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Junge Geflüchtete aus Afghanistan werden im Unterricht der AMS Ausbildungsgesellschaft für Metalltechnik und Schweißer von Ausbildern geschult.
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Junge Geflüchtete aus Afghanistan werden im Unterricht der AMS Ausbildungsgesellschaft für Metalltechnik und Schweißer von Ausbildern geschult.

Arbeitsmarkt

Ausbildung in Deutschland: Corona-Krise als Stolperstein auf dem Weg ins Arbeitsleben

  • Daniel Baumann
    VonDaniel Baumann
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Ausbildungsmessen, Schulbesuche oder Praktika mussten wegen der Corona-Krise ausfallen. Das Ergebnis: deutlich weniger Lehrverträge.

Plakataufsteller, Stehtische, darauf einige Werbeartikel zum Mitnehmen und dahinter freundliche Menschen, die Jugendlichen erklären, warum sie gerade in ihrem Betrieb eine Ausbildung machen sollten. So oder so ähnlich sieht es üblicherweise auf Azubi-Messen aus. Nicht jedoch in diesem Jahr, da wegen des Corona-Virus alles anders läuft.

DAS BAROMETER

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Entwicklung der Frankfurter Rundschau und des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor. Er wurde in enger Abstimmung zwischen Journalisten und Wissenschaftlern erarbeitet. Grundgedanke des FRAX ist, dass die Arbeitslosen- und Erwerbstätigenzahlen alleine keine fundierte Bewertung des deutschen Arbeitsmarktes ermöglichen. Es kommt ebenfalls auf die Qualität der Arbeit an oder darauf, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können. Der FRAX analysiert deshalb den deutschen Arbeitsmarkt in fünf Kategorien und anhand von 18 unterschiedlichen Indikatoren. (FR)

Messen wurden abgesagt, Beratungsgespräche in den Arbeitsagenturen konnten nicht stattfinden, Lehrer konnten ihre Schüler nicht bei der Berufswahl unterstützen und die Unternehmen hatten erst einmal andere Sorgen, als junge Menschen einzustellen. Die Folge: Deutlich weniger junge Menschen als in anderen Jahren haben bisher eine Ausbildung angefangen. Zum Stichtag 30. September, zu dem üblicherweise Bilanz gezogen wird, verzeichneten die Industrie- und Handelskammern (IHK) insgesamt 259 837 neue Ausbildungsverträge, wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mitteilte. Das waren 13,7 Prozent weniger als ein Jahr zuvor.

Corona: Das Handwerk spürt die Folgen

„Wie uns die Industrie- und Handelskammern berichten, waren wegen der Pandemiebeschränkungen Praktika und Bewerbungsgespräche zeitweise kaum möglich“, sagt ein DIHK-Sprecher. Somit hätten Betriebe und Schulabgänger in diesem Jahr schwerer zueinander gefunden als in den Vorjahren.

Auch das Handwerk spürt die Corona-Folgen. Anfang Oktober seien noch rund 29 000 Ausbildungsplätze unbesetzt gewesen, teilt der Zentralverband des deutschen Handwerks mit.

Damit gehören die Schulabgängerinnen und Schulabgänger, die eine Ausbildung machen wollen, zu den Gruppen, die von der Corona-Krise mit am schwersten in ihrer Lebensplanung getroffen wurden. Die Unternehmer wollen sich mit der Situation allerdings nicht einfach abfinden. Es bestehe die Chance, junge Menschen noch in Ausbildung zu bringen, die Anbahnung von Ausbildungsverhältnissen habe sich vielfach nur um zwei bis drei Monate nach hinten verschoben, heißt es bei den Industrie- und Handelskammern.

„Seit dem Sommer verzeichnen die IHKs Nachholeffekte“, erzählt der DIHK-Sprecher. Schulabsolventen dieses Jahres würden informiert, „dass ein Ausbildungsstart in den Betrieben ohne Probleme noch bis Jahresende möglich ist. Auch die Berufsschulen haben mitgeteilt, in diesem Jahr besonders flexibel zu sein.“ Er empfiehlt Jugendlichen, sich auch außerhalb ihrer Heimatregion und bei Berufen umzuschauen, die sie vielleicht noch nicht in Erwägung gezogen hatten.

BESCHÄFTIGUNG

Erstmals verzeichnet die Kategorie einen starken Rückgang, der hauptsächlich aus der stark gestiegenen Arbeitslosigkeit resultiert. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden wegen der Corona-Krise im zweiten Quartal arbeitslos. Insgesamt stieg die Zahl auf 2,82 Millionen. Die Zahl der Erwerbstätigen fiel erstmals seit 2018 wieder unter die Grenze von 45 Millionen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (+80 000) stieg, während bei den ausschließlich geringfügig Beschäftigten ein Minus von mehr als 400 000 verzeichnet wurde. Damit ist klar, wen die Krise bisher am stärksten trifft. Das Arbeitsvolumen ist – wenig überraschend – deutlich gesunken. (db)

Der Geschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Karl-Sebastian Schulte, gibt sich energisch: „Aus der Corona-Krise darf keine Ausbildungskrise werden. Wir im Handwerk geben niemanden verloren – keinen Jugendlichen und erst recht keine Generation Corona.“ Für seine Branche sei es wichtig, die Fachkräfte der Zukunft auszubilden, auch in schwierigen Zeiten. Darüber hinaus sei aber auch die Bundesregierung gefordert, Jugendliche und Unternehmen dabei zu unterstützen.

Die Corona-Krise verschlechtert die Chance auf Ausbildung

Diese hat das Bundesprogramm „Ausbildungsplätze sichern“ auf den Weg gebracht. Es sieht eine Prämie von 2000 Euro je Lehrvertrag für Klein- und Kleinstbetriebe vor, die trotz Umsatzeinbußen von mindestens 60 Prozent im April und Mai ihr Ausbildungsniveau halten, und von 3000 Euro für Betriebe, die dieses sogar steigern. Betriebe, die Azubis und Ausbilder nicht in Kurzarbeit schicken, erhalten ebenfalls Förderungen. Und auch wer Azubis von insolventen Betrieben übernimmt, kann mit finanzieller Hilfe rechnen. Allerdings kritisiert das Handwerk, dass die Regeln so restriktiv seien, dass die Erwartungen der Betriebe enttäuscht worden seien.

Enttäuscht sind offenbar auch die Jugendlichen. Einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung zufolge fühlen sie sich von der Politik im Stich gelassen. Mehr als 60 Prozent finden, dass sich die Ausbildungschancen wegen der Corona-Krise verschlechtert hätten und die Hälfte von ihnen ist der Auffassung, dass die Politik wenig bis gar nichts für Ausbildungsplatzsuchende tue. „Besonders skeptisch blicken Jugendliche mit niedrigen und mittleren Schulabschlüssen in die Zukunft“, heißt es bei der Stiftung. Befragt wurden die Jugendlichen im Juli, veröffentlicht wurden die Umfrageergebnisse Ende August.

„Die Berufsausbildung ist für junge Menschen hoch attraktiv. Dieses Potenzial müssen wir besser nutzen“, sagt Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger. Er verweist darauf, dass bereits vor der Corona-Krise „viel zu viele Ausbildungsplatzsuchende unversorgt blieben“. Laut dem „Berufsbildungsbericht“ blieben 2019 rund 49 000 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz.

ZUGANGSCHANCEN

Weil der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen deutlich abgenommen hat, verzeichnet die Kategorie einen starken positiven Effekt. Im zweiten Quartal waren noch 27,7 Prozent aller Arbeitslosen langzeitarbeitslos (2019: 31,6). Allerdings ist bei diesen Zahlen immer Vorsicht angebracht, da die Abnahme auch damit zusammenhängen kann, dass die Betroffenen in Rente gegangen sind oder nicht mehr gezählt werden, weil sie älter als 58 Jahre sind. Die Arbeitslosenquote der Randaltersgruppen (Junge und Alte) und ihre Wiedereingliederungschancen sowie die Chancen von Frauen, eine sozialversicherungspflichtige Arbeit zu finden, haben sich kaum verändert. db

Eine Garantie hält die Kammer nicht für sinnvoll

„Wir brauchen eine Ausbildungsgarantie für all diejenigen, die keinen Ausbildungsbetrieb finden“, sagt Dräger. Es gelte, den jungen Menschen die Verunsicherung zu nehmen. Das sei auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit: „Wer das Abitur macht, hat in Deutschland eine weitgehende Studiengarantie, die die staatlich finanzierten Hochschulen einlösen. Jungen Menschen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz müssen wir eine ebenbürtige Sicherheit bieten.“

EINKOMMEN

Die Situation bei den Einkommen scheint fast unverändert. Auf den ersten Blick! Doch in dem Bereich gibt es gegenläufige Trends. So ist der Anteil der Beschäftigten am Volkseinkommen – wegen sinkender Unternehmensgewinne – gestiegen. Bei den Reallöhnen gab es hingegen einen deutlichen Verlust: Das Kurzarbeitergeld hat dazu geführt, dass die Menschen weniger verdienen, gleichzeitig sind die Verbraucherpreise gestiegen. Positiv wirkt sich aus, dass die Zahl der Menschen, die ihren Lohn mit Sozialhilfe aufstocken müssen, gesunken ist – allerdings wohl nicht, weil ihr Lohn gestiegen wäre, sondern weil sie ihren Job verloren haben. (db)

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hält eine solche Garantie für „weder sinnvoll noch zeitgemäß“. In Zeiten von Corona liege die Herausforderung vielmehr darin, Angebot und Nachfrage am Ausbildungsmarkt zusammenzubringen. Viele ausbildungswillige Unternehmer erhielten derzeit nicht einmal Bewerbungen, heißt es.

Eine Klage, die auch aus den Vorjahren bekannt ist. Das Problem: Berufswünsche und Ausbildungsangebot passen nicht zusammen. In manchen Regionen gibt es zudem mehr Ausbildungsplätze als Bewerberinnen und Bewerber, in anderen Regionen ist es wiederum genau umgekehrt.

Höchste Zeit also, dass im Ausbildungsmarkt wenigstens eine neue Normalität einzieht. In Koblenz soll Ende Oktober eine große Ausbildungsmesse stattfinden. Mit strengen Hygienekonzept und Teilnahme nur nach Registrierung. In Gießen und andernorts werden virtuelle Lehrstellenbörsen abgehalten, die zum Teil nicht auf wenige Tage beschränkt sind, sondern sogar mehrere Wochen oder Monate dauern sollen. Und natürlich werden auch Konzepte wie Online-Speeddating und Bewerbungsgespräche per Video-Konferenz ausprobiert.

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