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Fitness-Freak und stolzer Schotte

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Von: Sebastian Borger

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Kevin Sneader leitet die berühmte US-Firma McKinsey. Seinen Amtsantritt hat er gleich genutzt, um mehr Frauen in das Führungsteam zu berufen.

Wer schon einmal mit Telefonistinnen oder Barkeepern aus Glasgow zu tun hatte, wird wissen, dass die Verständigung mit den Bewohnern der schottischen Metropole manchmal Probleme mit sich bringt. Das bekam ein junger Jura-Absolvent der hervorragenden Glasgower Universität zu spüren, als er einen Job in London antrat. „Ich sprach mit starkem Dialekt“, erinnert sich Kevin Sneader fröhlich an seine ersten beruflichen Gehversuche beim weltberühmten Wirtschaftsberater McKinsey, „man nannte mich den schottischen Analysten, weil ich damals der erste und einzige war“.

Der Akzent hat sich im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte abgeschliffen. Hingegen behielt Sneader jene Begeisterung bei, die schon damals seine Kollegen überzeugte. Seit Sonntag leitet der mittlerweile 51-Jährige die Geschicke der Firma mit 27 000 Angestellten in 65 Ländern. Er sei „Traditionalist, was unsere Werte angeht“, sagt der fanatische Fan des Fußballclubs Celtic Glasgow, gleichzeitig aber „Innovator auf zukünftigen Geschäftsfeldern“.

Sneaders Wahl durch die 560 Seniorpartner rief im Februar die Kritiker auf den Plan: Wäre nach elf Männern im Führungsjob, zuletzt dem Kanadier Dominic Barton, nicht eine Chefin ein schönes Modernisierungssignal gewesen? So maulten nicht wenige, als die Wahl auf den in Hongkong lebenden Schotten fiel. Mittlerweile hat der neue Chef der 1926 gegründeten Firma die Kritiker durch muntere öffentliche Auftritte und Veränderungsbereitschaft zum Schweigen gebracht.

Leute mit unterschiedlichen Denkweisen habe sein Unternehmen genug, glaubt das 1,65 Meter große „Energiebündel“, wie Vorgänger Barton den Manager bezeichnet. Hingegen müsse McKinsey „bei Geschlecht, Ethnie und sexueller Orientierung“ besser als bisher die Märkte widerspiegeln, in denen seine Angestellten arbeiten. Keineswegs zufällig hat Sneader die Reorganisation seines Führungsteams dazu genutzt, besonders Frauen zu fördern. Statt wie bisher bei vier Prozent liegt deren Anteil nun bei einem Drittel.

McKinsey lebt noch immer unter dem Schatten von Korruptionsvorwürfen in Südafrika, davon abgesehen geht es der Firma prächtig. In Bartons neunjähriger Amtszeit kaufte das Unternehmen 14 Firmen, vor allem in den Bereichen Datenanalyse und künstliche Intelligenz. Dadurch verdoppelte sich der Umsatz binnen zehn Jahren auf zehn Milliarden Dollar. In allen Indikatoren für Beliebtheit, Ansehen und Regionen steht der US-Berater auf Platz eins, für jeden neuen Job bewerben sich hunderte der weltweit besten Absolventen.

Kein leichtes Erbe also für Sneader, verbessern lässt sich der Status quo kaum. Der mittlerweile weltgewandte verheiratete Vater von zwei Töchtern nimmt’s gelassen. Wie bisher will Sneader seinen Arbeitstag um 5.30 Uhr im Fitness-Studio zu einem anderthalb-stündigen Training beginnen, wie er sagt. Dabei bekommt das Ipad den einen oder anderen Schweißtropfen ab: Während des Workouts bearbeitet der Boss nämlich schon mal seine Emails.

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