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"Es ist eine Katastrophe, was die Politik in Europa und anderswo mit der hohen Staatsverschuldung angerichtet hat": Reinhold Würth.

Unternehmer Reinhold Würth

"Die Firma Würth ist meine elektrische Eisenbahn"

Schrauben-König Reinhold Würth über sein Schlössle, die Machtbesessenheit der Kanzlerin und den Erfolg von Familienunternehmen.

Er gehört zu den großen Unternehmern der Bundesrepublik. Reinhold Würth hat aus einem kleinen Handelsunternehmen für Schrauben den Weltmarktführer für Befestigungsmaterial gemacht. Ans Aufhören denkt er noch längst nicht. Die Gruppe stehe noch ganz am Anfang, sagt Würth. Dieses Jahr soll sie erstmals beim Umsatz die Schwelle von zehn Milliarden Euro überschreiten. Große Wachstumschancen sieht er zum Beispiel im Geschäft mit Klebstoffen. Würth hat nebenbei eine riesige Kunstsammlung aufgebaut, die auch zur finanziellen Absicherung des Konzerns dient.

In einem Porträt über Sie heißt es, man müsste Sie eigentlich mit „Durchlaucht“ ansprechen. Welche Anrede ist denn die Richtige?Durchlaucht ganz bestimmt nicht. Wir können uns auch duzen.

Sie wohnen immerhin in einem Schloss und besitzen die vermutlich größte private Kunstsammlung in Europa.

Ich weiß nicht, ob das wirklich die größte private Sammlung in Europa ist. Es ist auch kein Schloss, sondern ein Schlössle, da ist der Diminutiv angemessen.

Sie geben sich so bescheiden, aber Ihr Vermögen wird auf 7,4 Milliarden Euro geschätzt. Spüren Sie im alltäglichen Leben, wie wohlhabend Sie sind?Es ist ganz persönlich für mich eigentlich egal.

Dann können Sie sich ja der Initiative von superreichen Amerikanern anschließen, die die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke verschenken.

Das kommt auf die Zukunftsplanung an. Wenn Sie an einen Endpunkt gekommen sind, dann können Sie die Hälfte verschenken. Wenn Sie aber erst am Anfang sind, dann brauchen Sie das Geld zum Investieren. Es soll noch viel mehr geschaffen werden. Da wäre es fatal, das Geld zu verschenken.

Was soll denn noch kommen?

Wir sind am ganz frühen Anfang. Auch dieses Jahr soll es ein Stück voran gehen. Wir erwarten, dieses Jahr die Grenze von zehn Milliarden beim Umsatz zu überschreiten.

In welche Richtung soll es mit Würth gehen?Aufwärts. Unsere Kernkompetenz wird der Handel mit Befestigungsteilen bleiben. Klebstoffe sind ein Beispiel für ein Geschäft, das enorm schnell wächst. Karosserien von Autos werden künftig geklebt und nicht mehr geschweißt. In der Baubranche ist die Dübeltechnik sehr wichtig. Wir haben gerade für Japan Dübel entwickelt, die sich nachspreizen, wenn es Risse in einer Betonkon-struktion gibt. Das verhindert, dass bei einem Erdbeben in einem Bürogebäude die Deckenplatten herunterfallen.

Wollen Sie es noch einmal wagen und ausbrechen, sich auf ganz andere Felder wagen? Ihr Ausflug in die Solarbranche war ja wenig erfolgreich.

In Maßen. Wir haben versucht, Solaranlagen selbst zu produzieren. Doch die Chinesen haben dann die Preise so runtergehauen, dass wir in Europa nicht mehr profitabel fertigen konnten. Deshalb konzentrieren wir uns auf unsere Kernkompetenz. Ich sage immer, produzieren kann jeder, aber verkaufen können wir besser als andere.

Wie läuft das Solar-Geschäft?

Wir bieten Solarkraftwerke mit einem Verkaufswert zwischen zehn Millionen und 50 Millionen Euro an. Wir statten die Kraftwerke mit chinesischen Solarmodulen aus. Das Geschäft läuft im Prinzip gut. Aber auch da muss man differenzieren. Der spanische Markt ist tot, weil die Regierung die Förderung praktisch eingestellt hat. Wie es in Italien und Griechenland weitergeht, ist im Moment auch schwer zu beurteilen.

Auf Südeuropa können Ihre Wachstumserwartungen also nicht beruhen. Macht Ihnen die Schuldenkrise Sorgen? Wird der Euro kollabieren?Die Wirtschaftskraft des Euro ist viel zu groß. Er setzt sich durch. Der Euro ist im Moment aber nicht so stark, wie er eigentlich sein könnte. Davon profitieren wir gerade, denn dadurch bekommen wir mehr Exportaufträge.

Die Politik macht alles richtig?

Ganz und gar nicht. Es ist die helle Katastrophe, was die Politik in Europa und anderswo mit der hohen Staatsverschuldung angerichtet hat. Da sind Hasardeure am Werk. Wenn wir Kaufleute so gehandelt hätten, würden wir seit Jahren im Loch hocken.

Trifft diese Generalkritik auch auf Kanzlerin Merkel zu?

Immerhin ist die Kanzlerin als Führungsfigur für Europa ja wahnsinnig beliebt. Und die Menschen spiegeln sich in dieser Führungsfigur. Was ich aber überhaupt nicht gut finde, ist ihre demonstrative Machtbesessenheit. Sie hat in ihrer Partei alle geköpft, die ihr gefährlich werden könnten. Jetzt hat sie nur noch Mittelmaß um sich herum.

Jedenfalls kann Merkel nicht verhindern, dass die Malaise mit Griechenland immer größer wird.

Erich Honecker hat – als er Deutschland verließ – gesagt, der Kommunismus sei nicht tot, der Kommunismus habe nur eine Schlacht verloren.

Davor haben Sie Angst?

Ich sehe das schon als riesige Gefahr. Wenn ich eine Wette abschließen müsste, ob in Griechenland der Kommunismus durchkommt, dann würde ich die Wahrscheinlichkeit schon auf 33 Prozent taxieren. Die Leute wollen die Reichen enteignen und deren Geld haben.

Einige reiche Familien haben dies hierzulande selbst erledigt und ihr Vermögen vernichtet. Schlecker bricht gerade zusammen. Im Haniel-Clan, dem die Metro-Gruppe gehört, hängt der Haussegen schief. Frau Schickedanz hat Karstadt-Quelle verloren. Erleben wir gerade eine Krise des Familienunternehmens?

Ganz im Gegenteil. Familienunternehmen funktionieren besser als börsennotierte Firmen. Vergessen Sie nicht: Gut zwei Drittel des deutschen Sozialprodukts wird in Familienunternehmen erwirtschaftet. 80 Prozent der Auszubildenden werden in Familienunternehmen ausgebildet. Die tragende Säule unserer Wirtschaft sind die Familienunternehmen, nicht die großen Dax-Konzerne

Was macht die Familienunternehmen so besonders

Ganz wichtig ist, dass Familienunternehmen nicht in Quartalszyklen denken wie Dax-Unternehmen. Wir können Dinge tun, bei denen der Aktienkurs tief in den Keller sausen würde, da der Gewinn im nächsten Quartal zurück geht. Wir denken langfristig.

Aber hätte Schlecker nicht etwas mehr Rückmeldung durch die Kapitalmärkte gut getan?Ich kenne Schlecker nicht. Ich kann nur sagen: Vernünftige Familienunternehmen geben sich Kontroll- und Aufsichtsgremien.

Wie halten Sie es denn?

Ich habe schon vor 40 Jahren einen Beirat gegründet, der faktisch die Macht eines Aufsichtsrats hat. Das ist bei uns nicht so wie bei Banken, wo der Beirat ein bisschen Kaffee trinkt und dann wieder auseinandergeht. Es gibt bei Würth eine Reihe von Entscheidungen, die der Beirat genehmigen muss. Das ganze Unternehmen ist mittels einer Stiftung in einer Rechtsstruktur, die so aufgebaut ist, dass das Unternehmen ohne mich weiter funktioniert. Wenn ich auf etwas stolz bin, dann auf diese Konstruktion.

Aber Sie sind noch immer der unumstrittene Chef. Was treibt Sie an, sich noch immer darum zu kümmern, wie sich Schrauben in Andalusien verkaufen?

Das Unternehmen ist halt meine elektrische Eisenbahn. Früher habe ich tatsächlich Eisenbahnen aufgebaut. Und es war ein besonderes Fest, wenn drei Züge fuhren, ohne zusammen zu stoßen. Das war für mich immer ein Faszinosum. So ist es auch mit der Firma, nur etwas größer.

Nebenbei sind Sie noch einer der bedeutendsten Kunstsammler im Land. Wie kam der Schraubenkönig zur Malerei?

Ich hatte ein kunstsinniges Elternhaus. Ich selbst war mit dem berühmten Fotografen Paul Swiridoff befreundet. Er hatte gute Kontakte zu Künstlern. Mit ihm habe ich Künstler besucht. Irgendwann ist das zur Passion geworden. Das war immer der Kontrapunkt zu meiner beruflichen Arbeit – einen Tag im Studio eines Künstlers zu verbringen. Da gibt es nichts, was es nicht gibt. Der eine hatte eine Miste in seinem Studio, da muss man über die halbfertigen Sachen steigen. Das Studio des Malers Rudolf Hausner hingegen war so sauber wie ein Operationssaal. Oder der österreichische Bildhauer Alfred Hrdlicka, das war ein wilder Charakter und kommunistisch bis ins Innerste.

Dennoch haben Sie sich gut mit ihm verstanden. Sie besitzen eine große Hrdlicka-Sammlung.

Wir waren per Du. Haben unsere Weltanschauung gegenseitig akzeptiert. Und er war auch aufs Geld aus, trotz Kommunismus. Heute haben wir übrigens einen hochkarätigen Kunstbeirat, der entscheidet, was gekauft wird.

Der Beirat hat Ihnen dann auch voriges Jahr geraten, die Darmstädter Madonna von Holbein zu kaufen – für 50 Millionen Euro. Dieses Werk, das früher im Frankfurter Städel hing, ist jetzt in Privatbesitz. Aber gehört derart bedeutende Kunst nicht in die öffentliche Hand?

Den Kaufpreis der Schutzmantelmadonna bestätige ich nicht, es ist Stillschweigen vereinbart. Ansonsten muss ich Einspruch erheben. Kollegen von Ihnen haben geschrieben, dass die Madonna im Städel miserabel gehängt war. Jetzt ist sie in Schwäbisch Hall wunderbar in die Johanniterkirche eingepasst, das Bild ist öffentlich zugänglich – ohne Eintrittsgeld. Und wir zeigen dort noch mehr alte Meister. Moderne Kunst gibt es in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch-Hall zu sehen. Also bei uns verschwindet die Kunst nicht. Im Gegenteil, wir machen sie zugänglich.

Ist das Kunstsammeln für Sie auch eine Form der Kapitalanlage?

Ich bin zu 90 Prozent natürlich Kaufmann. Im Hintergrund habe ich den Gedanken: Was heißt das wirtschaftlich? Die Sammlung ist Teil des Firmenvermögens. Der Gedanke ist schon, wenn die Firma in 40 oder 50 Jahren Probleme bekommt, könnte man Arbeiten auch einmal verkaufen.

Das Gespräch führte Frank-Thomas Wenzel

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