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Arbeitsmarktindex FRAX: Gute Beschäftigungsentwicklung, aber viele Langzeitarbeitslose

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Von: Steffen Herrmann

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Auch in Südhessen suchen die Unternehmen derzeit händeringend nach Auszubildenden und qualifiziertem Personal.
Auch in Südhessen suchen die Unternehmen derzeit händeringend nach Auszubildenden und qualifiziertem Personal. © Michael Schick

Das FR-Barometer FRAX zeigt: Der Arbeitsmarkt in Deutschland kommt bislang stabil durch die Pandemie. Allerdings verfestigt sich die Langzeitarbeitslosigkeit.

Die Corona-Pandemie hat den deutschen Arbeitsmarkt weiter fest im Griff. Oder aus einer anderen Perspektive betrachtet: Trotz der anhaltenden pandemischen Lage präsentiert sich der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) im dritten Quartal 2021 stabil. Das zeigt die jüngste Aktualisierung des Barometers, das das Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut Wifor für die Frankfurter Rundschau berechnet. Im dritten Quartal 2021 lag der Index bei 108,5 Punkten, und damit 0,1 Punkte über dem Vorjahreswert. Im Vergleich zum zweiten Quartal 2021 legte der FRAX sogar um 0,5 Punkte zu.

Dazu trug vor allem die Beschäftigungsentwicklung bei: Einerseits ein Plus von 400 000 Erwerbstätigen, andererseits 359 000 Arbeitslose weniger als im Vorjahresquartal zeugen von einer deutlichen Verbesserung.

Arbeitsmarkt in Deutschland: Viele Langzeitarbeitslose

„Allerdings haben sich besonders die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt in den letzten Quartalen kontinuierlich verschlechtert und weisen im aktuellen Quartal den bisher niedrigsten Stand seit der Einführung des FRAX auf“, sagt Wifor-Geschäftsführer Dennis A. Ostwald. „Der steigende Anteil an Langzeitarbeitslosen ist für diesen Rückgang maßgeblich entscheidend.“ Während 2020 noch knapp 29,6 Prozent aller Arbeitslosen ein Jahr oder länger ohne Job waren, waren es im dritten Quartal 2021 bereits 41 Prozent.

Das Barometer

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Entwicklung der Frankfurter Rundschau und des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor. Er wurde in enger Abstimmung zwischen Journalist:innen und Wissenschaftler:innen erarbeitet. Grundgedanke des FRAX ist, dass die Arbeitslosen- und Erwerbstätigenzahlen alleine keine fundierte Bewertung des deutschen Arbeitsmarktes ermöglichen. Es kommt ebenfalls auf die Qualität der Arbeit an oder darauf, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können. Der FRAX analysiert deshalb den deutschen Arbeitsmarkt in fünf Kategorien und anhand von 18 unterschiedlichen Indikatoren. FR

Positiv entwickelten sich dagegen die Zahlen auf dem Ausbildungsmarkt. Knapp 5600 Azubis mehr als noch im dritten Quartal 2020 begannen ihre Lehre. Mit 473 000 waren es aber immer noch weniger als vor der Pandemie. Stichtag für die Erfassung der Lehrverträge ist der 30. September. Auch das Verhältnis von Nachfrage und Angebot verbesserte sich. „Ob die positiven Entwicklungen innerhalb des deutschen Arbeitsmarktes auch weiterhin den Negativ-Trend der Zugangschancen abfedern können, bleibt abzuwarten“, sagt Wifor-Chef Ostwald. Die umfangreichen Daten, auf deren Basis der FRAX berechnet wird, liegen für das Jahresende 2021 und den Jahresanfang 2022 noch nicht vor.

Und so entwickelten sich die einzelnen FRAX-Kategorien im dritten Quartal 2021:

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Entwicklung der Frankfurter Rundschau und des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor. Er wurde in enger Abstimmung zwischen Journalist:innen und Wissenschaftler:innen erarbeitet. 
Der FR-Arbeitsmarktindex FRAX zum dritten Quartal 2021 (Stand: Januar 2022): Ein leichtes Plus im Vergleich zum Vorjahresquartal, vor allem dank der guten Beschäftigungsentwicklung. © FR/Wifor

Beschäftigung: Obwohl die Corona-Krise auch im dritten Quartal 2021 anhält, entwickelt sich die Beschäftigung prächtig. Dazu trägt vor allem ein Indikator bei: die Arbeitslosigkeit. Von Juli bis September 2021 waren rund 359 000 Menschen weniger arbeitslos gemeldet als im Vorjahreszeitraum – ein Minus von 12,4 Prozent. Auch die anderen Indikatoren sind positiv: Die Zahl der Erwerbstätigen legte um 400 000 Menschen zu. Zugleich arbeiteten mehr Menschen in sozialversicherungspflichtigen Jobs und weniger Menschen waren geringfügig beschäftigt. Außerdem wurde mehr gearbeitet: Die Zahl der Arbeitsstunden stieg um 2,8 Prozent auf 15,4 Milliarden.

Ausbildung: Der Ausbildungsmarkt ist seit Jahren einen Sorgenkind: In vielen Branchen fehlt Nachwuchs. Im vergangenen Jahr sendete er trotzdem verhalten positive Signale: Rund 473 000 neue Ausbildungsverträge wurden unterschrieben. Damit gab es knapp 5600 Azubis mehr als noch 2020. Im ersten Pandemie-Jahr war der Ausbildungsmarkt allerdings kräftig abgesackt und erstmals seit 1992 unter die Marke von 500 000 gefallen. Positiv: Auf 100 nachgefragte Jobs kamen im dritten Quartal 2021 schätzungsweise 99,1 Bewerber:innen. Im Vorjahresquartal waren es 96,6 Interessierte. Negativ: Die Chance, übernommen zu werden, sank leicht.

Einkommen: Etwas verbessert zeigt sich die Entwicklung der Einkommenssituation im dritten Quartal. Maßgeblich verantwortlich für das Plus von einem Prozentpunkt sind die Aufstockerinnen und Aufstocker. Die Zahl der Menschen, deren Lohn zum Leben nicht reicht und die noch Sozialleistungen benötigen, hat sich im dritten Quartal 2021 nämlich um knapp 6,6 Prozent reduziert. Bei den Reallöhnen und den Verdienstunterschieden gab es nur minimale Veränderungen. Negativ für die Beschäftigten ist, dass ihr Anteil am Volkseinkommen, das sie sich mit Kapitalgebern und Unternehmen teilen, auf 69,4 Prozent gefallen ist und 2,6 Prozentpunkte unter dem Vorjahresquartal liegt.

Zugangschancen: Als einzige Kategorie steht vor den Zugangschancen ein dickes, rotes Minus: Verantwortlich dafür ist der kräftige Anstieg der Langzeitarbeitslosigkeit. Langzeitarbeitslos ist, wer ein Jahr und länger arbeitslos ist. Im dritten Quartal 2020 waren noch 29,6 Prozent aller Arbeitslosen langzeitarbeitslos. Ein Jahr später sind es knapp 41 Prozent. Von der positiven Entwicklung bei der Beschäftigung profitieren Langzeitarbeitslose offensichtlich nicht. Verschlechtert hat sich auch die Situation der Unter-25- und Über-54-Jährigen. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen stieg. Unverändert ist der Frauenanteil an den versicherungspflichtig Beschäftigten.

Arbeitsbedingungen: Die Zufriedenheit der Beschäftigten mit ihren Arbeitsbedingungen hat sich im dritten Quartal 2021 deutlich verbessert und um 1,9 Punkte zugelegt. Viel dazu beigetragen hat der kräftige Rückgang bei den Arbeits- und Wegeunfällen. Für das gesamte Jahr 2021 wird mit einem Minus von 0,5 Prozent gerechnet – das klingt nach wenig, hat aber eine große Wirkung auf den Indikator. Positiv ist auch, dass die arbeitenden Menschen nach derzeitigem Kenntnisstand weniger Tage krank waren. Negativ hingegen hat sich das Empfinden der Beschäftigten über die Rahmenbedingungen an ihren Arbeitsplätzen entwickelt, was den Indikator wieder etwas drückt.

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