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Bahngewerkschaft EVG: „Unsere Streiks zielen nicht auf die Fahrgäste“

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Von: Steffen Herrmann

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Verhandeln mit 50 Unternehmen gleichzeitig: Cosima Ingenschay und Kristian Loroch.
Verhandeln mit 50 Unternehmen gleichzeitig: Cosima Ingenschay und Kristian Loroch. Andreas Mann © Andreas Mann

Die EVG-Tarifvorstände Cosima Ingenschay und Kristian Loroch über mögliche Streiks, Löhne bei der Deutschen Bahn und den Faktor Mensch in der Konzernstrategie.

An diesem Dienstag beginnt die Tarifrunde für die Beschäftigten von Bahnunternehmen. Die Gewerkschaft EVG verhandelt mit der Deutschen Bahn und 50 weiteren Verkehrsunternehmen. Cosima Ingenschay und Kristian Loroch sind die Verhandlungsführer der EVG. Im Interview sprechen sie über Tariffolklore, mögliche Streiks und verständnisvolle Fahrgäste.

Frau Ingenschay, Herr Loroch, Sie fordern zwölf Prozent mehr Lohn, mindestens aber 650 Euro mehr pro Monat. Das ist die höchste Lohnforderung, die ihre Gewerkschaft je erhoben hat. Warum ist das notwendig?

Cosima Ingenschay: Wir haben eine Inflation, wie wir sie sehr lange nicht mehr hatten. Die Teuerung trifft vor allem die, die sowieso schon weniger haben. Wir haben Kollegen, die sich am Monatsende überlegen müssen, ob sie ihr Auto volltanken, um damit zur Arbeit zu fahren, oder ob sie einkaufen gehen. Diese Situation ist nicht tragbar. Deshalb sind uns die 650 Euro als Mindestkomponente so wichtig. Auf der anderen Seite haben wir in den vergangenen Tarifrunden eher zurückhaltende Abschlüsse gehabt, weil es damals um Arbeitsplatzsicherheit ging. Da hatten wir keine Lohnsteigerung im Fokus, das müssen wir jetzt aufholen.

Die Deutsche Bahn hat nach Jahren der Verluste zuletzt zwar Gewinn gemacht, ist aber hoch verschuldet und das Netz ist überlastet. In den kommenden Jahren muss viel Geld in den Ausbau der Schieneninfrastruktur fließen. Der Personalvorstand der Deutschen Bahn, Martin Seiler, warnte, man dürfe die „Zukunftsorientierung“ der Bahn nicht aus den Augen verlieren. Gefährden Sie mit Ihren Forderungen die Zukunft der Bahn?

Kristian Loroch: Ich glaube, dass Herr Seiler mit solchen Äußerungen sein eigenes Geschäftsmodell gefährdet. Denn er braucht ja nicht nur Material wie Züge oder Gleise, sondern vor allem Menschen. Und im Übrigen fordern wir nicht die Schaffung von Einkommensmillionären. Unsere Forderung gefährdet weder das Unternehmen noch die Verkehrswende. Wir haben in Großbritannien gesehen, was passiert, wenn etwa LKW-Fahrer fehlen. Diesen Exodus aus dem Niedriglohnbereich heraus erleben wir in unseren Branchen auch. Dabei spricht man ja schnell von einem Fachkräftemangel, und natürlich bilden wir auch zu wenige junge Menschen aus. Aber wir haben vor allem einen Entgeltmangel. Es ist wie in der Pflege: Mehr Menschen würden unseren Beruf machen, wenn er denn ordentlich bezahlt würde.

Sie haben schon angekündigt, dass es schnell zu einer Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern kommen kann. Wenn es schlecht läuft: Wann wird gestreikt?

Cosima Ingenschay: Streiks sind immer das letzte Mittel. Aber wir verhandeln mit 50 Unternehmen gleichzeitig, ein Verhandlungszyklus dauert vier bis sechs Wochen – das zieht sich also. Deshalb erwarten wir von den Arbeitgebern schon in der ersten Runde Angebote, über die man sprechen kann. Wir haben keine Zeit für Tariffolklore. Wenn unsere Erwartungen nicht erfüllt werden, dann sehen wir weiter.

Kristian Loroch: Wir versuchen, die Arbeitgeber nicht zu überfordern. Denn wir sprechen ja nicht nur über die Entgeltforderung, sondern auch über einige strukturelle Themen – zum Beispiel den Mindestlohn oder die ungleiche Bezahlung in Ost und West, aber auch in Nord und Süd. Da haben wir Vorarbeit geleistet und den Arbeitgebern schon erläutert, was wir uns vorstellen.

Zu den Personen

Cosima Ingenschay ist seit Oktober 2022 stellvertretende Vorsitzende der EVG. Die 44-Jährige ist unter anderem für Tarifpolitik zuständig.

Kristian Loroch, 46, ist ebenfalls Vize-Chef der Gewerkschaft und für Tarifpolitik zuständig.

Die EVG fordert zwölf Prozent mehr Lohn, mindestens aber 650 Euro für rund 180 000 Beschäftigte. sbh

Derzeit laufen einige Tarifrunden, zum Beispiel bei der Deutschen Post und für den Öffentlichen Dienst. Wie arbeiten Sie mit der Gewerkschaft Verdi zusammenarbeiten?

Cosima Ingenschay: In den nächsten Wochen werden wir uns eng abstimmen, denn unsere Wege werden sich in den Verhandlungen kreuzen – zum Beispiel bei den kommunalen Busbetrieben. Und als DGB-Gewerkschaften sprechen wir uns sowieso ab. Wenn wir nach Großbritannien schauen, dann sehen wir auch, wie erfolgreich gemeinsam orchestrierte Streiks sind.

Vor kurzem hat Verdi die deutschen Flughäfen lahmgelegt. Nun drohen Sie mit einem Streik, der sich nicht nur auf den Bahnverkehr, sondern auch auf andere Lebensbereiche erstrecken könnte. Das ist doch Futter für den Arbeitgeberverband BDA, der von einem „zunehmend unberechenbaren“ Arbeitskampfrecht spricht und vom Gesetzgeber fordert, das Streikrecht zu begrenzen.

Kristian Loroch: Angst war noch nie ein guter Ratgeber. Natürlich wird es wieder eine Debatte geben, das ist klar. Aber wird die Debatte zum Schein geführt, damit alle wieder zurück an den Tisch kommen? Damit können wir umgehen. Wenn es wirklich um Gesetze geht, dann wird es natürlich zum Problem. Aber als Sozialdemokrat bin ich überzeugt, dass Olaf Scholz an diese Diskussion keine Luft heranlassen wird. Aber lassen Sie mich noch eine Sache sagen.

Bitte.

Kristian Loroch: Unsere Streiks zielen nicht auf die Fahrgäste. Das ist nicht der Sinn eines Streiks. Und unsere Forderung ist letztendlich ja auch im Sinne der Fahrgäste: Wenn das Personal fehlt, bleiben Züge stehen.

Cosima Ingenschay: Genau, wer regelmäßig Bahn fährt, spürt den Personalmangel jetzt schon. Es gibt DB-Busunternehmen, die Kinder nicht mehr zur Schule fahren können, weil sie keine Leute haben.

Kristian Loroch: Das ist der Zwiespalt: Da sitzt jemand am Steuer, dem wir unsere Kinder anvertrauen – das wertvollste, was wir haben. Trotzdem wird der Busfahrer oder die Busfahrerin nicht entsprechend bezahlt. Da erhoffen wir uns Rückhalt aus der Bevölkerung.

Warum verhandeln Sie eigentlich mit 50 Unternehmen gleichzeitig?

Kristian Loroch: Das wäre nicht nötig, wenn die Arbeitgeber ihre Hausaufgaben machen würden und sich in einem Arbeitgeberverband zusammenschließen würden. Das ist leider nicht so. Es gibt leider auch keinen Branchentarifvertrag, der ist an der DB AG gescheitert. Das war unklug.

Cosima Ingenschay: Und die gleichzeitigen Verhandlungen sind nun unsere Antwort auf diese Situation. Wir haben die Laufzeiten der einzelnen Tarifverträge so aufeinander abgestimmt, dass wir am Ende doch gemeinsam verhandeln – und so die Chance haben, mit einer größeren Streikmacht mehr zu erreichen: höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in der gesamten Branche. Das verhindert auch einen Wettbewerb nach unten, der auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen wird.

In der ersten Runde verhandeln Sie zunächst mit der Deutschen Bahn, dann mit den anderen Unternehmen. Erwarten Sie, dass die DB AG die Richtung vorgibt?

Kristian Loroch: Ja, die nicht so großen Betriebe werden ganz genau auf das marktbeherrschende Unternehmen schauen und sich dann schnell anpassen.

Cosima Ingenschay: Es ist aber nicht so, dass wir immer zuerst mit der DB AG verhandeln. In den Folgerunden haben wir die Reihenfolge verändert. Jedes Unternehmen soll die Chance haben, Taktgeber zu sein.

Wie wahrscheinlich ist es denn, dass pünktlich zur Einführung des 49-Euro-Tickets im Mai gestreikt wird?

Kristian Loroch: Denkbar ist das. Aber wie gesagt: Unser Ziel ist es, schon in der ersten Verhandlungsrunde etwas zu bekommen, mit dem wir arbeiten können. Deshalb schauen wir nicht so weit in die Zukunft. Aber klar, es wäre eine Option. Manchmal wird ja gesagt, wird dürften an solchen Tagen wie zum Beispiel auch während des Weltklimatages nicht streiken, weil dies das Thema konterkariert. Das sehe ich anders. Wobei: Möglich ist auch, dass sich das 49-Euro-Ticket selbst bestreikt, weil irgendetwas technisch nicht funktioniert. (Interview: Steffen Herrmann)

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