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Wenn Reste von Öl, Kerosin und Enteisungsflüssigkeit in die Kabinenluft gelangen, ergibt das ein hochgiftiges Gemisch.

Toxische Kabinenluft

Im Flugzeug vergiftet

Immer mehr Stewardessen und Piloten leiden an toxischer Kabinenluft – doch hierzulande wird das Problem heruntergespielt.

Von Petra Sorge

Flugbegleiterin Kerstin K. beschreibt den Geruch als süßlich-scharf. Sie wollte es genauer wissen – und hielt ihre Nase an die Frischluftdüse. Schlagartig bekam sie Kopfschmerzen, Herzrasen, es kribbelte in Armen und Beinen. Sofort nach der Landung kamen sie und zwei Kollegen ins Krankenhaus. Alle hatten einen metallischen Geschmack im Mund.

Kerstin K. hatte ein „Fume Event“ erlebt – einen Vorfall, bei denen sich Reste von Öl, Kerosin oder Enteisungsflüssigkeit in den Turbinen erhitzen und in die Kabinenluft geraten können. Bei fast allen Flugzeugen wird die Atemluft für die Kabine an den Triebwerken abgezapft, ohne Filter.

Flugzeugbauer, Airlines und die Berufsgenossenschaft Verkehr bestreiten bis heute, dass derartige Ereignisse an Bord zu Erkrankungen führen können. Sie heben hervor, dass das sogenannte aerotoxische Syndrom nicht als Berufskrankheit anerkannt ist. Genau so wird die Vielzahl von Symptomen nach Fume Events bereits seit 1999 von internationalen Wissenschaftlern bezeichnet.

Mediziner unter Leitung von Oberärztin Astrid Heutelbeck an der Universitätsklinik Göttingen haben aber festgestellt, dass es doch schädlich sein kann, diese vergiftete Bordluft einzuatmen. Sie fanden schon 2015 in den Blut- und Urinproben von rund 140 Betroffenen nicht nur Organophosphate, sondern auch flüchtige organische Verbindungen („Volatile Organic Compounds“, VOCs), die das Nerven- und Herz-Kreislauf-System angreifen. In mehr als 80 Prozent der untersuchten Fälle zeigten die Patienten Symptome, wie sie Kerstin K. beschrieben hat, dazu noch Konzentrationsschwächen, Erinnerungslücken und Koordinationsschwierigkeiten.

Die Vorfälle häufen sich: Zwischen 2006 und 2013 zählte die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen 663 Fume Events bei deutschen Airlines, zwischen 2008 und 2016 meldete die Bundesregierung auf eine Grünen-Anfrage schon 800 Vorfälle. Aus Gewerkschaftskreisen erfuhr die FR, dass bei der Berufsgenossenschaft Verkehr im Oktober binnen eines Jahres mehr als 800 Unfallmeldungen wegen vergifteter Kabinenluft eingegangen seien. Die Unfallversicherung bestätigte die Zahl auf FR-Anfrage nicht und verwies auf einen eigenen Bericht, der in wenigen Wochen erscheinen soll.

Der jüngste belegte Fall ereignete sich am 12. Januar in einer Germanwings-Maschine auf dem Flug von Amsterdam nach Stuttgart. Laut „Aviation Herald“ verbreitete sich ein Geruch von alten Socken. Die Crew musste Sauerstoffmasken aufsetzen. Ein Besatzungsmitglied konsultierte am nächsten Tag einen Arzt – in Göttingen konnten sie sich freilich nicht vorstellen.

Kerstin K. hatte besonders großes Pech. Sie erlebte gleich vier Fume Events. Die 46-Jährige fuhr bis vor Kurzem noch Rennrad. Heute hat sie kaum noch Ausdauer: „Beim Treppensteigen fühle ich mich wie eine 80-Jährige.“ Die Ärzte waren ratlos – sie fanden in ihrem Blut lediglich niedrige Sauerstoffwerte. K. begann, ihre Blut- und Urinröhrchen selbst im Tiefkühlschrank aufzubewahren, zwischen Pizza und glutenfreiem Brot, in der Hoffnung, dass es irgendwann weitere Testverfahren geben würde.

Erst Anfang 2015 endete ihre Spurensuche: Die Göttinger Klinik fand zahlreiche toxische Substanzen in ihren Proben. „Das waren extreme Werte“, sagt K.

Das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin hat bis Spätsommer 2016 rund 400 Patienten betreut, vor allem Piloten, Flugbegleiter, aber auch schon vereinzelt Passagiere. Vor Weihnachten war plötzlich Schluss: Die Ambulanz müsse wegen „eines kurzfristig entstandenen, nicht behebbaren Ressourcenengpasses“ für neue Patienten „bis auf weiteres“ schließen, hieß es in einer Mitteilung.

Kerstin K. war entsetzt – und startete mit zwei weiteren Betroffenen eine Petition bei Change.org. Die Sprechstunde für „Fume Events“ müsse erhalten bleiben, da betroffene Piloten, Flugbegleiter und Reisende sonst „keine erfahrene Anlaufstelle in ganz Deutschland“ mehr hätten, heißt es in dem Aufruf. „Es gibt keine Alternative zu Göttingen“, sagt Kerstin K.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit hält den Engpass in Göttingen für „sehr tragisch“. Es sei „dringend nötig, dass es für Betroffene eine zentrale Anlaufstelle“ gebe, sagt Pressesprecher Markus Wahl. Sowohl die Pilotengewerkschaft als auch Verdi unterstützen die Petition. Wahl betont, es brauche weitere Forschung im Bereich der kontaminierten Kabinenluft. „Außerdem stellt diese Institution einen neutralen Berichterstatter dar, der von keiner Seite beeinflusst werden kann.“

Dass beim Anzapfen der Kabinenluft über die Flugzeugtriebwerke giftige Gase in die Atemluft gelangen können, wurde bereits in den 1950er Jahren erstmals beschrieben. Bis heute gibt es zwar industrienahe Messungen, aber es fehlen zuverlässige klinische Studien – solche wie in Göttingen. Die Universitätsmedizin betont, dass die Abteilung weder von industrieller noch von gewerkschaftlicher Seite finanziert werde.

Auch die Opfer-Initiative „Aerotoxic Team“ bedauert den plötzlichen Stillstand. Es gebe nur sehr wenige Ärzte weltweit, die solche Patienten überhaupt behandelten, etwa am Breakspear-Krankenhaus im englischen Hertfordshire, sagt Bearnairdine Beaumont. „Doch diese sind überteuert und völlig ausgebucht.“ Die 63-jährige frühere Lufthansa-Chefstewardess aus der Schweiz ist selbst betroffen.

Bislang hat sie Patienten aus den Vereinigten Staaten, Großbritannien oder Schweden nach Göttingen vermittelt: „Die sind völlig verzweifelt. Sie warten alle ungeduldig darauf, untersucht zu werden.“ Beaumont berichtet von Fällen, in denen Fluggesellschaften Betroffene „absichtlich zu irgendwelchen Ärzten schicken, die keine Ahnung haben“. In einem Fall hätte sich sogar ein Labor geweigert, Urin anzunehmen. „Die werden von den Airlines unter Druck gesetzt.“

Oberärztin Astrid Heutelbeck, verantwortlich für die Sprechstunde in Göttingen, verweist auf FR-Anfrage an die Pressestelle der Uniklinik. Dort teilte Stefan Weller mit, dass es sich lediglich um einen „befristeten Aufnahmestopp“ bis zum 30. April handle. Bereits aufgenommene Fume-Events-Patienten würden weiter versorgt.

Zudem habe die Klinik „auf die drängende und rasch wachsende Nachfrage reagiert“ und zusätzliche Stellen eingerichtet. Neben eineinhalb Stellen für ärztliches und pflegerisches Personal habe die Abteilung 1,5 administrative Stellen erhalten. Allerdings könne das Institut „die große Zahl der potenziell in Deutschland betroffenen Patientenfälle“ nicht alleine versorgen. „Hier müssen andere zusätzliche Lösungswege gefunden werden“, sagte Weller.

Die Petentin Kerstin K. indes wundert sich über die Auskunft der Göttinger Uniklinik: „Ich habe fast den Eindruck, dass sie sich über die Tragweite dieser Entscheidung nicht bewusst sind.“ Etwa 9000 Menschen sehen das auch so – und haben mitgezeichnet. Viele Betroffene berichten von ihren Erfahrungen, fast tausend Kommentare sind schon eingegangen.

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