1. Startseite
  2. Wirtschaft
  3. Frax

Fachkräftemangel: Arbeit neu verteilen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Steffen Herrmann

Kommentare

Verlassene Baustellen, da zu wenig Personal da ist.
Verlassene Baustellen, da zu wenig Personal da ist. © Peter Steffen/dpa

Der Mangel an Personal wird sich noch verstärken. Wenn das nicht zum Absturz der deutschen Wirtschaft führen soll, müssen Politik und Firmen ungewohnte Wege beschreiten. Der Leitartikel.

Sie fehlen überall: in Cafés, hinterm Steuer, auf Baustellen, im Büro oder in der Fabrik – Arbeitskräfte. Der Mangel an Personal ist ein Problem. Für die Unternehmen; die Wirtin etwa, deren Kneipe zwei zusätzliche Ruhetage einführen muss, oder den Handwerker, der das Telefon ausstellt, weil er viel weniger Aufträge annehmen kann, als er gerne würde. Aber auch für die gesamte Wirtschaft: Auf rund 86 Milliarden Euro schätzen Fachleute die Kosten für die deutsche Volkswirtschaft, jährlich wohlgemerkt.

Und kleiner wird das Problem nicht. Der Arbeitskräftemangel wird bald die meisten Unternehmen und Branchen betreffen – selbst wenn jährlich 300 000 bis 400 000 Menschen im arbeitsfähigen Alter zuwandern. Die Babyboomer gehen in Rente, und von unten kommen zu wenige Menschen nach. Bei vielen schrillen deshalb die Alarmglocken, manche fürchten gar den Abstieg der deutschen Wirtschaft und eine jahrzehntelange Rezession. Aber so weit muss es nicht kommen.

Fachkräftemangel: Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften sind gefordert

Klar ist: Die Politik, die Unternehmen und auch die Gewerkschaften müssen die Herausforderung ernst nehmen – und sie müssen an einem Strang ziehen. Eine „zeitgemäße“ Ausbildung und „gezielte“ Weiterbildung, wie sie etwa die Bundesregierung in ihrer Fachkräftestrategie zum Ziel ausgibt, lassen sich nur gemeinsam erreichen. Etwa, indem mehrere Unternehmen regional bei der Qualifizierung ihrer Beschäftigten kooperieren, auch mit den Gewerkschaften, die oft genau wissen, in welchem Betrieb ungenutztes Potenzial schlummert. Das ist wichtig, insbesondere in strukturschwachen Regionen.

Gleichzeitig ist der Staat gefordert: Wie sollen Kinder besser ausgebildet oder berufliche Um- und Quereinsteiger qualifiziert werden, wenn Lehrerinnen und Lehrer fehlen? Wie soll so das andauernde Weiterbilden funktionieren? Mehr als ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer ist älter als 50 Jahre und wird sich bald in den Ruhestand verabschieden.

Fachkräftemangel: Migration nur ein Teil der Lösung

Zusammenarbeit ist aber auch bei der Zuwanderung angesagt, wenn sie den Arbeitskräftemangel abschwächen soll: Denn nicht nur vor der Migration nach Deutschland läuft einiges schief – Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer etwa spricht von „Ausländerabwehrbehörden“ – auch nach der Einreise nach Deutschland muss sich die Behandlung der ausländischen Arbeitskräfte verbessern, damit die Leute den Job nicht schon nach wenigen Wochen wieder aufgeben. Durch eine intensive Betreuung, durch Sprachkurse, die sich am jeweiligen Beruf orientieren, oder durch innerbetriebliche Kulturbotschafter, die verhindern, dass Konflikte entstehen. Kleinere Betriebe können das in der Regel nicht alleine stemmen, auch hier machen regionale Kooperationen also Sinn.

Dabei wird es auch darum gehen, Arbeit anders zu verteilen. Einerseits in einzelnen Unternehmen, wo vielerorts überflüssige Arbeitsbereiche geschaffen wurden – sogenannte Bullshit-Jobs gibt es vor allem im mittleren Management und der Verwaltung. Sie existieren, weil Führungskräfte ihre Teams aus Angst vor Reputationsverlust nicht verkleinern wollen und deshalb trotz fehlender Arbeit neue Aufgaben schaffen. Und sie existieren, weil neue Techniken nicht genutzt werden, um Prozesse effizienter zu machen. Stattdessen gibt es ein sinnloses Mehr: mehr Mails, mehr Management, mehr Meetings.

Fachkräftemangel: Beschäftigte bekommen mehr Macht

Andererseits muss die Arbeit vor dem Hintergrund des Personalmangels, des Klimawandels und der sozial-ökologischen Transformation branchenübergreifend neu verteilt werden. Eine unangenehme Wahrheit für Parteien und Gewerkschaften, die für den Erhalt von Arbeitsplätzen kämpfen – selbst dann, wenn Unternehmen und Branchen nicht mehr wettbewerbsfähig sind und nur noch künstlich am Leben gehalten werden. Das Gute an der ganzen Sache ist: In vielen Unternehmen und Branchen verschiebt der Arbeitskräftemangel das Machtgleichgewicht in Richtung der Beschäftigten. Bosse, die Fairness und Teamspirit gepredigt, aber nicht umgesetzt haben, können sich das oft nicht mehr leisten. Selbst wenn das Schmerzensgeld in Form der Gehälter hoch ist: Die Unternehmen drohen ihre besten Leute zu verlieren, wenn das Gesamtpaket nicht stimmt.

Viele, meist junge Menschen haben verstanden, dass sie in einer guten Verhandlungssituation sind. Und sie fordern eine echte Work-Life-Balance und ein wertschätzendes Betriebsklima offensiv ein. Überstunden, noch dazu unbezahlte, passen vielen nicht mehr ins Arbeitskonzept. Auch deshalb ist eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit, wie sie manche Arbeitgebervertreter fordern, der falsche Weg.

Der Personalmangel wird Unternehmen, Branchen und die gesamte Wirtschaft verändern – noch stärker als bisher. Ob zum Guten oder Schlechten ist offen. Klar ist nur: Er ist eine Chance, die man nutzen sollte.

Auch interessant

Kommentare