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1500 Gespräche in vier Wochen

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Von: Thomas Magenheim-Hörmann

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Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Tobias Heilmann (links)  SPD-Landrat des Landkreises Gifhorn, sprechen bei einem Besuch einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis Gifhorn mit Geflüchteten. Private Initiativen wie jobaidukraine.com können helfen, Ukrainer in Arbeit zu vermitteln.
Bundesarbeitsminister Hubertus Heil und Tobias Heilmann (links) SPD-Landrat des Landkreises Gifhorn, sprechen bei einem Besuch einer Flüchtlingsunterkunft im Landkreis Gifhorn mit Geflüchteten. Private Initiativen wie jobaidukraine.com können helfen, Ukrainer in Arbeit zu vermitteln. © Moritz Frankenberg/dpa

Das Portal Jobaidukraine will Geflüchtete und Unternehmen zusammenbringen

Als die Ukraine von Russland überfallen wurde, musste Marcus Diekmann sofort an sein Ex-Au-Pair denken, die Frau lebt dort. „Ich habe sie, Familie und Bekannte eingeladen, zu uns zu kommen“, erzählt der 42-jährige Chef des Fahrradherstellers Rose Bikes. Ohne Job und Perspektive wage sie den Schritt nicht, antwortete die 25-jährige Lehrerin ihm. Eine Stunde später hatte sich Diekmann mit drei digital erfahrenen Bekannten verabredet, eine Online-Jobbörse für ukrainische Flüchtlinge aus der Taufe zu heben. Das war vor rund vier Wochen und die Geburtsstunde von jobaidukraine.com.

„Wir haben bislang 1500 Einstellungsgespräche vermittelt“, freut sich Diekmann. Deutsche Firmen hätten rund 15 700 Jobs eingestellt, täglich kämen bis zu 1000 weitere dazu. Wie viele Vorstellungsgespräche in Anstellungen gemündet sind, weiß Diekmann nicht genau. „Aber ich habe schon viele Mails von Ukrainerinnen und Ukrainern erhalten, die schon einen Arbeitsplatz haben.“

Die ukrainische Lehrerin ist mittlerweile in Deutschland und arbeitet bei der für alle Seiten kostenlosen Online-Jobbörse mit. Das tun auch rund 60 Ehrenamtliche. „Firmen wie Deutsche Bank, SAP oder Shopware haben kostenfrei IT-Personal abgestellt, um die Seite zu verbessern“, erzählt Diekmann.

Deutsche Firmen suchten auf der zweisprachigen Seite (Ukrainisch und Englisch) nach ukrainischem Personal vor allem in fünf Bereichen: IT-Berufe, Pflege, Handel, Gastronomie und Handwerk. Typische Mangelberufe seien das in Deutschland. Die Geflüchteten hätten hier einiges zu bieten. Demnächst soll es eine weitere Rubrik geben, in der Geflüchtete selbst ihre Dienste anbieten.

Die Politik lobt der Manager für ihr derzeit unkompliziertes Verhalten gegenüber Arbeitssuchenden aus der Ukraine. Alle, von Unternehmen bis Behörden, seien diesmal sehr pragmatisch. „Das hat es in Deutschland so noch nie gegeben.“

Erst ein Job, dann eine Wohnung, sei der Plan auch bei Frauen, die allein mit ihren Kindern aus dem Kriegsgebiet geflohen sind. Kinderbetreuung sei natürlich ein Problem, sagt Diekmann. Gleiches gilt für Sprachbarrieren. Viele Menschen aus der Ukraine sprechen weder Deutsch noch Englisch. „Wir brauchen Online-Sprachkurse“, fordert er. Digital könne ein Lehrer vielen Flüchtlingen auf einmal Sprachkenntnisse beibringen.

Grundsätzlich müsse man geduldig und empathisch mit neuen Arbeitskräften aus der Ukraine sein und Mut zusprechen. Viele hätten im Kriegsland einen Partner, Familie und Freunde zurückgelassen, mit denen sie regelmäßig telefonierten. „Wenn dann mal jemand nicht ans Telefon geht, ist sofort Panik“, beschreibt Diekmann seine Erfahrungen. Deshalb hat er jetzt auch eine psychologische Online-Beratung namens Doqtor für Ukrainerinnen und Ukrainer ins Leben gerufen. Dort stünden nun seit wenigen Tagen ukrainischsprachige Therapeut:innen parat.

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