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Hafenanlagen in Groß-Britannien: Der Import auf die Insel wird schwieriger, doch viele deutsche Firmen haben bereits Notfallpläne ausgearbeitet.

Export nach Groß-Britannien

Firmen haben Pläne in der Schublade

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Die Autoindustrie träfe der Brexit am härtesten. Doch viele Unternehmen haben längst einen harten Brexit und seine Folgen durchgespielt.

Das war schon fast provokant, wie gelassen die Börsianer auf die Brexit-Entscheidung des britischen Parlaments reagierten. Am Mittwochnachmittag notierte der Deutsche Aktienindex (Dax) auf dem Niveau des Vortages, was zugleich dem Punktstand vor einem Monat entsprach.

Dabei hat das Nein der Abgeordneten in London die Wahrscheinlichkeit für einen sogenannten harten Brexit erhöht. Womit für Joachim Lang, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, „eine unmittelbar durchschlagende Rezession in der britischen Wirtschaft“ droht, die auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen werde.

Doch Börsianer wetten anders: Am Mittwoch war vielfach sinngemäß zu hören, man erwarte, dass mit allerlei Ad-hoc-Vereinbarungen der EU-Austritt Großbritanniens Ende März doch noch in einigermaßen geregelte Bahnen gelenkt werde. Und im Übrigen wird darauf verwiesen, dass viele Unternehmen längst einen harten Brexit und seine Folgen durchgespielt und Notfallpläne in den Schubladen haben. BMW etwa lässt die Produktion des Mini im Werk nahe Oxford von Ende März an für vier Wochen ruhen, um Chaos in der Fertigung zu vermeiden. All dies ist seit geraumer Zeit bekannt und – wie es Börsianer formulieren – in den Aktienkursen bereits eingepreist.

Gleichwohl, eine Fabrik gleich zeitweise dichtzumachen, ist ein heftiger Schritt. Die deutsche Automobilindustrie dürfte denn auch der britischen EU-Ausstieg am heftigsten treffen. Die Konzerne agieren grenzüberschreitend in eng getakteten Fertigungssystemen. Komponenten für ein Fahrzeug kommen in der Regel aus halb Europa. Führen die Briten Zollkontrollen ein, kann eine pünktliche Anlieferung von Komponenten, die vom Festland kommen, in den britischen Werken kaum noch verlässlich kalkuliert werden. Deshalb braucht es dort mehr Lagerkapazitäten und zusätzliche Stellplätze für Lkw, was viel Geld kostet.

Ein Austritt in seiner härtesten Variante bedeutet aber nicht nur Liefer-Verzögerungen: Das Standardregelwerk der Welthandelsorganisation mit Zöllen, technischen Standards und Zulassungsprozeduren würde eingeführt. Die Szenarien der Volkswirte über die Folgen im Vereinigten Königreich gehen weit auseinander. Denn es gibt keine vergleichbaren Fälle. Die Unternehmensberatung Oliver Wyman und die Anwaltssozietät Clifford Chance wagen es dennoch, konkrete Zahlen zu nennen: Der harte Brexit werde die UK-Wirtschaft jährlich mit 32 Milliarden Euro an zusätzlichen direkten Kosten belasten. Die EU müsste den Austritt mit 37 Milliarden bezahlen. Auf deutsche Firmen kämen Einbußen von insgesamt von neun Milliarden Euro per annum zu. Neben den Autobauern mit drei Milliarden werde es vor allem die hiesige Chemie-, die Lebensmittel- und die Konsumgüterindustrie treffen. Bei all diesen Zahlen sind schon „erste Schritte zur Kostensenkung“ berücksichtigt. Wobei aber zu bedenken ist, dass die drei Milliarden nur drei Prozent des Umsatzes von BMW ausmachen.

Allerdings muss auch mit weitreichenden indirekten Effekten gerechnet werden. Wie werden sich der Wechselkurs des Pfunds, das Zinsniveau und die Inflation verändern und wie reagiert die Bank of England darauf? Noch viel wichtiger sind die langfristigen Folgen. Autobauer könnten ihre Lieferketten neu stricken und Fertigung aufs europäische Festland verlagern. Banken, die jetzt noch in London zu Hause sind, könnten mit ihren Europa-Zentralen nach Frankfurt, Paris oder Luxemburg umziehen. Die britische Denkfabrik Niesr hat hochgerechnet, dass nach einem harten Brexit das Bruttoinlandsprodukt in Großbritannien im Jahr 2030 um 5,5 Prozent niedriger liegen wird als bei einem Verbleib in der EU – das ist deutlich mehr als die gesamte aktuelle Wirtschaftsleistung von Wales.

Auch deshalb will unter Bankern und Börsianern die Hoffnung nicht sterben, dass sich die Briten letztlich doch zu einer Regelung durchringen, die sich an Norwegen orientieren könnte. Das Land ist als EU-Nichtmitglied in den Binnenmarkt eingebunden. Es gibt keine Zölle im Handel mit den Ländern der Union. Dafür müssen sich die Norweger aber an die wichtigsten Regeln des Binnenmarktes halten.

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