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Flaute in London

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Von: Barbara Klimke

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Das Londoner Bankenviertel: Die Bankenkrise hat die City of London schwer getroffen.
Das Londoner Bankenviertel: Die Bankenkrise hat die City of London schwer getroffen. © dpa

Die britische Regierung spart und spart und spart. Damit verhindere sie das Wirtschaftswachstum, wirft ihr die Opposition vor. Diese Diskussion kennen wir aus den südeuropäischen Krisenländern. Aber London ist ein Sonderfall.

Die britische Regierung spart und spart und spart. Damit verhindere sie das Wirtschaftswachstum, wirft ihr die Opposition vor. Diese Diskussion kennen wir aus den südeuropäischen Krisenländern. Aber London ist ein Sonderfall.

Mangelnden Spareifer kann sich die britische Regierungskoalition nicht vorwerfen lassen. Mit einem ganzen Bündel von Neuregelungen will sie die Kosten im Laufe dieses Jahres senken. Das Wohngeld wird neu berechnet, das Arbeitslosengeld und Hilfe zum Lebensunterhalt werden schrittweise zusammengeführt, und erstmals wird es eine Deckelung für alle Sozialleistungen geben. Niemand soll künftig mehr Sozialhilfe beziehen als ein Arbeiter mit britischem Durchschnittsverdienst.

143 Milliarden Euro Neuverschuldung

Massiv gespart wird im Vereinigten Königreich, seit 2010 die Koalition aus Konservativen und Liberaldemokraten antrat. Allerdings mit wenig Erfolg. Wie im vergangenen Jahr, so liegt auch in diesem Jahr die Neuverschuldung bei 121 Milliarden Pfund (143 Milliarden Euro). Die Wachstumsaussichten wurden gerade von 1,2 Prozent auf 0,6 Prozent halbiert. Das Gütesiegel AAA der Kreditwürdigkeit ist verschwunden. Die Steuereinnahmen blieben erheblich hinter den Erwartungen zurück.

Die Opposition wirft der Regierung vor, dass sie mit den Sparmaßnahmen Wirtschaftswachstums verhindere. Die Regierung hält dagegen, dass höhere Schuldenaufnahme nicht zum Schuldenabbau führen kann. Es ist eine Diskussion, die man aus Rom, Athen und Madrid zu genüge kennt. Aber London, so argumentieren Wirtschaftsfachleute, ist ein Sonderfall.

Zum einen liegt die Privatverschuldung der Briten weit höher als die ihrer Nachbarn, was unter anderem eine Folge der gewaltigen Hauspreisexplosion in den Boomjahren 1997 bis 2007 ist. Statt Geld auszugeben, tragen die Briten jetzt lieber ihre Kredite ab. Dieser Umstand kann nach Meinung des Instituts für Wirtschafts- und Sozialforschung (NIESR) möglicherweise erklären, warum sich die Schaffung von einer Million neuen Arbeitsplätzen seit 2010 bislang nicht in positiven Wachstumszahlen auswirkt.

Industrie ist zu schwach

Zudem hat die internationale Bankenkrise die City of London schwer getroffen, den globalen Finanzplatz, der fast ein Drittel des weltweiten Währungshandels abzuwickeln pflegte. Camerons Regierung zwingt die Geldhäuser nun zur Kapitalaufstockung und trennt das Investment- und Privatkundengeschäft. Diese Restrukturierung könnte laut Experten die Ursache dafür sein, dass die Banken noch immer zu wenig Geld verleihen: Die Wünsche vieler kleiner und mittlerer Betriebe, die expandieren wollen, werden auf diese Weise abgewürgt.

Auf den Finanzplatz ist die Regierung besonders angewiesen. Nur 2,8 Millionen Menschen arbeiten im Ursprungsland der Industriellen Revolution noch im herstellenden Gewerbe; 1997 waren es laut einem Bericht des Magazins Economist 4,4 Millionen. Viele der Firmen sind hochprofitabel und haben zuletzt für die erfreulichsten Wirtschaftsdaten gesorgt, aber ihre Kraft reicht nicht, um die gesamte Volkswirtschaft aus der Flaute zu schleppen.

Nicht zuletzt leidet Großbritannien auch unter der Rezession in der Eurozone, wo die Hälfte der Ausfuhren hingeht. Deshalb wird sich das Land wohl erst erholen können, wenn sich die Eurozone erholt. Zumindest, so lange die Regierung in London weiter spart.

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