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21 Millionen Franzosen nehmen an den Lotterien des Staatsunternehmens „Française des Jeux“ teil. Nun geht das Unternehmen an die Börse.

Analyse

Die französische Staatslotterie geht an die Börse

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In Frankreich darf ab sofort gezockt werden: mit Aktien der Staatslotterie. Die geht an die Börse. Wenn das mal kein Reinfall wird.

Es gehört für manche Franzosen zum Morgenritual: Bevor sie sich am Bistrotresen einen Kaffee oder Pastis genehmigen, kaufen sie am Schalter nebenan grell leuchtende Rubbelkarten mit Aufschriften wie „Cash“, „Blackjack“ oder „Astro“. Gewiss, das Auskratzen der Gewinnzahl ist nicht immer ergiebig. Trotzdem nehmen 21 Millionen Bürger an den Lotterien des Staatsunternehmens „Française des Jeux“ (FDJ) teil – ein Drittel der Landesbevölkerung.

Jetzt können sie bald an der Börse zocken – mit FDJ-Aktien. Die Regierung in Paris privatisiert das Kronjuwel der Staatsbetriebe, das im vergangenen Jahr bei einem Umsatz von 1,8 Milliarden Euro gut 170 Millionen Euro Gewinn eingespielt hatte. Der staatliche Kapitalanteil sinkt von 72 auf 20 Prozent.

Das Motiv ist rein finanzieller Natur. Präsident Emmanuel Macron hatte Anfang dieses Jahres den Staatssäckel weit geöffnet, um die Forderungen der protestierenden „Gelbwesten“ zu erfüllen. Frankreich wird deshalb die dreiprozentige Defizitvorgabe der EU verpassen. Die Staatsschuld nähert sich der symbolischen Schwelle von 100 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

Franzosen zeichneten Aktien für über eine Milliarde Euro

Wirtschaftsminister Bruno Le Maire spricht in Bezug auf den Börsengang von FDJ bereits von einem „immensen Volkserfolg“. Die Franzosen hätten in der Vorplatzierung Aktien für über eine Milliarde Euro gezeichnet. Der Ausgabepreis wird erst am Donnerstag fixiert. Laut Le Maire wird er sich innerhalb der Spanne von 16,50 und 19,90 Euro bewegen. Für zehn gekaufte Titel gibt es eine Gratisaktie. Pendelt sich der Preis wie erwartet eher bei 20 als bei 16 Euro ein, könnte der Staat rund zwei Milliarden Euro einnehmen.

Ob die neuen Aktionäre der FDJ absahnen werden, muss sich zeigen. Dem Werbeprospekt zum Trotz ist die Ausgabe von Wertpapieren durch die öffentliche Hand in Frankreich nicht immer ein „Volkserfolg“ gewesen. Finanzielle Reinfälle wie der Bau des Panamakanals, eine Russlandanleihe vor dem 1. Weltkrieg oder in der neueren Zeit der Bau des Eurotunnels sind abschreckende Beispiele – einerseits für die verherrlichende Regierungspropaganda, andererseits aber auch für die Leichtgläubigkeit der Kleinanleger.

Experten warnen vor hohen Gewinnhoffnungen

Börsenexperten halten FDJ zwar für eine korrekte Investition. Aber sie warnen vor zu hohen Gewinnhoffnungen. Der französische Staat wird dank seines 20-prozentigen Anteils auch künftig ein gewichtiges Wörtchen mitreden. Mit neuen Reglementen, womöglich auch neuen Abgaben, wird gerechnet.

Denn Geldspiele sind zunehmend verpönt. Und das nicht nur, weil sie den ärmeren Schichten das Geld aus der Tasche ziehen. Der konservative Senator Jean-François Husson kämpfte vehement für die Beibehaltung des Staatsmonopols, weil es seiner Meinung nach bei Glückswetten eine „Angelegenheit der öffentlichen Gesundheit“ darstellt. Parallel zur Privatisierung von FDJ sind im Parlament Gesetzesvorstöße für mehr Regulierung anhängig.

FDJ wird auch deshalb kaum ein Dividenden-Schlager, weil ein „Kommissar“ weiterhin den Willen des Staates einbringen soll. Schon heute enthält das Pflichtenheft der Staatslotterie die Finanzierung von Sportanlässen und -anlagen im Umfang von 230 Millionen Euro – mehr als der Reingewinn.

Für Macron ist die Privatisierung von FDJ erst der Anfang. Folgen sollen die Pariser Flughäfen Roissy, Orly und Le Bourget.

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