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Fracking-Gas für Deutschland?

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Von: Stefan Brändle

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Für Florian Weyer ist das LNG-Terminal eine gute Übergangslösung.
Für Florian Weyer ist das LNG-Terminal eine gute Übergangslösung. © Brändle

Im französischen Le Havre soll Flüssiggas aus aller Welt ankommen und auch Deutschland versorgen. Doch die Herkunft des Energieträgers sorgt für Unmut.

Wie ein Kapitän auf der Brücke steht Florian Weyer am Fenster seines Chefbüros im siebten Stock der Hafenverwaltung. Mit dem Arm zeigt er gen Westen: „Von dort werden die Gastanker kommen, wenn die Bauarbeiten im Hafen zu Ende sein werden.“

Aus den USA wird ab nächstem Jahr Flüssigerdgas nach Le Havre kommen, um in die europäischen Leitungen eingespeist zu werden. Weyer nennt es „eine Übergangslösung gegen die aktuelle Energieknappheit“. Im Unterschied zu den vier bestehenden Flüssiggasterminals Frankreichs wird der Terminal in Le Havre Flüssigerdgas aus entfernten Ländern wie Norwegen, Katar oder den USA verarbeiten können. „Der Hafen in der Normandie wird damit auf einen Schlag zehn Prozent des französischen Gasverbrauchs stellen“, schätzt Weyer.

Der Laie staunt, dass ein paar Tanker die permanente Leistung einer Pipeline ersetzen können. Möglich macht es die Kühlung auf minus 162 Grad, die Erdgas verflüssigt. Dieses „Liquid Natural Gas“ (LNG), also flüssige Erdgas, nimmt 600-mal weniger Platz ein als im gasförmigen Zustand. Ein 300 Meter langer Tanker transportiert im Schnitt 160 000 Kubikmeter LNG, bevor es im Zielhafen für den Verbrauch wieder erwärmt wird. Die Riesenschiffe mit den kuppelförmigen Tanks können in Le Havre gerade noch anlegen.

Hinzu kommt eine schwimmende Relaisstation des französischen Konzerns Totalenergies. Sie soll das angelieferte LNG aufwärmen und in Gas zurückverwandeln. Mobile Gasterminals wie diese ersparen langwierige Bauarbeiten für ein fixes Terminal, wie Weyer sagt. „Außerdem ist das LNG-Terminal problemlos abbaubar, wenn die Energieknappheit in Europa einmal überwunden sein wird.“

LNG, Europas Notlösung für russisches Erdgas? Xavier Lemarcis kann darüber nur lachen. Beim Lunch-Salat im Bahnhofsbistro von Le Havre sagt der Vertreter des Umweltverbandes „France Nature Environnement“ kategorisch: „LNG löst keine Probleme, LNG schafft Probleme.“ Denn es erfordere erst eine riesige Energie für die Kühlung, dann für die Wiedererwärmung, erklärt der ehemalige Chemie- und Physiklehrer. In Sachen CO2-Bilanz stehe Flüssiggas schlechter da als Pipelinegas und nicht viel besser als Braunkohle. Und vor allem stamme das meiste Flüssiggas westeuropäischer Hafenterminals aus den USA. „Das heißt“, so Lemarcis, „es handelt sich um Fracking-Gas.“

Fracking, das Herauspressen fossiler Energie durch Druck und Chemikalien aus Schiefergestein, ist in Frankreich oder in Deutschland aus ökologischen Gründen verboten. „Der Import ist hingegen zugelassen“, ärgert sich Lemarcis. „Mit der LNG-Technologie profitieren wir damit vom Schieferöl, das wir bei uns nicht zulassen wollen!“

Auf der Fahrt entlang des unübersehbaren Hafengeländes zeigt Lemarcis, was ihm als Chemiker aufgefallen ist: „2,3 Kilometer weiter befinden sich drei Dünger- und andere Fabriken der Seveso-Kategorie. Das ist alles hochexplosiv – nicht gerade das, was man sich in der Nähe eines Gasterminals wünschen würde.“

Nun gesellt sich Nicolas Guillet zur Hafenführung. Er ist Vertreter der Linkspartei „La France insoumise“ in Le Havre. Der Verfassungsrat in Paris habe festgehalten, dass das LNG-Terminal nur zulässig sei, wenn in Frankreich ernsthaft ein Versorgungsengpass drohe, so Guillet. Das sei aber zumindest in diesem Winter nicht der Fall; die französischen Gasspeicher seien voll.

Bloß ist das in Le Havre ankommende LNG nicht nur für Frankreich gedacht, sondern auch für andere europäische Länder. „Namentlich Deutschland könnte Gas aus Le Havre erhalten“, schätzt Guillet. Präsident Emmanuel Macron und Kanzler Olaf Scholz hatten im September vereinbart, dass Deutschland Strom nach Frankreich liefere, solange die französischen Atomkraftwerke in Serie ausfallen. Im Gegenzug liefert Frankreich Gas ins Saarland.

Von dem neuen Gas, das durch Westeuropa fließen wird, dürfte mehr als die Hälfte gefrackt sein, schätzt Guillet. Er bedauert, dass seine Petition gegen das Terminal erst 3000 Unterschriften gegen das Terminal in Le Havre zusammengebracht hat. In der Hafenstadt können sich offenbar die meisten mit der LNG-Technologie abfinden. Zumal ja alle Verantwortlichen mit der Hand auf dem Herz beteuern, es handele sich nur um eine Übergangslösung.

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