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Arbeitsmarkt aktuell: Inflation dämpft positive Trends

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Von: Steffen Herrmann

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Agentur für Arbeit
Arbeitsmarkt: Die Preise sind gestiegen, die Löhne auch - aber deutlich langsamer. © Arne Dedert/dpa

Der FR-Arbeitsmarkt FRAX steigt im zweiten Quartal vor allem wegen der weiter guten Beschäftigungslage. Aber es gibt auch Alarmsignale.

Die Inflation dämpft die Erholung des deutschen Arbeitsmarkts. Im zweiten Quartal 2022 kletterte der FR-Arbeitsmarktindex FRAX zwar auf 108,5 Punkte. Das ist ein Plus von 0,5 Punkten im Vergleich zum Vorjahresquartal, wie die jüngste Aktualisierung des Barometers zeigt, das das Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR für die Frankfurter Rundschau berechnet. „Nachdem der FRAX im letzten Quartal gesunken war, stabilisiert sich der Arbeitsmarktindex im zweiten Quartal 2022 und steigt leicht“, fasst WifOR-Forschungsfeldleiterin Dr. Sandra Zimmermann zusammen. Aber: „Die Inflation trübt allerdings die weiterhin positive Beschäftigungsentwicklung.“

Im zweiten Quartal war es vor allem der Rückgang der Arbeitslosen, der zur positiven Beschäftigungsentwicklung beitrug. Die Zahl der Menschen ohne Job sank im Vergleich zum Vorjahresquartal um knapp 380.000. Gleichzeitig nahm die Zahl der Erwerbstätigen zu. Zudem arbeiteten die Beschäftigten mehr: Mehr als 15 Milliarden Arbeitsstunden leisteten die Arbeitnehmer:innen im zweiten Quartal – ein Plus von rund 430 Millionen Stunden. Insgesamt setzte sich damit ein seit Monaten anhaltender positiver Trend bei der Beschäftigung fort.

Ihm entgegen steht die weiterhin hohe Inflation: Zwar stiegen die Nominallöhne verglichen mit dem zweiten Quartal 2021 um 2,9 Prozent. Dieser Zuwachs vermag die Teuerung aber nicht auszugleichen, die Verbraucherpreise legten um 7,6 Prozent zu. „Dieser Rückgang der Reallöhne schwächt die Kaufkraft der Arbeitnehmenden und wirkt sich so negativ auf die Wirtschaft und damit letztlich auch auf den Arbeitsmarkt aus“, sagt Zimmermann.

Auch bei den Zugangschancen sieht es weiter schlecht aus. Vor allem ältere und junge Menschen profitieren weniger von der positiven Beschäftigungsentwicklung als andere. Für das folgende Quartal liegen die umfangreichen Daten, auf deren Basis der FRAX berechnet wird, noch nicht vor.

So entwickeln sich die einzelnen Kategorien des FR-Arbeitsmarktindex FRAX:

Beschäftigung: Zwei Faktoren sorgen dafür, dass sich diese Kategorie prächtig entwickelt: die Zahl der Arbeitslosen und die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden. Im zweiten Quartal waren knapp 380 000 Menschen weniger ohne Job als noch ein Jahr zuvor. Im aktuellen Quartal sind circa 2,3 Millionen Menschen als arbeitslos gemeldet. Ebenfalls positiv: Die Arbeitnehmer:innen leisteten mehr als 15 Milliarden Arbeitsstunden – ein Plus von 430 Millionen Stunden im Vergleich zum Vorjahresquartal. Auch die Anzahl der Erwerbstätigen legte zu (plus 1,7 Prozent). Ein kleiner Dämpfer: Das Verhältnis von geringfügiger zu
sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung verschlechterte sich.

Zugangschancen: An dieser Stelle zeigte der Pfeil zuletzt häufig in die gleiche Richtung: nach unten. Auch im zweiten Quartal verzeichnen die Zugangschancen zum Arbeitsmarkt einen Rückgang. Maßgeblich verantwortlich dafür ist der höhere Anteil der Randaltersgruppen (Unter-25-Jährige und Über-54-Jährige) an den Arbeitslosen. Gestiegen ist auch der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen – also jener Menschen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die Arbeitslosigkeit insgesamt stärker zurückgegangen ist als die der Randaltersgruppen und Langzeit-arbeitslosen. Deren Anteil fällt dann stärker ins Gewicht.

Arbeitsbedingungen: Ein kräftiges Plus gibt es bei den Arbeitsbedingungen – um 3,1 Punkte geht es für die Kategorie nach oben. Vor allem, weil die Zahl der Menschen ohne emotionale Bindung zum Arbeitgeber um einen Prozentpunkt sinkt. Ebenfalls positiv: Auch die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage geht im Vergleich zum Vorjahresquartal leicht zurück. Deutlich gestiegen ist im zweiten Quartal hingegen die Zahl der meldepflichtigen Arbeits- und Wegeunfälle – und zwar um sieben Prozent. Ein Grund könnte sein, dass sich – nach vielen Monaten im Homeoffice – wieder mehr Menschen aus ihren Wohnungen und Häusern wagen und ins Büro zurückkehren. Das drückt die Kategorie etwas.

Ausbildung: Um einen Punkt hat sich diese Kategorie im zweiten Quartal verschlechtert. Das liegt daran, dass die Übernahmequote im Vorjahresquartal noch etwas höher eingeschätzt worden war. Nun liegt sie bei rund 72 Prozent. Eine Verbesserung gab es dagegen bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnissen, die leicht zulegten. Der Ausbildungsmarkt steht weiter unter Druck. 466 200 neue Verträge wurden 2021 laut Statistischem Bundesamt geschlossen, ein Plus von 0,6 Prozent zum Vorjahr. Die Zahl bleibt aber auf einem historisch niedrigen Niveau. Die Folgen der Pandemie wirken nach: 2020 fiel die Zahl der Ausbildungsverträge erstmals unter die Marke von 500 000.

Einkommen: Die Inflation zieht die Kategorie in den roten Bereich: Zwar legten die Nominallöhne im zweiten Quartal um 2,9 Prozent zu. Das reichte aber nicht aus, um die steigenden Preise auszugleichen. Denn für den Verbraucherpreisindex ging es um 7,6 Prozent nach oben. Die Folgen: weniger Kaufkraft und schlechte Stimmung an der Supermarktkasse. Daran ändert auch die niedrigere Zahl der Aufstocker:innen nichts. Das sind Erwerbstätige, die zusätzlich auch Arbeitslosengeld II beziehen. Im zweiten Quartal stockten 813 000 Menschen auf, das sind 47 000 Menschen weniger (oder 5,54 Prozent) als im Vorjahresquartal.

Das Barometer

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Entwicklung der Frankfurter Rundschau und des Wirtschaftsforschungsinstituts WifOR. Er wurde in enger Abstimmung zwischen Journalist:innen und Forschenden erarbeitet. Grundgedanke ist, dass die Arbeitslosen- und Erwerbstätigenzahlen alleine keine fundierte Bewertung des Arbeitsmarktes ermöglichen. Es kommt ebenfalls auf die Qualität der Arbeit an oder darauf, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können. Der FRAX analysiert deshalb den deutschen Arbeitsmarkt in fünf Kategorien und anhand von 18 Indikatoren, um so zu einem stimmigen Gesamtbild zu kommen. Alle Texte finden Sie auf fr.de/frax auch online. FR

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