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Frank Niehage, CEO von Flatex.

Interview

Börsenhandel via Internet: „Ich halte das für überhaupt nicht riskant“

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Frank Niehage, Chef von Flatex in Frankfurt, über Investitionen in Aktien, Anlagetipps von mittelmäßigen Bankern und den derzeit großen Erfolg von Crash-Propheten.

Bunte Sessel, großzügige Einrichtung, spektakuläre Aussicht auf den Main: Frank Niehage empfängt seinen Gast im Raum Soho, der für die Mitarbeiter des Online-Brokers Flatex ein Ort der Entspannung und Inspiration sein soll. Im Alltag wird bei den Frankfurtern, die Börsenhandel via Internet anbieten, aber aufs Tempo gedrückt: Die Kundenzahlen wachsen zügig und dank einer Übernahme ist Flatex bald in 18 Ländern präsent.

Herr Niehage, Crash-Propheten dominieren derzeit die Bestseller-Listen in Deutschland. Da denkt man natürlich an Börsen und Aktien – die viele Deutsche ja lieber meiden. Freuen Sie solche Untergangsszenarien oder ärgern Sie sich darüber?

Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Als Mensch und Bürger freue ich mich nicht über Crash- und Untergangsszenarien, überhaupt nicht, und ich hoffe und wünsche, dass es der Welt eher besser geht. Aber wenn ein Crash zu Volatilität an den Börsen führt, dann ist das für unser Geschäftsmodell das Beste, was es gibt. Früher hat Börsenguru André Kostolany gesagt: „Wenn Blut in den Straßen fließt, dann kaufen Menschen Aktien.“ Und wenn sie Aktien kaufen, verdienen wir an den Transaktionsgebühren. Das ist moralisch durchaus schwierig, aber entspricht leider den historischen Erfahrungen.

Was beobachten Sie denn aktuell in Punkto Volatilität?

Historisch gesehen sind wir in den letzten 20 Jahren in einer Phase niedriger Volatilität. Wenn sich das wieder verstärken sollte, werden wir als Unternehmen davon in Form höherer Gewinne profitieren. Zuletzt hatten wir am 6. Januar einen Tag mit hoher Volatilität. Das war nach dem Angriff der Amerikaner auf den iranischen Offizier Qasem Soleimani. An dem Tag haben die Kunden dreieinhalb mal so viele Transaktionen ausgeführt wie an einem durchschnittlichen Tag.

Wie muss man sich Ihren typischen Kunden vorstellen?

Unser durchschnittlicher Kunde ist männlich, über 40 Jahre alt, überdurchschnittlich finanzwirtschaftlich gebildet und überdurchschnittlich vermögend, auch wenn er noch lange kein Fall für die Vermögensverwaltung der großen Banken ist. Unsere Kunden haben in ihrem Depot bei uns im Schnitt Wertpapiere im Wert von 30 000 Euro und etwa 4000 Euro Cash.

Und wie oft und wann handeln sie?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben vergleichsweise viele Kunden, die außerhalb der üblichen Börsenzeiten handeln, also morgens oder abends – denn tagsüber müssen sie arbeiten.

Und loggen die sich täglich in ihr Depot ein?

Nicht unbedingt jeden Tag, aber schon sehr, sehr regelmäßig. Unsere Kunden beschäftigen sich stark mit ihrer Geldanlage. Und das aus gutem Grund: In der heutigen Zeit, mit Niedrig- und sogar Negativzinsen, kann man ja mit klassischen Anleihen und dem Zinsgeschäft überhaupt kein Geld mehr verdienen. Sparer erleben realen Kapitalverzehr, denn sie bekommen ja nicht nur null Zinsen, sondern es gibt auch noch die Inflation und die Bankgebühren.

Was sollte man tun?

Ich sage: Sachwerte. Außer Immobilien fallen darunter auch Investitionen in Unternehmen – wie eben Aktien. Meiner Meinung nach müsste man das in solchen Phasen viel öfter und viel stärker machen. Ich bedauere es sehr, wenn ich sehe, wie in anderen Ländern das Investieren in Unternehmen gefördert, gar steuerlich bezuschusst wird. Wussten Sie, dass Schweden, ein viel kleineres Land, genauso viele Online-Trades zählt wie das bevölkerungsreiche Deutschland? Das liegt daran, dass in Schweden bestimmte Investitionen, wenn sie auf die Altersvorsorge einzahlen, steuerlich begünstigt sind. Warum machen wir so etwas nicht in Deutschland? Warum motivieren wir die Menschen nicht stärker, in Phasen mit niedrigen Zinsen in Unternehmen zu investieren und so ihr Vermögen zu erhalten oder zu vermehren?

Sind es denn nur fiskalische Gründe, dass die Deutschen Aktien lieber meiden? Oder spielen nicht auch kulturelle Fragen eine Rolle? Investitionen in Aktien verlangen zum Beispiel eine optimistische Sicht auf die Welt, wofür die Deutschen ja nun nicht gerade bekannt sind.

Für mich sind die fiskalpolitischen Fragen wichtig. Aber natürlich beginnt alles mit Bildung. Ich habe drei Kinder und keines von ihnen hat während der Schulzeit irgendetwas über Finanzindustrie, Vermögensmanagement oder Investitionen in Unternehmen gelernt. Wenn wir den Menschen eine gute Finanzbildung geben, dann können sie sich auch selbst um ihre Geldanlage kümmern und müssen sich nicht auf den Rat eines mittelmäßigen Bankers verlassen.

Was stört Sie noch?

Jetzt im Niedrigzinsumfeld eine Transaktionssteuer einzuführen, um den wenigen, die das Richtige tun, das Leben auch noch zu erschweren, halte ich für komplett falsch. Das mag aus steuerlichen Gründen für den Staat vielleicht Sinn machen, aber volkswirtschaftlich macht es keinen Sinn, und für die Bürger schon gar nicht.

Nun ja, man kann die Transaktionssteuer ja für falsch halten, insbesondere weil es gar keine Transaktionssteuer, sondern eine Aktiensteuer ist. Aber die Höhe der Steuer ist mit 0,2 Prozent, also zwei Euro auf Aktien im Wert von 1000 Euro, Peanuts. Das ändert nicht wirklich etwas am Ertrag des einzelnen Anlegers.

Zur Person

Frank Niehage, 51, ist Gesellschafter und Chef des Frankfurter Online-Brokers Flatex (vormals: Fintech Group), der Kunden kostengünstigen Handel mit Wertpapieren wie Aktien, Anleihen, Zertifikaten oder börsengehandelten Fonds (ETF) via Internet anbietet. Zuvor hat der studierte Rechtsanwalt für diverse Banken wie Credit Suisse, UBS und Goldman Sachs gearbeitet. Fünf Jahre lang führte er das Deutschland-Geschäft der Privatbank Sarasin. Niehage ist verheiratet und hat drei Kinder. db

Wie hoch die Steuer ausfällt, ist meines Erachtens erst an zweiter Stelle wichtig. Das Signal ist entscheidend. Und das Signal ist eben nicht, die Menschen zu motivieren, in Aktien zu investieren. Stattdessen ist es ein weiteres negatives Signal, nachdem wir den Wertpapierkauf seit der Finanzkrise ohnehin schon mit unzähligen neuen Regeln verkompliziert haben – von den Steuern bis zu den Beratungs- und Dokumentationspflichten für Banker. Die Berater trauen sich heute ja kaum noch, irgendwelche Empfehlungen abzugeben.

Wer sich bei Flatex anmeldet, hat mit all dem kaum etwas zu tun. Sie machen keine Beratung und die Steuern werden automatisch verrechnet. Wer sich einmal angemeldet hat, kann im Grunde kaufen und verkaufen, was er will und wie er es will. Ist das nicht riskant?

Ich halte das für überhaupt nicht riskant. Unsere Kunden sind mündige Bürger und finanzwirtschaftlich gebildet. Die wissen genau, was Sie tun. Wir stellen ihnen als Finanzsupermarkt die Produkte bereit: Aktien, Anleihen, börsengehandelte Fonds und mehr als eine Million Zertifikate. In der Finanzkrise kamen nicht unsere Kunden in Probleme, sondern die Kunden, die von den Banken schlecht beraten worden sind. Zwei Drittel unserer Kunden verbuchen Gewinne.

Sie analysieren das?

Absolut. Wir analysieren ganz intensiv und regelmäßig. Schließlich ist unser Ziel, dass unsere Kunden zufrieden sind. Und zufrieden sind sie, wenn sich ihr Vermögen vermehrt. Wir erlauben übrigens auch keine Geschäfte mit Produkten, die Kunden in die Schulden treiben.

Sie sagen, dass Geldanlage anspruchsvoll ist und man dafür eine gute Bildung benötigt, wenn man das selber machen will. Raten Sie denn im Umkehrschluss auch manchen Menschen davon ab, bei Flatex ihr Geld selbst zu investieren?

Bei uns ist jeder herzlich willkommen. Das will ich klar sagen. Aber wer zum ersten Mal im Leben Wertpapiere kaufen will, der ist bei uns wahrscheinlich weniger glücklich und sollte erstmal bei seiner Hausbank Erfahrungen sammeln.

Im Markt der Online-Broker gibt es viel Bewegung. Es gibt immer mehr Konkurrenten, die Handeln zum Nulltarif anbieten. Was bedeutet das für Flatex?

Erstens: Wir waren es, die diesen Markt vor über zwölf Jahren disruptiv verändert haben, indem wir die Flat-Fee eingeführt haben, also eine Pauschale je Transaktion, unabhängig vom Produkt und der Transaktionssumme. Über die Jahre haben wir es geschafft, dass wir neben diesem Modell viele andere Dienstleistungen und Produkte kostenlos anbieten können, zum Beispiel bestimmte ETF-Sparpläne. Ich sehe bei den „neuen“ Anbietern kaum wirklich Neues und bin daher gespannt, wie lange die durchhalten.

Wenn Sie Handel zu null Kosten anbieten, woran verdienen Sie dann Geld?

Wir haben mit bestimmten Produktanbietern vertraglich vereinbart, dass wir Kommissionen erhalten, wenn wir ihre Produkte anbieten. Diese Rückvergütungen sind eine große Einnahmequelle für uns. Wir machen das ganz transparent und zeigen unseren Kunden, wo wir solche Partnerschaften eingegangen sind. Das ist übrigens nichts Ungewöhnliches: In einem normalen Supermarkt bezahlen die Produkthersteller auch dafür, dass ihre Produkte im Eingangsbereich stehen und nicht in der hintersten Ecke.

Wenn der Kunde keine Gebühr für den Kauf eines Wertpapiers zahlt, und Sie wiederum Geld damit verdienen, dass der Produktanbieter ihnen eine Kommission bezahlt, womit verdient dann der Produktanbieter selbst sein Geld?

Nehmen wir typischerweise ein Zertifikat: Egal, ob es von der Deutschen Bank, der Commerzbank, Morgan Stanley oder Goldman Sachs angeboten wird, verdienen alle an denselben Dingen: An der Differenz zwischen Kauf- und Verkaufskursen, an Zinserträgen und Sicherungsgeschäften.

Sie führen jetzt zum 1. März überraschend eine jährliche Gebühr von 0,1 Prozent auf den Wert der Kundendepots ein. Vor dem Hintergrund, dass Kostenlos-Anbieter in den Markt drängen, mutet das einigermaßen verrückt an. Fürchten Sie nicht, Kunden zu vergraulen?

Ich bin dankbar, dass Sie diese Frage stellen, dann kann ich das aufklären: Wir müssen in Deutschland die Einführung von Gebühren drei Monate im Voraus ankündigen. Deswegen waren wir genötigt, die Gebühr noch zum Jahresende ins Preisverzeichnis zu schreiben, damit sie zum 1. März wirksam werden kann. Was wir noch nicht reingeschrieben haben: Wir werden zum 1. März auch verschiedene Gebühren abschaffen oder senken, so dass das Preis-Leistungs-Verhältnis für unsere Kunden besser, fairer und transparenter wird.

Was werden Sie konkret tun?

Wir analysieren ständig, womit unsere Kunden zufrieden oder unzufrieden sind. Unzufrieden sind sie zum Beispiel mit den Gebühren auf Dividendenzahlungen ausländischer Unternehmen. Die werden wir wahrscheinlich nennenswert senken oder gar abschaffen. Auch die Gebühren für ausländischen Börsenhandel werden wir wahrscheinlich senken oder abschaffen. Und wir überprüfen, ob wir die Negativzinsen auf Cash-Guthaben wieder abschaffen können. Außerdem werden wir Kunden, die viel handeln, von der Depot-Gebühr ausnehmen. Wir werden zum 1. März den Flatex-Club für Premiumkunden einführen.

Mit Degiro kaufen Sie nun für eine Viertelmilliarde Euro einen niederländischen Wettbewerber und erweitern die Reichweite von Flatex von drei auf 18 europäische Länder. Treten Sie damit die Flucht aus dem deutschen Markt an, der wegen der geringen Aktienneigung der Deutschen als schwierig gilt?

Keineswegs. Die Annahme, dass man in Deutschland nicht wachsen kann, ist falsch. Als ich vor sechs Jahren hier angefangen habe, hatten wir 15 000 Kunden, jetzt sind wir bei weit über 300 000 angekommen. Und wir glauben daran, dass wir weiter wachsen können. Wir wollen unseren Marktanteil weiter steigern. Und wenn erst einmal mehr Deutsche anfangen zu erkennen, dass sie in Wertpapiere investieren müssen, ist da noch viel Potenzial. Aber wir haben auch immer gesagt, dass wir diversifizieren und internationaler werden wollen. Das machen wir jetzt. Und ich denke, wir haben beste Aussichten.

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