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Analyse

Finanzielle Ingenieurskunst

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Eine neue Form von Wertpapieren soll die Stabilität der Finanzmärkte erhöhen. Das Grundproblem der Euro-Zone aber löst das nicht. Unsere Analyse.

Die Euro-Zone steht vor einem Problem, von dessen Lösung auf Dauer ihre Existenz abhängt. Die Euro-Krise hat gezeigt, dass Finanzprobleme auch kleiner Mitgliedsstaaten den Bestand der gesamten Währungsunion infrage stellen können. Nötig im Sinne einer dauerhaften Stabilität wäre es also, dass die starken Staaten die schwächeren stützen. Dies lehnt die Politik in den starken Staaten jedoch ab mit dem Hinweis, man wolle nicht für die Schwachen haften. Um diesen Widerspruch aufzulösen, hat die EU-Kommission nun einen klugen Vorschlag vorgelegt. Das Grundproblem der Euro-Zone löst er aber nicht.

Vor bald zehn Jahren geriet Griechenland in das Visier der Finanzmärkte. Angesichts hoher Staatsdefizite ließen die Anleger die Preise für griechische Anleihen fallen und forderten höhere Zinsen für neue Kredite. Höhere Zinsen wiederum verschärften die Finanzprobleme Griechenlands, was die Zinsen noch weiter in die Höhe trieb. Am Ende wurde das Land zwar durch Kredite der europäischen Staaten aufgefangen. Doch die nervösen Finanzmärkte schossen sich auf die nächsten schwachen Euro-Staaten ein: Irland und Portugal erlitten das gleiche Schicksal wie Griechenland. Und schließlich erfasste die Spekulation Spanien und Italien.

Derzeit verschuldet sich jedes Land einzeln für sich an den Finanzmärkten. Es ist daher der Beurteilung der Anleger ausgesetzt – und ihrem Herdentrieb. „Märkte können Staaten bestrafen, die sie als verletzlich einschätzen“, sagte jüngst EZB-Chef Mario Draghi. Damit haben die bestraften Länder ein doppeltes Problem: Zum einen müssen sie immer mehr für ihre Schulden zahlen. Zum anderen trifft der Preisverfall ihrer Staatsanleihen ihre Gläubiger. Und das sind zumeist die Banken im eigenen Land. Zur Krise der Staatsfinanzen kommt eine Bankenkrise.

Die saubere Lösung für dieses Problem wären Euro-Anleihen, mit denen sich alle Euro-Staaten – schwache wie starke – gemeinsam verschulden. So könnte nicht mehr gegen einzelne Staaten spekuliert werden. Doch da dies eine gemeinsame Schuldenhaftung bedeuten würde, lehnt die Bundesregierung solche Euro-Bonds ab.

Die EU-Kommission schlägt nun eine andere Form von Anleihen vor: Sovereign Bond Backed Securities (SBBS). Diese Wertpapiere sind besichert mit einem Korb von Staatsanleihen aller 19 Euro-Mitgliedsstaaten – hinter einem SBBS steht also die gesamte Währungsunion. Diese Wertpapiere werden in zwei Formen ausgegeben: eine sichere, risikoarme Abteilung und eine riskantere, die höhere Zinsen bringt, bei Ausfällen den Inhabern jedoch Verluste beschert.
Mit diesem geschickten Kunstgriff soll erstens eine bombensichere Geldanlage für die Euro-Zone geschaffen werden – bislang gilt dies nur für deutsche und niederländische Staatsanleihen. Zweitens können Banken, die SBBS erwerben, ihr Risiko senken, weil sie nicht mehr abhängig sind vom Wert der Anleihen ihres eigenen Staates. Drittens, das betont die Kommission, bedeuten SBBS keine Haftung der Starken für die Schwachen, denn jeder Staat verschuldet sich weiter allein. 

Damit jedoch bleibt das Grundproblem der Euro-Zone bestehen, dass eine Krise ihres schwächsten Mitgliedslandes die ganze Währungsunion gefährdet. „Finanzielle Ingenieurskunst wird die Euro-Zone nicht retten“, urteilt der Ökonom Ashoka Mody.

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