsurlauber.de gibt es seit Anfang 2020. War die Pandemie ein Problem – oder hat sie das Geschäft sogar beflügelt?

Anfangs war sie ein Problem. Wir sind mit dem ersten Lockdown live gegangen. Das ist natürlich sehr, sehr schwierig für ein Konzept, das mit Reisen und physischen Weiterbildungen zu tun hat. Aber wir haben an die Idee geglaubt und durchgehalten. Heute kann ich sagen, dass die Pandemie Bildungsurlaub weitergebracht hat: In vielen Bundesländern sind nun zum Beispiel auch Online-Bildungsurlaube möglich, und das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz steht voll im Fokus. Auch immer mehr Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber verstehen, wie wichtig es ist, dass es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut geht.

Welche Seminare sind denn besonders begehrt?

Seminare rund um Stressbewältigung, Resilienz und Achtsamkeit. Viele Menschen fördern sich aber auch mit Yoga oder Sprachkursen.

Bei der Auswahl der Kurse ist man frei, einen Bezug zur eigenen Tätigkeit braucht der Bildungsurlaub nicht. Was ist der verrückteste Kurs auf Ihrer Plattform?

Da muss ich kurz einhaken: Bildungsurlaub wird jeweils von den Ministerien der Bundesländer geprüft. Dort schaut man sich den Stundenplan an, den beruflichen Mehrwert und das didaktische Konzept. Die Seminare sind also immer zertifiziert. Das muss man unterstreichen, wenn man über Seminare spricht, die etwas ausgefallener sind. Zum Beispiel der Yoga-Kurs auf Sylt oder der Spanischkurs in Valencia. Auch ein schönes Beispiel für die Vielfalt an Bildungsurlaub: Führungskräftetraining mit Pferden. Das finde ich klasse. Da lernt man zum Beispiel viel über Körpersprache und wie man diese einsetzt. Grundsätzlich finde ich, dass Weiterbildung auch Spaß machen darf!

Viele Arbeitgeber stehen dem Bildungsurlaub skeptisch gegenüber, auch wegen solcher Kurse.

Aus meiner Sicht ist das oft ein Vorurteil, das sich hartnäckig in den Köpfen der Beschäftigten hält. Was stimmt: Arbeitgeber:innen haben Bildungsurlaub bisher nicht an die große Glocke gehängt. Aber nach unserer Erfahrung reagieren die meisten Unternehmen positiv auf die Anträge. Bei VW zum Beispiel hat jede:r Zweite schon Bildungsurlaub gemacht. Bei vielen Unternehmen findet ein Umdenken statt und sie nutzen Bildungsurlaub, um neue Talente zu werben und zu halten oder als Ergänzung ihres betrieblichen Gesundheitsmanagements.

Arbeiten Sie mit Unternehmen zusammen?

Bisher nicht, aber das ist auf jeden Fall eines unserer Ziele. Am Anfang dachten wir, es würde reichen, nur die Beschäftigten über ihr Recht auf Bildungsurlaub aufzuklären. Aber so einfach ist es nicht. Also werden wir uns künftig verstärkt auch den Unternehmen zuwenden, um über den Mehrwert Bildungsurlaub aufzuklären.

Interview: Steffen Herrmann

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