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Benjamin Adrion, links, Gründer von Viva con Agua, und sein Aktionspartner stellen Klopapier vor, mit dessen Verkauf Geld für Sanitäranlagen gesammelt wird.

Viva con Agua

Mit Flaschenwasser und Komposttoiletten

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Die Hamburger Gruppe Viva con Agua sorgt weltweit für eine bessere Wasserversorgung - mit kreativen Einnahmequellen.

Sommer in Hamburg: auch Sankt Pauli und das Millerntorstadion liegen unter strahlend blauen Himmel. Moritz Meier und Christian Wiebe von der Wasserorganisation Viva con Agua sitzen vor einem portugiesischen Cafe nur einen Steinwurf von der Heimspielstätte des FC Sankt Pauli entfernt. Dass sie gute Laune haben, liegt nicht nur am Wetter. „Lebensfreude ist ein Markenzeichen unserer Arbeit“, sagt Meier, der sich um das Marketing der Wassermarke kümmert.

Und auch die räumliche Nähe zum Fußball ist kein Zufall. „Der zählt zu unserer DNA“, sagt Wiebe, der für die internationalen Trinkwasser- und Toilettenprojekte verantwortlich ist, die Viva con Agua mit Spenden und dem Verkauf von Wasser in Flaschen, der Vermietung von Komposttoiletten und der Veranstaltung von Kunst-Events finanziert.

Mit dem Fußball fing alles an, genauer mit einem Trainingslager des Kult-Fußballvereins im kommunistischen Kuba 2005. Der Politikwissenschaftler erzählt wie St. Paulis Mittelfeldspieler Benjamin Adrion und andere auf die mangelhafte Versorgung mit sauberem Trinkwasser in der Hauptstadt Havanna aufmerksam wurden und beschlossen, nach ihrer Rückkehr nach Deutschland etwas dagegen zu tun. Im Umfeld des Vereins gibt es ein Netzwerk bunter und engagierter Menschen, die als Unterstützer der Idee gewonnen wurden – Linke, Intellektuelle, Künstler. Die Initiative Viva con Agua war geboren. Gemeinsam mit der deutschen Welthungerhilfe – eine der wenigen auf Kuba zugelassenen Nichtregierungsorganisationen – realisierte sie mit Spenden innerhalb eines Jahres Trinkwassereinheiten für mehr als 150 Grundschulen und vier Sportstätten in Havanna.

Auch heute ist das große Netzwerk an Förderern und Freunden die Basis der Wasserinitiative. Prominente Musiker wie Max Herre oder Cro engagieren sich mit Benefizveranstaltungen ebenso wie tausende ehrenamtliche Helfer, die auf zahlreichen Musikfestivals, bei denen Viva con Agua als Charity-Partner auftritt, Pfandbecher als Spendenbeitrag sammeln. 2015 kamen damit 150 000 Euro zusammen.

Marketingleiter Meier ist Vater dieser Idee, organisierte 2007 die erste Becherspende. Der einstige Manager des Ölriesen Exxon Mobil sagte Sätze wie: „Wir wollen mit Viva con Agua den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern“ oder „Wir sind keine Nonprofit- sondern eine All-Profit-Organisation. Bei uns sollen alle Beteiligten profitieren.“ Wie die freiwilligen Bechersammler, die als Gegenleistung für die helfenden Hände freien Eintritt zur Veranstaltung erhalten – gesponsert vom jeweiligen Veranstalter, der sich mit der Viva-Con-Agua-Initiative schmücken kann. Die kommt gerade bei jungen Leuten an. „Der durchschnittliche Helfer ist 25 Jahre und Student“, sagt Meier. „Sie haben Bock auf gute Laune und zugleich etwas Gutes zu tun.“

Das ist auch das Besondere an den Projekten der Hamburger. „Wir durchbrechen diesen klassischen und sehr ernsten Sektor der Entwicklungszusammenarbeit. Wir werden nie mit dem Klingelbeutel bettelnd in der Fußgängerzone zu sehen sein und Bilder von Kindern mit Kulleraugen hochhalten“, sagt Meier und Wiebe ergänzt: „Solche Bilder sind menschenunwürdig. Wir wollen stattdessen den Menschen dort wie hier Freude vermitteln.“ Sie sollen stolz auf die Projekte sein. „Das ist wichtig, damit Wasserversorgung, Sanitär- und Hygieneeinrichtungen auch nach der Implementierung nachhaltig und dauerhaft funktionieren“, sagt der in Südafrika geborene Wiebe.

Und das geht so: Während die Vorhaben technisch von der Welthungerhilfe umgesetzt werden, sorgt VCA sich neben der Finanzierung um den menschlichen und kulturellen Aspekt. Anfangs nahm das Team Fußbälle mit, um sich statt über steife Begrüßungszeremonien mit einem Kick in den Straßen kennen zu lernen. Heute begleiten Musiker auf eigene Rechnung die Initiative, um gemeinsam mit lokalen Künstlern zu spielen. Die Folge: Das Eis bricht im Nu und es entstehen dauerhafte Verbindungen. So haben junge Menschen in Uganda einen Viva-con-Agua-Ableger gegründet, der dazu beiträgt, große Musikfestivals in der Hauptstadt Kampala zu organisieren. „Wenn dort die bekanntesten Musiker des Landes die Idee propagieren, hat das eine ganz andere Wirkung, als wenn wir das auf der Bühne machen würden“, sagt Wiebe. Die Initiative konzentriert sich auf Ostafrika und Südasien. Während in Ländern wie Äthiopien und Kenia der Zugang zu Trinkwasser im Fokus steht, ist es in Asien vor allem die mangelhafte Entsorgung, die Meier, Wiebe und Co. verbessern wollen. Bisher hat die Initiative in Kooperation mit der Welthungerhilfe weltweit 30 Trinkwasser- und Sanitärprojekte umgesetzt.

Neben den Spenden sind die wirtschaftlichen Aktivitäten dafür die Haupteinnahmequelle. Den größten Batzen der sozial motivierten Geschäfte liefert der Verkauf von Flaschenwasser. 13 Millionen Einheiten mit dem VCA-Etikett gingen in Deutschland im vergangenen Jahr über den Tresen. Das Wasser stammt von konventionellen Unternehmen wie dem Husumer Mineralbrunnen. Operativ ist Viva con Agua nicht tätig. „Das ist nicht unsere Kompetenz, und das Risiko wäre zu groß“, sagt Meier. So bleiben bei der für das Trinkwassergeschäft gegründeten GmbH pro Flasche sieben bis 13 Cent an Lizenzgebühr hängen. Nach Abzug von Verwaltungskosten gehen 60 Prozent an den Viva-con-Agua-Verein und die gleichnamige Stiftung. Der Rest entfällt auf private Investoren wie Unternehmer Frank Otto, der FC Sankt Pauli oder den Chef von Europas größtem Konzertveranstalter FKP Scorpio.

Nachdem das Wassergeschäft Gewinne abgeworfen hat und die Darlehen der Investoren abbezahlt sind, haben sie ihre Erträge in eine neue Idee gesteckt – den Goldeimer. So nennt sich die wasserfreie Miet-Komposttoilette, die die Initiative auf Festivals aufstellt. „Das Konzept passt ideal, weil Sanitär und Hygiene auch bei unseren Trinkwasserprojekten unabdingbare Bestandteile sind“, sagt Wiebe. „Ohne Sanitär- und Hygiene wird das beste Trinkwasser nach einer Weile verseucht.“ Denn die wilde Entsorgung von Fäkalien verschmutzt früher oder später das Grundwasser. er nahe, das die Initiative seit kurzem für Supermarkt und Gastronomie anbietet. Auch das Produkt wird von einem Industriepartner produziert. Pro Paket gehen 20 Cent an die Initiative.

So wachsen die Aktivitäten für Meier, Wiebe und ihre anderen gut 20 fest angestellten Kollegen ständig weiter. Und so wird es ihnen wenig ausmachen, wenn der Regen wieder über Hamburg hereinbricht. Wasser ist schließlich das Lebenselixier von Viva con Agua.

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