In der Gastronomie brennt es derzeit besonders: Die Restaurants leiden unter den Sicherheitsvorkehrungen in der Corona-Krise.
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In der Gastronomie brennt es derzeit besonders: Die Restaurants leiden unter den Sicherheitsvorkehrungen in der Corona-Krise.

FRAX - der FR-Arbeitsmarktindex

Arbeitsmarkt trotzt Corona – noch

  • Daniel Baumann
    vonDaniel Baumann
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Arbeitsmarkt: Wie es für die Beschäftigten weitergehen könnte – und wer von der Corona-Krise besonders betroffen ist.

Der Räumungsverkauf bei Galeria Karstadt Kaufhof hat begonnen. Der traditionsreiche Händler macht Standorte im ganzen Land dicht. In München, Hamburg oder Witten sind die Schaufenster nochmal umdekoriert worden. Große Lettern rufen den Passanten entgegen, dass alles raus muss. Es sind harte letzte Wochen für die betroffenen Beschäftigten des Konzerns. Wo es noch Hoffnung gibt, wird mit Unterschriftensammlungen und Mahnwachen versucht, das Schlimmste zu verhindern.

Galeria Karstadt Kaufhof ist eines der sichtbarsten Opfer der Corona-Krise. Seit vielen Jahren auf der Suche nach einem Konzept für die Zukunft, wirtschaftlich ausgezehrt, hatte der Konzern den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie wenig entgegenzusetzen. Die Kunden bleiben zu Hause und bestellen im Netz. Auch in der Autobranche, der Gastronomie oder dem Tourismus wirkt sich die Krise stark aus.

Arbeitsmarkt hält sich in der Corona-Krise wacker

Insgesamt aber hält sich der Arbeitsmarkt angesichts der Dimension der Krise wacker. Kurzarbeit verhindert viele Entlassungen. Für zwölf Millionen Personen haben die Betriebe von März bis Ende Juni diese angezeigt, wie viel davon tatsächlich realisiert wurde, wird sich erst mit einiger Verzögerung zeigen. Doch wie lange funktioniert der Kniff mit der Kurzarbeit? Und wann muss die Wirtschaft wieder in die Gänge kommen, damit die hiesigen Beschäftigten größerem Unheil entgehen können?

Eines ist klar: Auf Dauer wird eine Wirtschaft, die nicht auf vollen Touren läuft, die Beschäftigten nicht in Arbeit halten können. Doch Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung erwartet, dass noch etwas Zeit bleibt. Der Arbeitsmarkt werde die Situation „bis Ende des Jahres“ einigermaßen überstehen.

FRAX

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Entwicklung der Frankfurter Rundschau und des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor. Er wurde in enger Abstimmung zwischen Journalisten und Wissenschaftlern erarbeitet.

Grundgedanke des FRAX ist, dass die Arbeitslosen- und Erwerbstätigenzahlen alleine keine fundierte Bewertung des deutschen Arbeitsmarktes ermöglichen. Es kommt ebenfalls auf die Qualität der Arbeit an oder darauf, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können. Der FRAX analysiert deshalb den deutschen Arbeitsmarkt in fünf Kategorien und anhand von 18 unterschiedlichen Indikatoren, um so zu einem stimmigen Gesamtbild zu kommen. 

Der Experte warnt aber eindringlich davor, im Umgang mit dem Virus nachlässig zu werden. „Wenn wir eine zweite Welle bekommen, dann haben wir ein Problem“, so Herzog-Stein. „Wir müssen davon ausgehen, dass dann die Substanz einer großen Zahl von Betrieben aufgezehrt wäre und sie bei einem zweiten Lockdown Beschäftigte entlassen müssten.“ Die Politik müsse die Lage genau beobachten und unbedingt vermitteln, dass Unternehmen und Beschäftigte weiterhin vorsichtig sein müssten.

Ganz ähnlich äußert sich Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. „Ich denke, dass sich der Arbeitsmarkt mit dem Instrument der Kurzarbeit bis zum Jahresende sehr gut halten wird“, sagt der Konjunkturforscher. „Wenn die Erholung auf sich warten lassen sollte, wird sich irgendwann aber jeder Unternehmer fragen, ob es sinnvoll ist, die Personen, die in Kurzarbeit sind, weiterhin zu beschäftigen.“

Manche Branchen in Zeiten von Corona stärker von Entlassungen betroffen

Die stark exportorientierte und damit auch vom Ausland abhängige deutsche Wirtschaft hat ihr Schicksal allerdings nicht alleine in der Hand. Eine wichtige Frage ist, wie sich die Pandemie in anderen Teilen der Welt entwickeln wird. Da gibt derzeit insbesondere die Lage bei dem sehr bedeutenden Handelspartner USA Anlass zur Sorge. „Es ist ein Riesenproblem, was in den USA passiert“, sagt Herzog-Stein. Alleine deshalb stelle sich die Frage, ob sich die hiesige Wirtschaft so erholen werde, wie man das in Deutschland zum heutigen Zeitpunkt erwarte, meint Michelsen.

Vergleichsweise zuversichtlich ist man bei der Commerzbank. Sie erwartet nach einem schlechten zweiten Quartal eine Stabilisierung der Wirtschaft im dritten Quartal – mit einem kräftigen Zuwachs im Vergleich zum Vorquartal. Gleichwohl sagt der Arbeitsmarktexperte des Frankfurter Geldhauses, Eckart Tuchtfeld: „Die Arbeitslosigkeit wird zum Jahresende 2020 eine knappe Million höher liegen als zum Jahresende 2019.“ Er rechnet also damit, dass es in den kommenden Monaten noch einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit geben wird. Aktuell sind in Deutschland 2,85 Millionen Menschen ohne Job, fast 640 000 davon als Folge der Pandemie. Eine Erholung des Arbeitsmarktes sieht Tuchtfeld dann ab dem kommenden Jahr. „Das alles steht und fällt mit der Grundannahme, dass es nicht zu einem erneuten Lockdown kommt.“

Von Entlassungen besonders betroffen sein könnten Beschäftigte in Branchen, die sich ohnehin im Strukturwandel befinden; der vollzieht sich nun zum Teil wie im Zeitraffer. Onlinehändler wie Amazon erleben einen Kundenansturm, während ohnehin angeschlagene Händler wie Galeria Karstadt Kaufhof Filialen endgültig schließen. Auch für die Automobilindustrie stellt die Krise eine besondere Herausforderung dar. Insbesondere die Zulieferer haben enorme Aufgaben zu bewältigen, wenn sie die Zukunft meistern wollen. Jahrelang haben sie es versäumt, sich auf das Ende des Verbrennungsmotors und die Digitalisierung des Autos vorzubereiten. Nun, da sie erkannt haben, dass sie enorme Investitionen tätigen müssen, zehrt die Krise am Eigenkapital.

Weiter sehen Experten Beschäftigte gefährdet, deren Arbeit vergleichsweise wenig zur Wertschöpfung beiträgt oder deren Tätigkeit sich auslagern und günstiger erledigen lässt. Unternehmen entdecken gerade Freelancer-Plattformen, über die sie zum Beispiel kostengünstig Design-, Schreib- oder Programmieraufträge an Freiberufler vergeben können. Der Börsenwert der isrealischen Freelancer-Plattform Fiverr hat sich seit dem Ausbruch der Pandemie nicht weniger als verdreifacht.

Und auch in Branchen, die noch auf lange Zeit von Corona-Einschränkungen betroffen sein könnten und deshalb nicht mit voller Auslastung arbeiten dürfen, kann es zu Stellenabbau kommen. Dazu zählen Gastronomie, Eventbranche, Tourismus oder Personenverkehr.

„Ob sich das normalisiert, ist keine ökonomische, sondern vor allem eine epidemiologische Frage“, so der Arbeitsmarktexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, Holger Schäfer. Sollten Abstandsgebote noch Jahre gelten, sei es wenig wahrscheinlich, dass alle Betriebe das durchhielten. „Restaurants, die nur die Hälfte der Gäste bewirten können, brauchen auf Dauer auch nur die Hälfte des Personals.“ Grundsätzlich allerdings bestehe die Nachfrage nach den Dienstleistungen weiter. Das bedeutet: Die Leute gehen gerne feiern oder lassen sich bewirten, wenn man sie wieder lässt.

Anzeichen dafür, dass aus der als Brücke für den Arbeitsmarkt dienenden Kurzarbeit in großem Stil Entlassungen folgen könnten, sieht der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, nicht. Der Weg aus der Krise werde aber Zeit benötigen. „Bis wir wieder auf Normalmaß sind, das wird sicherlich bis 2022 oder 2023 dauern“, so Scheele. „Aber wir glauben, dass das wieder gelingen kann.“

So steht der FR-Arbeitsmarktindex FRAX 

Beschäftigung

Auch ohne Corona-Krise hätte sich der Beschäftigungsaufbau nach Jahren des Aufschwungs wohl erheblich verlangsamt. Zum Jahresanfang hat er im Vorjahresvergleich das zweite Quartal infolge stagniert - auf hohem Niveau bei etwa 45 Millionen Erwerbstätigen. 

Auch die Arbeitslosigkeit veränderte sich nur noch minimal und fiel auf circa 2,27 Millionen Menschen. Gleiches gilt für die Zahl der insgesamt gearbeiteten Stunden mit einem minimalen Anstieg. Sehr positiv entwickelte sich hingegen noch die Qualität der Arbeitsverhältnisse: Der Anteil der ausschließlich geringfügig Beschäftigten an allen Beschäftigten fiel von 19,2 auf 18,3 Prozent. 

Einkommen

Stark zeigte sich zum Jahresanfang die Entwicklung der Einkommenssituation. Die Kategorie sprang um drei Prozentpunkte nach oben. Sehr positiv bemerkbar machte sich, dass die Zahl der Aufstocker, also der Menschen, deren Lohn zum Leben nicht reicht und die noch Sozialleistungen benötigen, unter eine Million gefallen ist. Sie lag im ersten Quartal bei 966.000 und damit um 72 500 niedriger als ein Jahr zuvor. Ebenfalls positiv für die Beschäftigten ist, dass ihr Anteil am Volkseinkommen, das sie sich mit Kapitalgebern und Unternehmen teilen, auf 70,6 Prozent gestiegen ist. Bei den Reallöhnen und den Verdienstunterschieden gab es nur minimale Veränderungen. 

Arbeitsbedingungen

Die Zufriedenheit der Beschäftigten mit ihren Arbeitsbedingungen scheint sich wieder einzutrüben. Der positive Trend der vergangenen Jahre ist erstmal vorüber. Zum Jahresanfang gibt der entsprechende Indikator deutlich nach. Dabei geht es zum Beispiel um die Beziehung zu Kolleginnen und Kollegen und Vorgesetzten, um berufliche Entwicklungsmöglichkeiten und verfügbare Arbeitsmittel. Der Indikator zieht die ganze Kategorie deutlich nach unten. In diese fließen auch die krankheitsbedingten Fehlzeiten am Arbeitsplatz ein und die Zahl der Arbeits- und Wegeunfälle. In diesen beiden Bereichen hat sich kaum etwas verändert. 

Ausbildung

Der Ausbildungsmarkt zeigt sich zum Jahresanfang so gut wie unverändert. Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge stagniert. Damit setzt sich der Seitwärtstrend nach der Erholung vom Mehrjahrestief, die ab 2018 eingesetzt hatte, fort. Ausbildungsplatzbewerber könnten die Corona-Pandemie nun allerdings mit am stärksten zu spüren bekommen. Die Unternehmen könnten ihr Lehrstellenangebot erheblich zurückfahren, womit sich die - zuletzt ebenfalls stabile - Angebots-Nachfrage-Relation verschlechtern würde. Einen Hinweis darauf liefert, dass zuletzt bereits weniger fertige Azubis übernommen wurden. 

Zugangschancen

Für manche Gruppen ist es deutlich schwieriger, einen Arbeitsplatz zu bekommen, als für andere. Deswegen hat der FR-Arbeitsmarktindex auch die Situation Jüngerer, Älterer, Langzeitarbeitsloser und Frauen im Blick. Deren Situation hat sich im ersten Quartal insgesamt verbessert, wobei die Statistik trügerisch sein kann. So ist die Anteil der offiziell Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen zwar deutlich gesunken, diese können aber zum Beispiel aufgrund von Altersgrenzen auch einfach aus der Statistik gefallen sein, ohne dass sie einen Arbeitsplatz gefunden haben. Bei den anderen Gruppen haben sich im ersten Quartal nur geringfügige Änderungen ergeben. 

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