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Arbeiter im Plantagen-Hain der Farm von Fruitbox Africa.

Unternehmer

Ein Frankfurter Investor sät Hoffnung

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Der Frankfurter Investor Lutz Hartmann pachtet in Äthiopien Land und baut dort Gemüse an.

Die Welt von Lutz Hartmann sind Telefonkonferenzen oder Meetings mit Managern. Dann geht es um Firmen, die fusionieren, Geschäfte anbahnen oder groß investieren wollen. Als Wirtschaftsanwalt berät der Frankfurter, der fünf Sprachen spricht, deutsche und internationale Mandanten in kniffligen gesellschaftsrechtlichen Fragen. Doch das ist längst nur noch die halbe Wahrheit - denn vor fünf Jahren hat der 46-Jährige ein ganz anderes Geschäftsfeld für sich entdeckt. 

An diesem Morgen im Dezember steht Hartmann mit fetten feuchten Erdklumpen an den Turnschuhen auf einem Acker im Süden Äthiopiens, bückt sich und pflückt eine Chili von einem Strauch. Eine feuerrote Schote wie aus dem Bilderbuch. Eigene Ernte sozusagen. Frucht eines Projektes, das der Jurist seit 2014 mit großer Leidenschaft vorantreibt. 

Nicht, dass Afrika damals für Hartmann Neuland gewesen wäre. Schon mehrfach hatte er als Anwalt auf dem Kontinent unternehmerische Investitionen begleitet. Als das Projekt eines Mandanten in Mali richtig schiefging, packte ihn der Ehrgeiz. „Ich wollte es selbst probieren und zeigen, dass es geht, auch unter schwierigen Bedingungen“, erzählt er. 

Der Zufall führte ihn kurz darauf mit Oliver Langert zusammen, einem deutschen Agraringenieur, der seit 14 Jahren in Äthiopien lebt. Ihr nächtlicher Talk am Tresen einer Bar in der Hauptstadt Addis Abeba trieb schnell Blüten. „Zuerst wollten wir eine Fabrik für Tomatenpüree bauen“, erinnert sich Hartmann. Doch woher die Tomaten nehmen? „Also haben wir kurzerhand beschlossen, erst einmal eine Farm aufzuziehen.“

Ein Koffer voller Geld

Nach ein paar Gläsern Tella, dem rauchigen, aus Hirse gebrauten äthiopischen Bier, kann man schon mal auf verrückte Ideen kommen, die am nächsten Morgen auch schnell wieder verrauscht sind. Hartmann aber hatte seit dieser Nacht einen Plan und wollte sich davon nicht mehr abbringen lassen.

Lutz Hartmann (links) und sein Partner Oliver Langert auf der Plantage im Süden Äthiopiens. Die Chili-Pflanzen entwickeln sich gut.

Heute blickt er auf einem Hochplateau in der äthiopischen Wolayit-Region auf akkurat angelegte Felder - wie auf dem Reißbrett entworfen und in die Savannen-Landschaft gezeichnet. Junge Männer jäten Unkraut und lockern mit Hacken den Boden. Frauen lesen angefaulte Früchte von den Feldern, auf denen neben Tomaten auch Brokkoli, Auberginen, Gurken, Okra, Paprika, Zucchini, Zwiebeln wachsen. Und in langen Reihen Papaya. Hartmann greift nach einer prallen Frucht. „Die ist reif für den Markt“, sagt der Frankfurter, der sich in den vergangenen Jahren tief in die landwirtschaftliche Materie hineingegraben hat, die idealen Pflanzabstände kennt und um vorteilhafte Fruchtwechsel weiß. 

Doch bis dahin war es ein steiniger Weg. „Wir sind vor fünf Jahren über die Dörfer gezogen, haben den Verantwortlichen von unseren Plänen erzählt und uns bei den lokalen Verwaltungen nach Land erkundigt.“ Als Hartmann eher zufällig bei einer Entwicklungsbank in der Regionalhauptstadt Hawassa die Ankündigung einer Versteigerung von 300 Hektar Fläche unweit der Stadt Sodo entdeckte, sahen er und Langert ihre Chance gekommen. „Wir wussten, die Region ist grün, es kühlt nachts ab und es gibt genug Wasser.“ Nach drei Bieterterminen erhielten sie tatsächlich den Zuschlag. Für die Pacht auf 45 Jahre sowie Wasserrechte zahlten sie umgerechnet rund 160.000 Euro. „An diesem Tag haben wir einen ziemlich schweren Koffer mit fünf Millionen Birr in Hunderter-Scheinen auf den Tisch gestellt“, erzählt Hartmann.

Bis zur endgültigen amtlichen Registrierung vergingen dann weitere acht Monate. Geld unter der Hand hätte den Prozess vielleicht beschleunigt. Hartmann erinnert sich daran, dass ein Banker im Gespräch über die hohen Schulkosten für seine Kinder klagte und ein Beamter beiläufig erwähnte, es stünden nun Reparaturarbeiten an seinem Haus an. „Doch in dieser Frage haben wir uns von Anfang an klar positioniert, um nicht in eine Spirale von Geldforderungen von allen Seiten zu kommen.“ Am Ende habe geholfen, „dass wir unser Projekt und seine positiven Wirkungen überzeugend darstellen konnten“.

Zweifel sind schnell geweckt

Deutscher Investor pachtet 300 Hektar Ackerland in Äthiopien - Hartmann weiß, dass bei dieser Schlagzeile sofort der Verdacht von Landgrabbing mit all seinen verheerenden Folgen im Raum steht: Womöglich werden Einheimische von ihren Parzellen vertrieben, Monokulturen angelegt und mit hohem Pestizideinsatz maschinell bewirtschaftet. Die Mega-Plantage könnte Kleinbauern das Wasser abgraben und die Ernte zu allem Übel auch noch in lukrative Märkte exportiert werden - statt die lokale Bevölkerung zu ernähren. 

Der Frankfurter, der Mitglied im Vorstand des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft ist, weiß um die Problematik und hat sich intensiv mit ihr auseinandergesetzt. „Ja, es gibt schädliches Investment“, sagt der Jurist. Wenn Tausende Hektar in die Hand einer internationalen Company gerieten, die ein industrielles Agribusiness aufziehe, „dann bringt das kaum Jobs und keine nachhaltige Entwicklung für ein Land wie Äthiopien und ist zudem schlecht für die Ökologie“. 

Ungenutztes Land blüht auf 

Es sei aber unfair, jede kommerzielle Landwirtschaft zu verteufeln. „Afrika braucht eine höhere landwirtschaftliche Produktion, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren.“ Und die sei nur mit moderneren Methoden zu erreichen. Einen Beitrag könnten neben Kooperativen auch verantwortungsvolle Investoren leisten, ist Hartmann überzeugt und fügt hinzu: „Klar, geht es mir auch um ein Geschäft, aber eben nicht nur. Ich sehe ebenso eine soziale Verantwortung und will in Äthiopien ein Problem lösen.“ 

Umgerechnet rund 1,6 Millionen Euro hat die Firma Fruitbox Africa, die Hartmann mit drei deutschen Partnern gegründet hat, bislang in die Farm investiert. Die gepachtete Fläche lag seit Jahren brach. Nur zwei verfallene Steinhäuser zeugten noch von den Resten eines früheren landwirtschaftlichen Projektes. Eines ist jetzt als Büro hergerichtet, eines dient als Lager. Ein Neubau, in dem Arbeiter übernachten können, ist bereits fertiggestellt. 

An diesem Vormittag schwingen Arbeiter die Äxte und zimmern das hölzerne Gerüst für eine Kantine, die in traditioneller Lehmbauweise errichtet werden soll. Nebenan zieht Rauch aus einer Hütte, in der Frauen das Fladenbrot Injera und Gemüse für die gesamte Belegschaft zubereiten. 120 Männer und Frauen beschäftigt Fruitbox - 70 davon permanent, etwa 50 als Tagelöhner. 

Habtamu Haliso ist einer der Festangestellten und seit gut einem Jahr bei Fruitbox. „Früher war ich als Wanderarbeiter weit entfernt von zu Hause beschäftigt, jetzt habe ich einen Job in der Nähe meines Dorfes“, sagt der 24-Jährige. Mittlerweile hat er es schon zum Vorarbeiter gebracht und verdient 1500 Birr – umgerechnet rund 46 Euro – im Monat.

Ein nationaler gesetzlicher Mindestlohn existiert in Äthiopien nicht. Lediglich für Staatsbedienstete liegt die Untergrenze bei 420 Birr (rund zwölf Euro). „Bei uns gibt es aber grundsätzlich 15 Prozent mehr als bei anderen Arbeitgebern in der Region“, betont Hartmann. Darüber hinaus zahle Fruitbox für alle Angestellten in einen Pensionsfonds ein und biete eine kostenlose Mahlzeit am Tag. Fruitbox belohnt die Arbeiter zudem mit einem Bonus dafür, dass sie tatsächlich an allen Werktagen bei ihm auf dem Acker stehen. Denn manche blieben auch gerne einfach einmal unangekündigt zu Hause, um das eigene Feld zu bestellen, sagt Hartmann. 

Bis auf Farmmanager Langert sind alle Beschäftigten Äthiopier - auch die höher qualifizierten. Dazu gehört Tesfaye Weldesilassie, von Beruf Agronomist und für den Pflanzenschutz bei Fruitbox verantwortlich. Mit einem Monatslohn von 6300 Birr - etwa 192 Euro - zählt er zu den Besserverdienern bei Fruitbox Afrika. 

Fruitbox ist Hauptauftraggeber für lokale Baumschule

Hartmann hält das für das einzig nachhaltige Entwicklungsmodell für Länder wie Äthiopien: investieren, Jobs schaffen, junge Leute qualifizieren, ihnen eine Perspektive und Aufstiegschancen bieten, regionale Märkte erschließen. „Du musst ein Netzwerk von wirtschaftlichen Aktivitäten aufbauen, um etwas voranzubringen“, sagt der Investor. Dafür ist Fruitbox in seinen Augen das beste Beispiel: Die Beschäftigungseffekte gehen weit über die Farm hinaus. Für eine lokale Baumschule, die Setzlinge zieht, ist Fruitbox der Hauptauftraggeber. Von einem kirchlichen Ausbildungsprojekt lassen sich Hartmann und Langert Möbel schreinern und ihren eigenen kleinen Fuhrpark warten. Fahrer und Lkw für die Auslieferung mieten sie in Sodo an. „Und dann konsumieren unsere Beschäftigten ja auch und können sich dank des Jobs mehr leisten.“ 

Heute begrüßt Hartmann auf der Farm die erst kürzlich eingestellte Verwalterin des Lagerhauses und beugt sich mit ihr über Tabellen und Listen. Rund 20 Tonnen Gemüse und Obst karren Lastwagen viermal wöchentlich nachts nach Addis Abeba. Mehr als 450 Kilometer über teils nicht befestigte und tief ausgewaschene Pisten. Weil Hartmann das alles bis ins Detail selbst einschätzen können will, ist er die halsbrecherische achtstündige Tour in die Hauptstadt schon mitgefahren, um Hotels und den Großmarkt zu beliefern. Zu den Kunden zählen auch Einzelhändler - darunter die Kette Shoa. Demnächst will der Fruitbox-Chef die Regionalhauptstadt Hawassa als Markt in den Blick nehmen. Auch der Export von Gemüse sei denkbar. 

Das Potenzial der Farm sieht Hartmann, der alle sechs Wochen von Frankfurt nach Addis jettet und dabei auch schon mal schwer zu beschaffende Ersatzteile im Gepäck hat, noch lange nicht ausgeschöpft. Jetzt, da die von einem israelischen Ingenieur konstruierte Tröpfchenbewässerung läuft, soll die Anbaufläche kontinuierlich ausgeweitet werden - bislang sind erst 50 Hektar bepflanzt. Auch Kleinbauern der Region, die schon teilweise zuliefern, will Hartmann stärker einbeziehen und sieht seine Firma als „Hub“ für umliegende Produzenten. Denn wenn die ihre Ernte über Fruitbox absetzten, könnten sie von den höheren Erlösen profitieren, die Fruitbox beim Verkauf in den Städten erziele. 

Die Rendite muss warten 

„Und da wird dann schon bald unser Kühlhaus stehen“, sagt Hartmann und deutet auf eine Fläche im Zentrum der Farm. „Außerdem planen wir eine eigene Baumschule.“ Von so viel unternehmerischer Energie zeigt sich auch Getachew Arsho von der regionalen Investitionsbehörde bei seinem Besuch auf der Farm beeindruckt. „Fruitbox ist für uns ein Vorzeige-Investor in der Landwirtschaft. Das können wir anderen als Modell präsentieren.“ 

Das Lob genießt Hartmann sichtlich. Doch so einfach lässt er den Behördenvertreter nicht davonkommen. Die schlechte Anbindung der Farm sei ein echtes Problem, klagt der Fruitbox-Chef. Gerade erst haben Chinesen den Zuschlag für den Straßenbau in der Region erhalten. Nun könnten eigentlich auch die letzten Kilometer Schlaglochpiste bis zur Farm befestigt werden. Hartmann hofft, dass sein Unternehmen das nicht komplett allein finanzieren muss. Arsho verspricht prompt, sich um das Anliegen an übergeordneter Stelle zu kümmern. „Wir werden eine Lösung finden.“ 

Sechs Wochen später ist die Sache offenbar auf einem guten Weg. „Wir haben viel Unterstützung“, freut sich Hartmann. Der Eigenbetrag von Fruitbox bleibe wohl „überschaubar“. 

Die Regierung Äthiopiens ist um Investoren bemüht und bietet Anreize, wo sie kann. Wie andere auch muss der Farmer aus Frankfurt fünf Jahre lang keine Steuern auf Gewinne zahlen. „Aber so weit sind wir noch nicht.“ Seinen Mit-investoren habe er gesagt, sie bräuchten Geduld. „Und irgendwann wird die Rendite dann auch kommen.“

Zur Sache: Investment in Äthiopien

Lutz Hartmann ist als Anwalt auf grenzüberschreitende Transaktionen von deutschen und ausländischen Firmen spezialisiert. Der 47-Jährige hat in einer internationalen Kanzlei in Paris und als Syndikus in einem Private-Equity- Unternehmen gearbeitet, bevor er sich vor zwölf Jahren in Frankfurt mit einer eigenen Kanzlei niederließ. 2014 gründete er die Holding Fruitbox Africa – das Unternehmen, das die Farm in Äthiopien betreibt, heißt Vegbox Horticulture. 

Äthiopien ist mit rund 106 Millionen Einwohnern eines der ärmsten Länder der Welt. Die Wirtschaft weist seit Jahren hohe Wachstumsraten auf – auch 2018 wohl mehr als sieben Prozent. Ausländische Firmen strömen in das Land im Nordosten Afrikas. Dessen Regierung will Äthiopien zum führenden Industriestaat in der Subsahara-Region entwickeln und lockt Investoren mit Exportanreizen, Zollbefreiungen, Steuerfreijahren und günstigen Pachtverträgen.

Zur Sache: Landraub

Äthiopien gehört zu den Top-Adressen für ausländische Unternehmen, die in Ackerland investieren. Unternehmen aus Saudi-Arabien, Indien, China oder Singapur haben sich laut der Online-Datenbank Landmatrix fruchtbare Flächen von im Einzelfall bis zu 500.000 Hektar gesichert.

Alles Land, rund 111 Millionen Hektar, gehört in Äthiopien dem Staat. Der verpachtet die Flächen günstig. Mittlerweile sind bereits mehr als zehn Prozent der Nutzfläche in ausländischer Hand. Kritiker sprechen von „Landraub“ und warnen vor einem „ Ausverkauf“ von wertvollem Boden zulasten der heimischen Bevölkerung.

Die Investoren verfolgen meist einen industriellen Anbau von Nahrungsmitteln für den Export oder die Produktion von Futtermitteln, pflanzlichen Rohstoffen und Agrosprit. Gleichzeitig wird der Staat am Horn von Afrika immer wieder von Dürren heimgesucht und kann die eigene Bevölkerung nicht ernähren. 2018 waren laut Welternährungsprogramm rund acht Millionen Menschen auf Lebensmittelhilfe angewiesen.

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