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Internationaler Flughafen Salgado Filho in Porto Alegre.

Lia Polotzek

Flughafen in Porto Alegre: „Fraport schafft Fakten“

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Lia Polotzek, Handelsexpertin des BUND, prangert das Verhalten des Frankfurter Flughafenbetreibers im brasilianischen Porto Alegre an.

Fraport hat Anfang 2018 den Betrieb des Flughafens in Porto Alegre übernommen und will jetzt Landebahn und Terminals erweitern. Tausende Menschen sollen weichen. Die Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet. Lia Polotzek vom BUND, steht in Kontakt mit Organisationen vor Ort.

Frau Polotzek, schon bei der Aktionärsversammlung gab es Kritik an Fraports Verhalten in Porto Alegre. Was hören Sie aus Brasilien?
Die Menschen sollen auseinandergerissen und an zwei Orte umgesiedelt werden. Einer davon ist ohne ausreichende Gesundheitsversorgung, Bildungsmöglichkeiten, es kommt dort häufig zu Gewalt. Es gibt keine gute Anbindung an den öffentlichen Transport und keine Möglichkeit, mit Müllsammeln Geld zu verdienen. Viele der Menschen in Vila Nazaré in der Nähe des Flughafens leben vom Recycling.

Von wie vielen Menschen sprechen wir?
Unsere Partnerorganisation vor Ort zählt knapp 2000 Familien.

Wie verhält sich Fraport?
Sie hat die Menschen nicht direkt informiert. Sie haben davon hauptsächlich aus dem Fernsehen und der Zeitung gehört. Das Unternehmen will keine ausreichende Entschädigung zahlen. Während offizielle Berechnungen davon ausgehen, dass die Umsiedlungen etwa 150 Millionen Brasilianische Real (rund 35 Millionen Euro, d. Red.) kosten würden und die Staatsanwaltschaft Fraport auffordert, diese Gelder aufzubringen, wollte Fraport im Februar nur 29 Millionen Real bereitstellen.

Wann hat sich die Staatsanwaltschaft eingeschaltet?
Sie war schon länger aktiv und hat Anfang Februar ihre Empfehlung ausgesprochen. Sie hat auch klar gesagt, dass Fraport die volle Verantwortung für die Umsiedlung trägt. Das Unternehmen hat widersprochen. Es gab Verhandlungen, die zu keiner Einigung geführt haben. Das hat die Staatsanwaltschaft Anfang Juni öffentlich gemacht mit dem Hinweis, dass sie nun möglicherweise rechtliche Schritte gegen Fraport einleiten wird.

Wer kümmert sich vor Ort um die Anliegen dieser Menschen?
Viele der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze. Es gibt mit Amovin eine Interessenvertretung der Bewohnerinnen und Bewohner. Die Bewegung der obdachlosen Arbeiterinnen und Arbeiter ist aktiv und unsere Partnerorganisation Friends of the Earth Brasilien versucht rechtliche Expertise einzubringen.

Wie lauten die Forderungen an Fraport?
Sie sollen Verantwortung übernehmen für die Umsiedlung, eine angemessene Entschädigung zahlen und mit einem Alternativkonzept das Menschenrecht auf Wohnen angemessen erfüllen. Die ersten freiwilligen Umsiedlungen gab es schon, das heißt Fraport schafft Fakten. Aber es darf auf keinen Fall zu Zwangsumsiedlungen kommen.

Dann könnte Fraport doch nicht ausbauen.
Es gibt Alternativen, die näher an der Infrastruktur gelegen sind, zum Teil ist der Boden in öffentlichem Besitz. Das ist besser, als die Community zu teilen. Das sind Menschen, die teilweise seit 60 Jahren zusammenleben. Fraport behauptet, das seien illegale Siedlungen. Das stimmt nicht, sagt die Staatsanwaltschaft.

Warum schaltet sich der BUND ein?
Auf der ganzen Welt gehen Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung Hand in Hand. Hier geht es um eine klimaschädliche Flughafenerweiterung, und gleichzeitig sollen Menschen ohne angemessene Entschädigung umgesiedelt werden, damit einige wenige Privilegierte den Flughafen zur Ausweitung des Handels nutzen können. Die Interessen der Wirtschaft stehen im Vordergrund, nicht die der Menschen oder der Umwelt.

Interview: Jutta Rippegather

Zur Person

Lia Polotzek ist Referentin für Wirtschaft, Finanzen und Handel beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Sie beschäftigt sich mit der Handels-politik der EU, der Verantwortung von Unternehmen für Umwelt und Menschenrechte und der sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft.

Der Flughafen Porto Alegre (Bundesstaat Rio Grande do Sul) bietet Verbindungen zu wichtigen Städten Brasiliens und zu internationalen Zielen. Im März 2017 erhielt Fraport den Zuschlag für einen Konzessionsvertrag für den Airport mit einer Laufzeit von 25 Jahren.

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