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Verlegung der Gaspipeline Nord Stream 2 vor Rügen im November 2018.

Erdgas

Fragwürdige Gasschwemme

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Neue Pipelines und Hafenterminals werden die europäischen Erdgas-Importe ankurbeln. Das schafft Versorgungssicherheit – und birgt Risiken für den Klimaschutz.

Erdgas hat Konjunktur. Der Verbrauch stieg hierzulande im Januar und Februar insgesamt um zwei Prozent auf 256 Milliarden Kilowattstunden im Vergleich zum Vorjahr. Das geht aus aktuellen Zahlen des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hervor, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland vorliegen. Das Plus ist bemerkenswert, denn der Februar 2019 war erheblich wärmer als der Februar 2018. Um Witterungseinflüsse und Schalttage bereinigt liegt der Anstieg um 10,7 Prozent höher. Der Gasverbrauch ist damit auf Rekordkurs.

Ist das noch im Sinne von Energiewende und Klimaschutz? Schließlich soll in gut 40 Jahren in Deutschland und anderswo die Energieversorgung fast komplett dekarbonisiert sein, also ohne fossile Energieträger auskommen, um die Erderwärmung zu begrenzen.

Doch gerade wird in der Ostsee eine neue Pipeline verlegt, Nord Stream 2. Ende des Jahres soll sie fertig sein und dann jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas in die EU pumpen. Russland würde damit seine Exporte gen Westen um ein Drittel steigern.

Das ist nur ein Projekt: Kürzlich wurde der Startschuss für das Vorhaben „Baltic Pipe“ gegeben: eine Gasleitung von Norwegen nach Polen mit einer Kapazität von zehn Milliarden Kubikmeter pro Jahr. Und 2025 sollen große Rohre Methan, das vor der Küste von Israel gefördert wird, nach Italien transportieren.

Hinzu kommt verflüssigtes Erdgas (LNG), das mit Schiffen transportiert wird. Laut BDEW gibt es in Europa bereits 27 Terminals, sieben weitere sind im Bau und 32 zusätzliche in Planung. Wobei die Pumpstationen nach Informationen von Branchenkennern derzeit nur zu 30 Prozent ausgelastet sind.

Gleichwohl hat Wirtschaftsminister Altmaier (CDU) US-Präsident Trump versprochen, auch an den deutschen Küsten Anlandestellen zu errichten – US-Energiekonzerne suchen Abnehmer für den Brennstoff, der mit dem umstrittenen Frackingverfahren gefördert wird. Kürzlich hat die Bundesregierung eine Verordnung erlassen, die die Betreiber der Gasnetze verpflichten soll, Anschlüsse für LNG-Terminals bereitzustellen – der Bundesrat muss noch darüber entscheiden.

Gasschwemme statt Gasausstieg?

Gasschwemme also statt Gasausstieg? Die Nord Stream AG, die hinter dem gleichnamigen Pipeline-Projekt steht, macht in einem Hintergrundpapier darauf aufmerksam, dass die Förderung in Europa – vor allem in den Niederlanden – in den nächsten zwei Jahrzehnten massiv zurückgefahren werden soll. Zugleich sind sich alle Experten einig, dass Methan eine wichtige Brückenfunktion haben wird beim Umbau der Energieversorgung. Aber über deren Dauer wird gestritten. Klar ist, werden alle anstehenden Projekte umgesetzt, wird die schwindende europäische Förderung um ein Vielfaches überkompensiert.

Für Stefan Kapferer, Vorsitzender der BDEW-Hauptgeschäftsführung, ist klar: „Gas bleibt ein wichtiger Bestandteil des Energiemixes bis 2050: Es lassen sich die kurzfristigen Klimaschutzziele ebenso einhalten wie die Etappenziele auf dem Weg zur Dekarbonisierung. Denn kurzfristig kann Erdgas CO2-intensivere Brennstoffe ersetzen“, sagte er.

Das ist in den ersten zwei Monaten des Jahres schon im kleinen Maßstab geschehen: Der Brennstoff wurde verstärkt zur Stromerzeugung eingesetzt – Gaskraftwerke produzierten nach BDEW-Berechnungen 17 500 Kilowattstunden elektrische Energie (plus 5,7 Prozent). Zugleich wurde in Stein- und Braunkohlekraftwerken erheblich weniger erzeugt. Experten gehen davon aus, dass die höheren Preise für CO2-Verschmutzungszertifikate der entscheidende Faktor für die Verschiebungen sind – sie haben sich binnen Jahresfrist fast verdreifacht. Und jetzt steht auch noch der Kohleausstieg vor der Tür.

Doch Felix Matthes vom Öko-Institut macht darauf aufmerksam, dass Erdgaskraftwerke künftig vor allem dafür gebraucht würden, um Spitzenlasten im Netz für kurze Zeit abzudecken. Die dafür benötigten Strommengen und damit auch die Gasmengen seien überschaubar.

Der Haupteinsatzort von Methan ist hierzulande ohnehin der Wärmemarkt. Dorthin strömen gut 70 Prozent des Brennstoffs. Hier und im Verkehrssektor könne er, so Kapferer, einen großen Beitrag zur Dekarbonisierung leisten. Erdgas erzeugt bei vergleichbarer Wärmeleistung bis zu einem Viertel weniger CO2 als Diesel, Benzin und Heizöl. Der BDEW-Geschäftsführer weist darauf hin, dass das „hierfür nötige Leitungsnetz und die Speicher schon vorhanden“ seien. Die geplanten LNG-Terminals eröffneten einen weiteren Transportweg und würden zur Diversifizierung des Angebots beitragen.

Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, hingegen warnt mit Vehemenz vor einem Ausbau der Erdgaswirtschaft: „Obwohl die Bundesregierung selbst von einem sinkenden Bedarf ausgeht, setzt sie weiter auf Infrastrukturprojekte wie North Stream 2 oder LNG-Terminals, die fossile Abhängigkeiten zementieren und klimapolitisch nicht vertretbar sind.“ Die Regierung müsse einen verbindlichen Ausstiegspfad für fossile Gase vorgeben, damit Fehlinvestitionen vermieden werden. „Doch davon ist bisher nichts zu sehen“, so die Grünen-Politikerin. Statt Kohle- durch Gaskraftwerke zu ersetzen, müsse der Ausbau von Solar- und Windenergie massiv beschleunigt werden.

In puncto Wärmewende fordert Matthes wie viele Umwelt- und Klimaschützer, dass Erdgas und Öl – die bislang bevorzugten Brennstoffe für Heizungen – verteuert werden müssen. „Die Einführung eines CO2-Bepreisungsinstruments liegt da auf der Hand“, betont er. Das müsse aber durch Steuererleichterungen ergänzt werden, etwa für Hausbesitzer, die ihre Heizanlagen erneuern. Das müsste dann unter anderem auf elektrische Wärmepumpen als klimaneutrale Alternative hinauslaufen.

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