Corona ist fast schon abgehakt - zumindest an den Börsen. 
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Corona ist fast schon abgehakt - zumindest an den Börsen.

Börse

Folgt auf die Rally der Crash?

Die Börsen haben sich vom Corona-Tief schnell erholt. Anleger hoffen auf die Politik.

Zu den immer wieder gern zitierten Weisheiten für Anleger zählt: „Politische Börsen haben kurze Beine.“ Der Gegenbeweis ist nun aber erbracht. Am Freitagnachmittag notierte der Deutsche Aktienindex (Dax) nahe der Marke von 13 000 Punkten. Das ist der höchste Wert seit dem Corona-Crash Anfang März. Die jähe Erholung wird von Finanzprofis vor allem auf die Aussagen zweier Politiker zurückgeführt: Nämlich auf die Verlautbarungen von Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. Mitte Mai kündigten sie an, EU-weit gigantische Hilfsprogramme auf den Weg bringen zu wollen.

Mit den kurzen Beinen ist gemeint, dass Aktienkurse wegen politischer Ereignisse nur kurzfristig nach oben gehen. Doch die Bergfahrt bei den wichtigsten europäischen Indizes währt nun schon seit Mitte Mai. Inzwischen haben auch die Strategen mehrerer US-Großbanken wie Goldman Sachs, Morgan Stanley oder der Bank of America eine Übergewichtung europäischer Aktien empfohlen. Auch der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock ist gerade dem Club beigetreten. Man erwärme sich für die Dividendentitel vom Alten Kontinent, weil die Politik aktiv werde und ein relativer Erfolg beim Eindämmen der Pandemie erkennbar sei, so die Analysten.

Sie geben dem Anleihe-Kaufprogramm der Europäischen Zentralbank ihr Gütesiegel, genauso wie dem geplanten Wiederaufbauplan der EU-Kommission sowie den deutschen und französischen Konjunkturpaketen. Die Leute von Blackrock raten auch zum Kauf von Staatsanleihen kleinerer EU-Staaten. Für die Goldman-Strategen zählt vor allem, dass für die nächsten drei Monate eine Erholung der globalen Konjunktur zu erwarten sei und dass davon europäische Unternehmen in besonderem Maß profitieren würden.

Die Folge: Der breit angelegte Stoxx Europe 600 ist den vergangenen zwei Monaten deutlich stärker gestiegen als sein US-Pendant, der S&P 500. Wie ein Verstärker wirken in dieser Situation aktuelle Geschäftszahlen von Unternehmen. So haben der Internet-Modehändler Zalando und der Laborzulieferer Sartorius höhere Umsätze als erwartet präsentiert. Beide Firmen gehören zu den Corona-Gewinnern.

Mit dem Niveau nahe der 13 000 Punkte notiert der Dax ungefähr da, wo er Anfang des Jahres stand. Damit liegt er zugleich deutlich über dem Niveau von vor zwölf Monaten. Ob er da bleibt, hängt wesentlich davon ab, ob sich die Europäer am Wochenende tatsächlich auf einen Wiederaufbauplan verständigen können. So warnte gerade Gabriel Felbermayr vom Kieler Institut für Weltwirtschaft, dass bei langwierigen Verhandlungen der 27 EU-Staaten die Hilfsprogramme zu spät kommen könnten. Auch Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners schreibt in einer Analyse, dass ein Scheitern des EU-Gipfels an diesem Wochenende ein „verheerendes Signal“ sein könnte. In den Aktienkursen seien die positiven Effekte des Wiederaufbaufonds bereits berücksichtigt. Heißt: Kommt er nicht, geht es mit den Kursen nach unten.

Der Online-Videodienst profitiert weiter davon, dass viele Menschen in der Corona-Krise zu Hause bleiben und fernsehen. Nach dem Abo-Boom zu Jahresbeginn kamen im zweiten Quartal unterm Strich 10,1 Millionen Bezahlabonnements dazu, wie Netflix mitteilte. Im vorherigen Vierteljahr waren es noch 15,8 Millionen gewesen. Das Unternehmen rechnet damit, dass der Andrang weiter abnimmt. Das kam am Markt nicht gut an, die Aktie stürzte nachbörslich zeitweise um rund zwölf Prozent ab. dpa

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