Unternehmenskultur

Die Firma als Familie

Betriebe geben sich häufig auffallend familiär. Betont wird eine höchstpersönliche Nahewelt. Doch das Konzept birgt Zumutungen

Von Marcel Schütz

Seit Langem ist es beliebt, Unternehmen mithilfe populärer Bilder zu beschreiben. Ein Blick in aktuelle Stellenanzeigen und Imagekampagnen zeigt: Betriebe geben sich häufiger auffallend familiär. Betont wird eine höchstpersönliche Nahewelt. So werben Konzerne damit, ein „solide familiäres“ Unternehmen zu sein. Man verweist auf die „wirklich noch familiäre Atmosphäre“, was den Verdacht nahelegt, bei der Konkurrenz sieht es schon anders aus.

Die Familie eignet sich zur betrieblichen Bebilderung so gut, da man sie überall beobachten kann. Nicht nur als tatsächliches soziales Gebilde, sondern in unzähligen medial dargebotenen Formaten – von der Vorabendserie bis zur Supermarktwerbung. Wo immer es darauf ankommt, Formen der Nähe, Verbundenheit und Fürsorge zu veranschaulichen, ist die Inszenierung familiärer Eintracht und Vorbildlichkeit nicht weit; möglichst idyllisch und voller Harmonie.

Kommunikation in Familien ist mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann betrachtet nicht Entscheidungs-, sondern Intimkommunikation. Unternehmen kommunizieren in Form von Entscheidung, Familien in Form von Intimität.

Unternehmen explizieren Rollen und deren Grenzen, Familien – genau umgekehrt – integrieren zugleich alle anderen sozialen Rollen ihrer Mitglieder mit. Unternehmen fordern und gewähren Distanz, Familien limitieren Distanz qua Mitgliedschaft auf ein Minimum.

Nur Mitglieder von Organisationen können sich auf Rollengrenzen, auf Distanz berufen – und müssen diese selbst wahren. Ihnen kann mit Sanktion gedroht werden, verstoßen sie dagegen. Aber sie selbst können die Organisation auch ermahnen, formale Grenzen zu beachten. Familien bieten diese Rechte nicht.

Organisationsmetaphern haben es an sich, dass sie eine bestimmte Seite des Unternehmens erfassen. Viele positive erscheinende Metaphern erweisen sich als so attraktiv, da man kaum gegen sie sein kann. Man reduziert mit ihnen zu großen Teilen all das, was nicht zur Metapher passt und betont einzelne Facetten über Gebühr.

Obwohl oft von ihr die Rede ist, und man damit immer wieder zu punkten versucht: die Vorstellung des Unternehmens als Familie ist weitaus zumutungsreicher als locker-flockige Beschreibungen glauben machen wollen.

Der Autor ist Organisationsforscher an der Universität Oldenburg.

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