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Drahtseilakt: Arbeiter auf einem Hubwagen verlegen im ICE-Werk Langenfelde Oberleitungen.

FR-Trendbarometer FRAX

Arbeitsmarkt: Kommt jetzt der Abschwung?

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Der Sound am Arbeitsmarkt ändert sich. Nach Jahren des Optimismus überwiegen nun die pessimistischen Töne. Worauf sich die Beschäftigten einstellen müssen.

„Der Markt ist derzeit voll mit exzellenten Freelancern“, sagt ein Münchner Manager und weiß nicht so recht, ob er sich darüber freuen soll. Einerseits kommt er nun einfacher an IT-Spezialisten, die für ihn wichtige Aufgaben erledigen können, andererseits könnte die Entwicklung eine Verschlechterung der Wirtschaftslage andeuten, was über kurz oder lang auch sein Unternehmen treffen würde.

Die Verfügbarkeit von Freelancern und die Nachfrage nach Zeitarbeitern sind Frühindikatoren für die Entwicklung des Arbeitsmarkts, weil die Unternehmen bei diesen Beschäftigten am flexibelsten auf wirtschaftliche Entwicklungen reagieren können. Hinweise zum Zustand der Wirtschaft gibt auch das Ausmaß der konjunkturell bedingten Kurzarbeit – durch Arbeitszeitverkürzung können die Unternehmen ihre Personalkosten anpassen, ohne Mitarbeiter entlassen zu müssen. Einen Teil der Lohnkosten übernimmt die Arbeitsagentur.

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Im Juni sind bei der Bundesagentur für Arbeit insgesamt 833 Anzeigen von Unternehmen eingegangen, die aus konjunkturellen Gründen Kurzarbeit anmelden wollten. Davon betroffen waren potenziell bis zu 16 600 Personen, rund dreimal so viel wie im Juni vor einem Jahr. Allerdings bewegt sich die Zahl damit einerseits noch immer auf sehr niedrigem Niveau, andererseits werden längst nicht alle gemeldeten Personen auch tatsächlich in Kurzarbeit geschickt.

Deutlich veränderte Lage am Arbeitsmarkt

Gleichwohl stellt der Arbeitsmarktexperte der Commerzbank, Eckart Tuchtfeld, eine deutlich veränderte Lage am Arbeitsmarkt fest. „Der bisher geradezu unverwundbar erscheinende Arbeitsmarkt ist labil geworden“, so Tuchtfeld. Es gebe zwar weiterhin Fortschritte beim Abbau der Arbeitslosigkeit, diese Fortschritte würden seit einem Jahr aber immer geringer. Auch die Erwerbstätigkeit steige zwar weiterhin, doch auch hier würden die Zuwächse – bereits seit rund anderthalb Jahren – kleiner. Und die Zahl der offenen Stellen gehe zurück, auch wenn es immer noch ein sehr üppiges Angebot von mehr als 800 000 unbesetzten Arbeitsplätzen gebe.

Die positive Dynamik lässt folglich nach und Experten stellt sich die Frage, ob die Entwicklung ins Negative kippen wird. Damit ändert sich der Sound am Arbeitsmarkt nach vielen Jahren, in denen es quasi ausschließlich optimistische Töne gab. Seit 2013 und damit seit rund sechs Jahren ist die um saisonale Effekte bereinigte Arbeitslosigkeit fast durchweg gefallen. Seit 2005 hat sich die offizielle, saisonbereinigte Arbeitslosenzahl von fünf auf weniger als 2,5 Millionen Personen halbiert, gleichzeitig stieg die Erwerbstätigkeit von 39 Millionen auf 46 Millionen an.

Die steigende Nachfrage nach Arbeitskräften und die damit einhergehende Verknappung des Angebots führten dazu, dass die Firmen den Beschäftigten bessere Angebote machen mussten. Steigende Löhne, mehr sozialversicherungspflichtige Stellen und eine höhere Arbeitszufriedenheit waren die Folge. Außerdem gab es eine Trendwende am Ausbildungsmarkt: Nach langjährigen Rückgängen wurden seit 2017 wieder mehr Lehrverträge unterzeichnet. Immer mehr Unternehmern wurde allmählich bewusst, dass sie für die Fachkräftesicherung mehr tun müssen. Im Ergebnis stieg der FR-Arbeitsmarktindex, der all diese Faktoren erfasst, deutlich. Er kletterte von 100 Punkten im Jahr 2007 auf aktuell 108,7 Punkte.

Wie es am Arbeitsmarkt nun weitergeht, hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Mit einer Verzögerung von einigen Monaten folgt der Arbeitsmarkt der wirtschaftlichen Lage. Die ist weiterhin sehr gut, das Bruttoinlandsprodukt als zentrales Maß der Wirtschaftsleistung liegt auf Rekordniveau. Doch die Unsicherheiten hinsichtlich der künftigen Entwicklung haben zugenommen. „Deutsche Konjunktur kippt“, überschreibt Ökonom Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe sein aktuelles Lagebild. Er geht davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im Zeitraum von April bis Juni im Vergleich zum Jahresanfang geschrumpft ist. Im Einzelhandel, im produzierenden Gewerbe und im Außenhandel zeigten alle vorliegenden Daten ein Minus an.

Schwachpunkte der hiesigen Wirtschaft sind derzeit die Industrie und der Export, also zwei traditionelle Stärken. „Der Infektionsherd Industrie verlangt inzwischen vom Immunsystem der deutschen Volkswirtschaft alles ab“, schreibt Andreas Scheuerle von der Deka-Bank. Neubestellungen und Auftragsbestände gingen zurück. Daher rechnen die Deka-Ökonomen damit, dass die Industrie sich von April bis Juni das vierte Quartal infolge in der Rezession befunden hat.

Die Eintrübung der Lage hat laut den Experten die inzwischen hinlänglich bekannten Ursachen: Der Handelsstreit von US-Präsident Donald Trump mit China, der Abschied Großbritanniens aus der EU und die vielerorts in Europa schwache Wirtschaft. Für ein Land, das fast die Hälfte seiner Wirtschaftsleistung im Handel mit dem Ausland erzielt, ernsthafte Probleme.

Dennoch erwarten die Wirtschaftsexperten nicht, dass sich kurzfristig größere Änderungen am Arbeitsmarkt einstellen werden. Einerseits, weil sie immer noch die Möglichkeit sehen, dass das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte wieder an Kraft gewinnen wird, auch weil Politik und Zentralbanken signalisiert haben, einem Abschwung entgegenwirken zu wollen. Andererseits „dürfte die Beschäftigung von Unternehmen vorerst nicht in großem Stil abgebaut werden, um in Zeiten des Fachkräftemangels künftige Suchkosten zu vermeiden“, so Bankhaus Lampe-Experte Krüger.

„Sollte die Konjunktur im zweiten Halbjahr – wie von uns erwartet – wieder etwas anziehen, dürfte es bei einer vorübergehenden Schwächephase am deutschen Arbeitsmarkt bleiben“, so Commerzbank-Experte Tuchtfeld. „Für die kommenden Monate ist aber mit einer insgesamt schwächeren Entwicklung des Arbeitsmarktes als bisher zu rechnen. Das heißt, der Beschäftigungsaufbau wird geringer ausfallen und die Arbeitslosigkeit tendenziell eher steigen.“

Angesichts dieser unsicheren Situation fordert Ökonom Martin Müller von der staatlichen Förderbank staatliche Investitionen zur Stärkung der Konjunktur und zum Schutz von Arbeitsplätzen. „In wichtigen Zukunftsfeldern wie Digitalisierung, Verkehrswende, Klimaschutz, Schulen und Kitas sind höhere Investitionen überfällig.“

Die Ergebnisse des FRAX-Barometers

Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) ist eine Entwicklung der Frankfurter Rundschau und des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor. Er wurde in enger Abstimmung zwischen Journalisten und Wissenschaftlern erarbeitet. Grund-gedanke des FRAX ist, dass die Arbeitslosen- und Erwerbstätigenzahlen alleine keine fundierte Bewertung des deutschen Arbeitsmarktes ermöglichen. Es kommt ebenfalls auf die Qualität der Arbeit an oder darauf, dass die Menschen von ihrer Arbeit leben können. Der FRAX analysiert deshalb den deutschen Arbeitsmarkt in fünf Kategorien und anhand von 18 unterschiedlichen Indikatoren, um so zu einem stimmigen Gesamtbild zu kommen.

Ausbildung: Noch immer zu wenig Ausbidungsplätze

Der deutliche Aufwärtstrend, der sich am Ausbildungsmarkt seit Ende 2017 beobachten lässt, setzt sich fort. Für das laufende Jahr erwarten Experten mehr als eine halbe Million neu abgeschlossene Ausbildungsverhältnisse. Allerdings reicht das noch nicht, um die Nachfrage nach Lehrstellen zu befriedigen. Für 100 Bewerber gibt es im bundesweiten Durchschnitt nur 97 Lehrstellen. Der Ausbildungsmarkt hat also weiterhin Potenzial. Mit Blick darauf, dass weniger ausgebildet wird als noch vor zehn Jahren und die Firmen nach Fachkräften rufen, sollte dieses Potenzial genutzt werden. Wer seine Ausbildung abschließt, hat weiterhin gute Übernahmechancen.

Zugangschancen: Gerade Randaltersgruppen haben zu kämpfen

Die benachteiligten Gruppen am Arbeitsmarkt sind einen eigenen Blick wert. Es zeigt sich, dass die Zahl der älteren Arbeitslosen steigt – einerseits, weil diese Menschen schlecht aus der Arbeitslosigkeit kommen, andererseits, weil die Gruppe der Älteren durch demografische Veränderungen größer wird. In Summe steigt der Anteil der Randaltersgruppen (Junge und Alte) an allen Arbeitslosen im ersten Quartal auf 31,1 Prozent. Der Anteil der Langzeitarbeitslosen sank hingegen von 35,7 auf 33,8 Prozent, wobei das nicht bedeuten muss, dass sie in Arbeit gekommen sind. Sie können auch das Rentenalter erreicht oder aus anderen Gründen aus der Statistik gefallen sein.

Arbeitsbedingungen: Unverändert auf bestem Niveau

An den Arbeitsbedingungen der Beschäftigten scheint sich kaum noch etwas zu ändern. Sie liegen nun seit vier Quartalen, also einem Jahr, unverändert auf demselben Niveau – allerdings auf dem besten Niveau seit mindestens zwölf Jahren. Für die Kategorie werden Arbeits- und Wegeunfälle, krankheitsbedingte Fehlzeiten sowie die Zufriedenheit der Beschäftigten mit ihrem Umfeld am Arbeitsplatz gemessen (dabei geht es zum Beispiel um die Beziehung zu Kollegen und Vorgesetzten, um Entwicklungsmöglichkeiten und verfügbare Arbeitsmittel). In allen drei Bereichen gab es im ersten Quartal im Vergleich zum Vorjahreszeitraum keine substanziellen Veränderungen.

Einkommen: Reallöhne steigen

Die Kaufkraft der Arbeitnehmer steigt weiter: Die Reallöhne legten zum Jahresstart um 2,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu. Diese Entwicklung stärkt die Binnennachfrage und trägt zur Stabilisierung der exportabhängigen deutschen Wirtschaft bei. Bei der Verteilung des Volkseinkommens zwischen Firmen, Investoren und Beschäftigten konnten die Arbeitnehmer ihren Anteil binnen Jahresfrist von 65,6 auf 67,2 Prozent steigern. Die Zahl der Erwerbstätigen, die ihr Einkommen mit Hartz IV aufstocken müssen, ist um 6,5 Prozent auf 1,04 Millionen gesunken. Der Lohnabstand zwischen Führungskräften und ungelernten Arbeitnehmern ist leicht größer geworden.

Beschäftigung: Es wird mehr gearbeitet in Deutschland

Die Arbeit geht Deutschland offenbar so schnell nicht aus. Im Gegenteil, es wird immer mehr gearbeitet: In den ersten drei Monaten des Jahres wurden 15,4 Milliarden Arbeitsstunden erbracht. Das waren 1,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der erwerbstätigen Menschen stieg um 1,1 Prozent. Gleichzeitig setzte sich der Trend zu höherwertigen Arbeitsverhältnissen fort: Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nahm um 340 000 Stellen zu, während die ausschließlich geringfügige Beschäftigung um 92 000 Stellen fiel. Die Zahl der Arbeitslosen ging binnen Jahresfrist um 6,4 Prozent auf 2,2 Millionen Personen zurück.

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