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„Haut uns raus!“: Bürger protestieren im Oktober 2008 – während der Weltfinanzkrise – vor der New Yorker Börse.

Wirtschaftskrise

Angst vor der Krise: Böse Crash-Propheten?

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Warnungen vor einem Crash der Wirtschaft erobern die Bestseller-Listen. Die Autoren ernten Kritik - dabei operieren Optimisten und Pessimisten erstaunlich ähnlich.

Zu Beginn des neuen Jahrzehnts mehren sich die Warnungen vor der nächsten Finanzkrise. Bücher wie „Der größte Crash aller Zeiten“ und „Weltsystem-Crash“ bevölkern Bahnhofsbuchhandlungen und Sachbuchranglisten. Ihren Pessimismus gründen die Autoren auf Spekulationsblasen bei Aktien und Immobilien, auf Handelskriege, steigende Schulden und das billige Geld der Notenbanken.

Den Warnern stehen Ökonomen gegenüber, die die Lage für halb so schlimm halten und den Crash-Propheten vorwerfen, mit ihren Warnungen bloß Profit machen zu wollen. Es ist eine eigenartige Debatte, in der beide Seiten aus der aktuellen Lage Schlüsse ziehen, die allerdings nicht mehr als Vermutungen sind.

„Der größte Crash aller Zeiten“ - Marc Friedrich ist einer der prominentesten Schwarzseher

Einer der derzeit prominentesten Schwarzseher ist der Anlageberater Marc Friedrich, Co-Autor des Bestsellers „Der größte Crash aller Zeiten“. Er betrachtet die Welt aus der Perspektive des Investors, seine Analyse der aktuellen Wirtschaftslage dient also einem praktischen Interesse: Anlageverluste vermeiden und Gewinne einstreichen. Deswegen ist es für Friedrich und andere Crash-Propheten so wichtig, einen halbwegs genauen Termin für den Kurssturz zu nennen – ohne Prognose nützt ihm die ganze Analyse nichts. Laut Friedrich, der schon 2012 die Krise ausrief, ist es nun „spätestens 2023“ so weit.

Seine düstere Prognose fußt zum einen auf dem Allgemeinplatz, dass „bisher nach jeder Wachstumsphase eine Rezession kam“, so Friedrich im Magazin „Spiegel“. Zum anderen besteht seine Analyse aus einer Reihe von Vergleichen der aktuellen Lage mit früheren Zeiten: Die Notenbanken haben die Zinsen tief gesenkt, der daraus folgende Boom sei daher „künstlich“ und die hohen Notierungen an Aktien- und Immobilienmärkten „Finanzmarktblasen“. Viele Staaten und Unternehmen seien zudem hochverschuldet – was bloß bedeutet: höher als früher – weswegen die Notenbanken die Zinsen nicht erhöhen könnten. Dadurch würde der fällige Zusammenbruch allerdings nur „künstlich in die Zukunft verschoben“, so Friedrich. Am Ende sei eine große Entwertung – auch durch Schuldenschnitte und Währungsreform in der Eurozone – unvermeidlich.

Argumentation von Crash-Propheten hat eine Schwachstelle

Die Schwachstelle der Argumentation von Crash-Propheten wie Friedrich und anderen ist: Sie verweisen zwar auf einige problematische Entwicklungen wie hohe Schulden, niedrige Zinsen, billionenschwere Stützungsaktionen der Notenbanken, sinkendes Wirtschaftswachstum. Doch handelt es sich hierbei nur um eine Aufzählung von Risiken, aus denen sich kein zwangsläufiger Crash ergibt und schon gar kein konkreter Zeitpunkt seines Eintretens. Risiken sind immer nur Möglichkeiten.

Diesen Mangel teilen allerdings die Analysen jener Ökonomen, die keine Krise kommen sehen. Sie sehen in den Stützungsaktionen der Notenbanken eben die Stützung der Märkte und keine „Insolvenzverschleppung“ wie Friedrich. Die gestiegenen Schulden erkennen sie an, halten sie aber wegen der niedrigen Zinsen und der höheren Wirtschaftsleistung für relativ ungefährlich. In der Investitionszurückhaltung der Unternehmen sehen sie keine Vorboten eines Crashs, stattdessen suchen sie nach Wegen, die Unternehmen zum Investieren zu bewegen. Den Erfolg der Crash-Bücher beim Publikum bügeln sie ab mit dem Hinweis, die Menschheit leide unter einer „Angstfaszination“ (FAZ), was stimmen mag, für sich aber kein gültiger Einwand gegen die Warnungen der Schwarzseher ist.

„Eines Tages wird es wieder zu einem Crash an den Kapitalmärkten kommen“

Wie die Pessimisten, so operieren auch die Optimisten mit dem Vergleich zu früheren Zeiten. Zwar gestehen sie zu, dass „es eines Tages wieder zu einem Crash an den Kapitalmärkten kommen wird“, so die DZ Bank. Allerdings nicht so bald, schließlich seien „die aktuellen Risiken nicht beunruhigender als beispielsweise während des Kalten Krieges oder während der durch Rezessionen, Ölpreisschocks und Kriege geprägten 70er Jahre“.

Das bedeutet: Wie die Warner suchen auch die Beruhiger nach dem Zeitpunkt der nächsten Krise, sehen ihn allerdings bloß noch nicht gekommen: „In den nächsten Jahren dürfte es noch bergauf gehen“, so die DZ Banker. Den Einwand der Pessimisten, dass die Ökonomen auch die vergangenen Krisen nicht haben kommen sehen, kontern sie locker mit der Börsenweisheit, dass Crash-Propheten 20 der vergangenen fünf Krisen korrekt vorhergesagt haben: Wer immer warnt, hat auch immer irgendwann recht. Derzeit allerdings nicht.

Geld machen wollen nicht nur die Crash-Propheten - sondern auch die Optimisten

Die Kritik der DZ Bank an den Crash-Propheten, „in der Praxis“ sei „das Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Finanzmärkten ein wesentlich komplexeres System“, das keine konkreten Zusammenbruchsprognosen zulasse, fällt allerdings auf die Beruhiger zurück: Auch sie können die nächste Krise nicht mit Sicherheit erkennen. Das kümmert sie jedoch nicht – statt auf Risiken verweisen sie auf Chancen: Jene, die sich zu viele Sorgen um kommende Krisen gemacht haben, „haben nicht investiert und somit Gelegenheiten verpasst, ihr Vermögen vor Inflation zu schützen oder sogar real zu steigern“.

Damit wackelt allerdings auch das letzte Argument der Optimisten, Crash-Propheten schürten nur Unsicherheit, um mit ihren Warnungen „Geld in Form von Buchtantiemen“ oder gar eigenen Finanzprodukten zu machen. Geld machen wollen die Optimisten auch – sie halten Optimismus nur für die bessere Anlagestrategie: „Der rationale Weg, mit potenziellen ‚Belastungen‘ umzugehen, ist, sie zu ignorieren und in feine Unternehmen zu investieren“, rät die DZ Bank, die das entschiedene „Achtung!“ der Warner kontert mit einem ebenso entschiedenen „Vorwärts!“.

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