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Von: Steffen Herrmann

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Jung, weiblich, gebildet: Aus der Ukraine kommen viele Frauen nach Deutschland. Fachleute warnen, dass sie in Jobs landen könnten, für die sie überqualifiziert sind.
Jung, weiblich, gebildet: Aus der Ukraine kommen viele Frauen nach Deutschland. Fachleute warnen, dass sie in Jobs landen könnten, für die sie überqualifiziert sind. © Imago

Viele Flüchtlinge aus der Ukraine wollen hierzulande arbeiten. Ihre Chancen stehen nicht schlecht, aber es gibt auch einige Gefahren.

Sieben Bewerbungsgespräche gestern, heute noch mal sieben. Die Tage von Elena sind lang. Es ist Mitte April; die junge Frau sitzt auf einem abgewetzten Sessel, dunkler Rollkragenpullover vor blasser Wand. Sie wirkt müde und abgespannt, das kann auch das grobkörnige Bild des Videoanrufs nicht verbergen. Die Ukrainerin ist wegen des Krieges in ihrer Heimat nach Deutschland geflohen. Eigentlich heißt sie anders, aber aus Angst um ihre Familie, die teils in der Ukraine, teils in Russland lebt, nennen wir sie hier nicht bei ihren echten Namen.

Seit einigen Wochen ist Elena nun in Frankfurt. Will sie hier neu anfangen oder weitermachen? Schwierige Frage. Erst mal will sie vor allem eins: arbeiten. Geld verdienen, auf eigenen Füßen stehen. Konto, Wohnung, Job. Auf der Karriereplattform Linkedin hat Elena deshalb eine Nachricht ins Netz gestellt: „Hallo, mein Name ist Elena und ich bin Grafikdesignerin“ steht über einem Foto von ihr im Business-Look. „Ich suche einen Job.“

Die Resonanz habe sie überrascht, erzählt Elena im Gespräch mit der FR. Innerhalb kurzer Zeit klickten mehr als 3000 Menschen auf „Gefällt mir“, der Beitrag wurde hunderte Male geteilt und kommentiert. Elenas Postfach lief über, Dutzende von Bewerbungsgesprächen wurden vereinbart.

Seit dem Kriegsbeginn am 24. Februar hat die Bundespolizei mehr als 362 000 Flüchtlinge registriert. Die tatsächliche Zahl dürfte höher liegen. Wie Elena sind die meisten Geflüchteten weiblich: Rund 84 Prozent, wie das Bundesinnenministerium nach einer Befragung Ende März festgestellt hat. Und wie Elena suchen die meisten nach Arbeit.

Aber wie gut ist der deutsche Arbeitsmarkt auf die Geflüchteten aus der Ukraine vorbereitet? „Das ist schwer einzuschätzen. Auf solche Situationen kann man sich nur bedingt vorbereiten“, sagt Sandra Hofmann vom Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR. Man habe aber einige Erfahrungen aus der Zeit nach 2015 mitnehmen können, als Hunderttausende Menschen vor allem aus Syrien nach Deutschland kamen. Damals wie heute waren wichtig: schneller Zugang zu Sprachkursen, die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, psychologische und medizinische Betreuung – und eine gute Betreuung für die Kinder und Jugendlichen, damit ihre Eltern überhaupt arbeiten gehen können.

Hofmann sieht aber vor allem große Unterschiede: „Mit Blick auf den Arbeitsmarkt haben wir andere Herausforderungen als 2015“, fasst es die Arbeitsmarktforscherin zusammen. Es kämen heute viel mehr Frauen, Kinder und Ältere. „Und auch mit Blick auf die Qualifikationen und Berufe ist das Bild ein anderes. Wir wissen, dass das Bildungsniveau in der Ukraine vergleichsweise hoch ist.“

Auch Elena ist gut ausgebildet. Die junge Frau studierte Grafikdesign an der Polytechnischen Universität von Lwiw, hat Apps und Webseiten entworfen und kennt sich mit Marketing aus. In der Ukraine hatte sie einen Job, in dem sie nun auch von Deutschland aus arbeiten könnte. „Aber damit kann ich die Miete und das Essen nicht zahlen“, erläutert sie.

Elena ist jung, motiviert und spricht Englisch; das sind gute Voraussetzungen in einem Land, das händeringend nach Fachkräften sucht. Das große Aber: Die in der Ukraine erworbenen Kenntnisse müssen in Deutschland erst festgestellt und dann anerkannt werden. Das gilt vor allem für geschützte Berufe wie Anwält:in, Zahnärzt:in oder Logopäd:in. Geschieht das nicht, könnten die Menschen in Jobs landen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Davon bedroht sind vor allem Frauen, warnt WifOR-Expertin Sandra Hofmann: „Das Risiko ist groß, Frauen reflexartig in die Pflege oder soziale Berufe zu stecken – egal ob das passt oder nicht. Um dies zu verhindern, wäre beispielsweise eine Kompetenzfeststellung und entsprechende Informationen für weitere Jobmöglichkeiten nötig.“

Unter den „vielen verantwortungsbewussten Unternehmen“ gebe es auch schwarze Schafe, die die Hilfe suchenden Menschen als günstige Arbeitskräfte deklarieren, sagt Hofmann. „Daher sollte sichergestellt werden, dass Firmen die Notlage der Menschen nicht ausnutzen und Standards bei den Arbeitsbedingungen eingehalten werden.“

Sandra Hofmann leitet den Forschungsbereich Internationale Sozialpolitik bei WifOR.
Sandra Hofmann leitet den Forschungsbereich Internationale Sozialpolitik bei WifOR. © privat

Auch die Gewerkschaften warnen davor, Geflüchtete aus der Ukraine als billige Arbeitskräfte auszunutzen. „Manche Chefs wollen die oft gut qualifizierten Geflüchteten lieber heute als morgen einstellen – aber oft zu schlechten Bedingungen“, sagte Robert Feiger, Chef der IG BAU. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sieht vor allem in der Landwirtschaft, Fleischbranche und 24-Stunden-Pflege einen großen Bedarf an Arbeitskräften – „nicht ohne Risiko für die Menschen aus der Ukraine mit Blick auf mögliche ausbeuterische Bedingungen, niedrige Entlohnung und schlechte soziale Absicherung“. Bund und Länder müssten für eine schnelle Anerkennung der Qualifikationen und Berufserfahrungen sorgen, sagt Piel. „Auch muttersprachliche Beratungs- und passende Weiterbildungsangebote sind unverzichtbar.“

Theoretisch kann es ganz schnell gehen für die Menschen aus der Ukraine: Bevor sie einen Job antreten dürfen, brauchen sie einen Aufenthaltstitel. Um diesen zu bekommen, müssen sie sich bei der örtlichen Ausländerbehörde melden. Mit dem Aufenthaltstitel haben sie die Erlaubnis zu arbeiten und Unternehmen können sie einstellen. Klingt einfach, ist es aber nicht immer: Einige Behörden sind überlastet, Wartezeiten von mehreren Wochen keine Seltenheit.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) beobachtet bereits eine zunehmende Zahl von Arbeitsverhältnissen. „Zwar noch auf niedrigem Niveau“, sagt DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks, aber das Thema werde in den nächsten Monaten spürbar an Bedeutung gewinnen. Damit die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt, sind für die Unternehmen laut Dercks vor allem drei Aspekte wichtig: „Eine unbürokratische Willkommenskultur insbesondere in den beteiligten Institutionen, feste Ansprechpartner in den Behörden sowie zügige und nachvollziehbare Registrierungsverfahren“.

Für Bundesarbeitsminister Hubertus Heil muss sich Deutschland auf eine längerfristige Aufnahme der Flüchtlinge einstellen. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur bekräftigte der SPD-Politiker, dass weitere Sprachkurse initiiert würden und die Qualifikationen der Betroffenen besser anerkannt werden sollten. Anfang April hatten Bund und Länder beschlossen, dass ukrainische Flüchtlinge Grundsicherung bekommen können und von den Jobcentern betreut werden sollen. Dort soll auch die Vermittlung zu Arbeitsstellen leichter möglich sein.

Ende April rufen wir nochmal bei der jungen Grafikdesignerin Elena an: Hat sie nach all den Interviews inzwischen einen Job gefunden? Noch nicht, sagt sie, „but it’s moving“. Es bewegt sich also etwas, immerhin.

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