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Ausbildungsmarkt: „Junge Leute kennen ihre Lage“

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Von: Clemens Dörrenberg

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Azubis bei MAN Energy Solutions in Oberhausen.
Azubis bei MAN Energy Solutions in Oberhausen. © Rupert Oberhäuser/Imago

Der Experte Frank Neises über den Ausbildungsmarkt, regionale Unterschiede und staatliche Hilfe.

Herr Neises, wie ist die Lage auf dem Ausbildungsmarkt?

2,33 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 34 Jahren sind in Deutschland ohne formale Qualifikation. Bei jenen ohne Hauptschulabschluss beträgt diese Quote rund 70 Prozent. Wir können es uns nicht leisten, so viele Menschen ungelernt aus dem Bildungssystem zu entlassen.

Was muss sich ändern?

Unterstützung ist wichtig. Mit einer individuellen Übergangsgestaltung und kontinuierlicher Beziehungsarbeit kann viel erreicht werden. Wir haben im Moment viele Jugendliche, die von den Hilfesystemen nicht erreicht werden. Durch aufsuchende, lebensweltorientierte Jugendarbeit kann man an diese Jugendlichen rankommen und sie beim Übergang in die Ausbildung begleiten. Kooperationen mit Schulen als abgebende Systeme und eine verlässliche Beziehungsarbeit, vor allem für jene, denen diese im sozialen Umfeld fehlt, sind ebenfalls wünschenswert.

Welche Schwierigkeiten sehen Sie bei der Ausbildungssuche?

Wir haben die Situation am Ausbildungsmarkt mit „Passungsproblemen“ überschrieben. Bewerber:innen und Ausbildungsbetriebe kommen nicht zusammen. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen liegt bundesweit mittlerweile über 60 000, das sind über zwölf Prozent der bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldeten Stellen. Gleichzeitig bleiben viele junge Menschen erfolglos suchend, auch über zwölf Prozent der gemeldeten Bewerber:innen. Es scheint immer häufiger nicht zu passen. Gleichzeitig zeichnen sich vermehrt lange Übergangsfristen in Ausbildung und instabile Ausbildungsverläufe ab. Das Eintrittsalter in Ausbildung liegt derzeit im Durchschnitt bei knapp 20 Jahren.

Woran liegt das?

Regionale Ungleichheiten sind zum einen dafür verantwortlich. Während in den Regionen des Ruhrgebiets 100 Jugendlichen nur etwa 70 bis 80 Ausbildungsstellen geboten werden, gibt es in den Regionen Ostbayerns nahezu 130 Lehrstellen auf 100 Jugendliche. Auch werden bestimmte Berufe seltener von den Jugendlichen gewählt oder Betriebe definieren bestimmte Anforderungen.

Frank Neises (50) ist Pädagoge und forscht am Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn. Bild: BIBB
Frank Neises (50) ist Pädagoge und forscht am Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn. © BIBB

Was würde helfen?

Von den Jugendlichen wird Mobilität erwartet. Für sie ist es aber häufig schwierig, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen. Ein Anreiz wären neue Wohnheimkonzepte. Man könnte beispielsweise Studierende und Auszubildende in Bildungswohnheimen zusammen unterbringen. Zudem könnten Azubi-Tickets, analog zu den Studi-Tickets, Mobilitätsanreize bieten.

Welche Gründe für die vielen unbesetzten Stellen gibt es noch?

Junge Menschen haben heute andere Vorstellungen. Sie kennen vielleicht auch ihre Marktlage. Sie schreiben zwei, drei Bewerbungen, weil die Ausbildungsmarktlage zugunsten der Jugendlichen gekippt ist. Bestimmte Berufe werden nicht mehr gewählt. Jugendliche wollen Mediengestalter werden und nicht Fachverkäuferin oder -verkäufer im Lebensmittelhandwerk, in der Bäckerei oder Fleischerei. Viele Stellen im Bereich der einfachen Dienstleistungen wie Lagern, Transportieren, Verkaufen oder Reinigen bleiben unbesetzt.

Wird vom Staat genug getan?

Es wird sehr viel getan. Von Bund und Ländern gibt es ein großes Portfolio von über 300 Programmen am Übergang Schule – Beruf. Hinzu kommen die Angebote, die über das Sozialrecht, zum Beispiel über die Arbeitsagenturen, umgesetzt werden, über die Jugendhilfe oder auch die Bildungsgänge der beruflichen Schulen. Aber all dies macht es für junge Menschen nicht leichter oder sehr unübersichtlich. Um Jugendlichen eine Orientierung geben zu können, gibt es digitale Angebote, die gebündelt über berufenavi.de abrufbar sind. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoller zu schauen, dass junge Menschen in eine reguläre Ausbildung kommen und Abschlüsse erwerben und dort die flankierenden Maßnahmen andocken. Beim Konzept der „Assistierten Ausbildung“ gibt es zum Beispiel Nachhilfe, Spracherwerb für Menschen mit Migrationshintergrund und eine sozialpädagogische Begleitung. Dies könnte aber noch ausgeweitet und bedarfsgerechter gestaltet werden.

Interview: Clemens Dörrenberg

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