Die Pariser bewegen sich derzeit vor allem mit dem Fahrrad vorwärts. Leihrad-Anbieter gehören - ebenso wie Fernbus-Unternehmen und Mitfahrzentralen - zu den Gewinnern der Streikbewegung.
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Die Pariser bewegen sich derzeit vor allem mit dem Fahrrad vorwärts. Leihrad-Anbieter gehören - ebenso wie Fernbus-Unternehmen und Mitfahrzentralen - zu den Gewinnern der Streikbewegung.

Proteste gegen Rentenreform

Frankreich: Streikend ins neue Jahr

  • vonBirgit Holzer
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Seit Jahrzehnten hat Frankreich keinen so harten Arbeitskampf mehr gekannt wie den derzeitigen Widerstand gegen die geplante Rentenreform. Der Streik kennt viele Verlierer und nur ein paar Gewinner – dennoch ist sein Ende noch nicht in Sicht. Die Analyse.

Der Aufruf in den sozialen Netzwerken stammt aus dem Jahr 2015 – aber er klingt, als sei er noch aktuell. Auch heute dürfte der damalige „Appell für den Boykott der Silvesteransprache des Präsidenten“ auf die Zustimmung vieler Franzosen stoßen. Man solle am Silvesterabend um 20 Uhr den Fernseher ausschalten, um dem Staatschef geringe Zuschauerzahlen zu bescheren, wird gefordert: „Er hört die Bedürfnisse der Franzosen nicht. Warum sollten wir ihm zuhören?“

Vier Jahre später heißt der französische Präsident nicht mehr François Hollande, sondern Emmanuel Macron, doch er steht einer ähnlichen Wut und Ablehnung gegenüber. Seit Anfang Dezember streikt ein großer Teil der Mitarbeiter der Staatsbahn SNCF, der Pariser Verkehrsbetriebe RATP sowie anderer Berufsgruppen wie Lehrer, Bibliothekare und Krankenhausangestellte gegen seine geplante Rentenreform. Sie befürchten große Nachteile von einem neuen, universalen Punktesystem, in das die bisher 42 verschiedenen Rentenkassen eingehen sollen. Auch über die Weihnachtsfeiertage fielen zahlreiche Züge aus und der öffentliche Nahverkehr in Paris blieb eingeschränkt.

Wird Macron am Dienstag bei seiner Neujahrsansprache den Gewerkschaften entgegenkommen, wie manche es erwarten und sogar vom Ziel abrücken, das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre anzuheben? Er selbst hatte vage „Nachbesserungen“ versprochen und tatsächlich kam die Regierung unter anderem den Polizisten, den Piloten und den Tänzern der Pariser Oper, die ihr eigenes Rentensystem für die kommenden Generationen bewahren wollen, entgegen. Am 7. Januar wird wieder mit den Sozialpartnern verhandelt. Am 9. Januar steht ein neuer nationaler Demonstrationstag an – die Blockade dürfte nicht so schnell beendet sein.

Diese kennt längst ihre Gewinner und Verlierer, wobei zweitere in der Mehrzahl sind. Zu ihnen gehören die Streikenden selbst, die pro Tag im Ausstand ein Dreißigstel ihres Gehalts opfern. Um den Ausfall abzumildern, wurden bereits 1,5 Millionen Euro für Streikkassen gesammelt und ein Teil von dem Geld verteilt. SNCF-Chef Jean-Pierre Farandou bezifferte nach drei Wochen Streik den Umsatzausfall für sein Unternehmen auf 400 Millionen Euro. Während die Zentralbank Banque de France noch keine Auswirkungen auf das französische Wachstum misst, spüren Geschäfte, Hotels und Restaurants diese längst massiv.

Das Startup Tiller hat ausgerechnet, dass die Geschäfte in der Hauptstadtregion im Dezember gut ein Drittel ihres üblichen Umsatzes eingebüßt haben. „In manchen Vierteln messen wir ein Minus von 40 oder 50 Prozent“, sagt Jennifer Moukouma von Tiller. „So alarmierende Zahlen haben wir noch nie erlebt.“ Die Pariser Oper beziffert die Einbußen aufgrund ausfallender Vorstellungen auf zehn bis zwölf Millionen Euro. Für die Hotels existieren noch keine offiziellen Zahlen, doch wird ebenfalls von Verlusten von mindestens zehn bis 15 Prozent ausgegangen, denn viele Touristen stornierten ihre Paris-Besuch.

„Gewinner“ der Streikbewegung gibt es aber auch: Zu ihnen gehören Internethändler, Taxis und Chauffeurdienstleister, Fernbusse und Mitfahrzentralen. Auch die Leihräder erleben einen nie gekannten Ansturm: Zumindest kommt Paris wohl schneller als geplant dem Ziel näher, eine Stadt der Fußgänger und Radfahrer zu werden.

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