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Tod und Auferstehung

Fiat steigt nach Chrysler-Insolvenz ein

Was für ein Tag für den US-Autobauer Chrysler. Erst kündigt das Weiße Haus die Insolvenz an. Dann meldet Präsident Obama höchstpersönlich: Fiat steigt mit 20 Prozent bei dem insolventen Unternehmen ein. Von Sebastian Gehrmann

Von Sebastian Gehrmann

Natürlich hatte Barack Obama, der Mann, dem sie längst übernatürliche Kräfte angedichtet haben, das alles vorausgesehen. Noch bevor die erste Meldung des Tages von der Insolvenz des angeschlagenen Autobauers Chrysler über die Agenturticker lief, sprach der US-Präsident beinahe prophetische Worte, er nahm die Ereignisse dieses Tages vorweg. Es gab kaum Zweifel, dass alles genau so kommen würde. Allein das Tempo überrascht. Aber nur ein wenig

Es werde, nachdem Chrysler Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Konkursrechts beantragen würde, nicht lange dauern, und die italienische Traditionsmarke Fiat werde 20 Prozent der Anteile übernehmen. "Es wird ein sehr schneller Fall einer Insolvenz werden" versprach Obama in Washington. Anschließend werde Chrysler neue Bündnisse schließen und "in einer viel stärkeren Position sein".

Am Ende war es mehr eine Frage von Minuten, denn von Stunden. Wie hatte es Obama noch am Mittwoch gesagt? "Ich bin inzwischen optimistischer als ich es vorher war". Am Donnerstag, in Deutschland ging gerade die Sonne auf, da kam die erste Meldung über die Agenturen. Um 6.31 Uhr meldet Reuters in Bezug auf das Wall Street Journal: "Chrysler-Insolvenzantrag steht unmittelbar bevor". Auch andere Zeitungen verbreiten die Nachricht.

Um 11.54 schickt die Deutsche Presse Agentur eine Meldung, in der heißt es: "Die Verhandlungen zwischen der US-Regierung undChrysler-Gläubigern sind gescheitert." Und weiter: "Eine Insolvenz des Kleinsten unter den "Großen Drei" der US-Autobranche wäre eine beispiellose Zäsur, müsste jedoch nicht das Ende von Chrysler bedeuten." Noch aber fehlt die offizielle Bestätigung aus dem Weißen Haus. Noch bleibt genügend Raum für Spekulationen.

Bei Chapter Eleven ist im Prinzip alles erlaubt

Das US-amerikanische Insolvenzverfahren ist nicht vergleichbar mit dem in Europa. Es ist äußerst flexibel und erlaubt es dem Unternehmen, seine Schulden zu verringern und das operative Geschäft zu stärken. 2075 Paragraphen und 1103 Regeln stehen im Chapter Eleven. Doch im Prinzip ist alles erlaubt, wenn sich ein Unternehmen darüber mit dem Richter einigt, der den gesamten Restrukturierungsprozess überwacht.

"Das verkompliziert das Verfahren", sagte Autoexperte Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut Global Insight der Agentur Reuters. Fiat würde der Einstieg so zusätzlich erschwert. Sämtliche Entscheidungen müssen nun mit dem Insolvenzrichter abgestimmt werden. Daher dürfte Fiat-Chef Sergio Marchionne die nächsten Schritte der Gläubiger abwarten, bevor er weitere Entscheidungen fällt. Aber das tat er nicht.

Es ist die italienische Zeitung "Corriere Della Serra" aus Mailand die um 12.40 Uhr meldet: "Der italienische Fiat-Konzern hat laut einemZeitungsbericht eine Vereinbarung mit dem US-Konkurrenten Chryslerunterschrieben." Um 18 Uhr europäischer Zeit wolle Obama den Deal verkünden, den er ja längst vorhergesagt hat. Das Dementi von Fiat lässt nicht lange auf sich warten. "Wir bestätigen das nicht", sagte ein Sprecher. Auch die Frage nach Opel wird gestellt.

Die Gespräche zwischen Fiat und General Motors über deren deutsche Tochter Opel könnten von den Entwicklungen in den USA weitgehend unberührt weiterlaufen. "Die Auswirkungen auf Opel dürften sich beschränkt halten", sagte Opel-Aufsichtsratmitglied Armin Schild am Donnerstag zu Reuters. Fiat hatte zunächst einen Einstieg bei Chrysler ins Auge gefasst, Kreisen zufolge aber auch Interesse an dem Rüsselsheimer Autobauer Opel bekundet, der einen Investor sucht.

Von Grabesstimmung keine Spur

Chrysler hat wie die Opel-Mutter General Motors enormeLiquiditätsprobleme. Bislang erhielt das Unternehmen vier MilliardenDollar an Staatshilfen. Die US-Regierung hatte weitere Hilfen aneinen funktionierenden Sanierungsplan geknüpft. Dass der nur in Verbindung mit Fiat funktionieren würde, stand zu diesem Zeitpunkt allerdings längst fest.

Es ist kurz vor 15 Uhr deutscher Zeit, als die Chrysler-Insolvenz in Washington offiziell verkündet wird. Um 14.52 schickt ddp eine Eilmeldung: "Der US-Autobauer Chrysler hat Insolvenz angemeldet." Dann greifen die üblichen Mechanismen. Die Agentur schrieben davon, wie der omnipräsente US-Präsident nun den gesamten Automarkt der stolzen Autonation umkrempeln würde. Abgesänge auf das stolze Unternehmen Chrysler werden versendet. Vom Ende einer Ära ist die Rede. Ja, von einem Wendepunkt.

Hinter den Kulissen aber ist von Grabesstimmung keine Spur. Noch um 17.42 Uhr meldet Reuters, dass die Gläubiger des US-Autobauers Chrysler ungeachtet der zu erwartenden Insolvenz mit der Regierung um eine Rettung in letzter Minute verhandeln wollen. Die Gläubigervereinigung erklärt, sie spreche weiter mit dem US-Finanzministerium und würde von sich aus niemals die Beantragung von Gläubigerschutz vorantreiben.

Selbst eine Gruppe von 20 Fonds, die früh in die Rolle des Schwarzen Peter in diesem Spiel schlüpfen, und denen Chrysler rund eine Milliarden Dollar schuldet, sprechen von andauernden Diskussionen. Sie hätten dem Finanzministerium ein neues Angebot unterbreitet und seien "hoffnungsvoll und optimistisch", eine Lösung zu finden.

Die Lösung wird pünktlich um 18 Uhr vom Präsidenten persönlich verkündet. Der Erlöser spricht: "Ich glaube, dass die Allianz von Chrysler mit dem italienischen Autobauer Fiat große Erfolgschancen bietet." Dem Präsidenten zufolge sind mit dem Einstieg damit rund 30 000 Jobs bei Chrysler gesichert. Fiat habe zugesagt, seine Technologie einzubringen und neue Fahrzeuge zu entwickeln.

Insolvenzverfahren soll nach 60 Tagen beendet sein

Fiat übernimmt zunächst 20 Prozent der Anteile bei Chrysler und soll diese später auf 35 Prozent aufstocken. Chrysler werde dafür weitere acht Milliarden Dollar an US-Staatshilfen erhalten, Entlassungen und Werksschließungen solle es während des Insolvenzverfahrens, das zwischen 30 und 60 Tagen dauern soll, zunächst nicht geben.

Die Gewerkschaft UAW soll wie angekündigt die Mehrheit an dem neuen Unternehmen Chrysler bekommen. Ihr Gesundheitsfonds VEBA werde nach Abschluss des Insolvenzverfahrens 55 Prozent halten. Die US- Regierung werde acht Prozent der Anteile übernehmen, Kanada für weitere Milliardenspritzen zwei Prozent. Fiat dürfte erst eine Mehrheit an Chrysler übernehmen, wenn alle staatlichen Kredite zurückgezahlt sind.

Die Garantie auf Chrysler-Fahrzeuge, so Obama weiter, sei von der Regierung abgesichert, betonte der Präsident. Der Autofinanzierer GMAC werde Kredite für Chrysler-Käufer geben. Man plane weitere Maßnahmen wie eine Art Abwrackprämie und ein Programm zum Einkauf von US-Fahrzeugen für Behördenflotten. Damit tritt die US-Regierung auch der allgemeinen Furcht entgegen, dass die Menschen bei insolventen Autoherstellern angesichts der unsicheren Zukunft keine Autos kaufen.

Obama griff scharf die Hedgefonds und "eine kleine Gruppe von Investoren" an, die eine Lösung ohne Insolvenzverfahren verhindert hätten. Sie hatten einen weitgehenden Verzicht auf ihre Ansprüche abgelehnt. In dem Verfahren mit Gläubigerschutz nach Kapitel elf des US-Insolvenzrechts solle Chrysler nun Ballast abwerfen. Gläubiger oder auch Händler könnten dem Weißen Haus allerdings noch einen Strich durch die Rechnung machen und ein schnelles Insolvenzverfahren mit ihren Ansprüchen blockieren.

Chrysler-Chef Bob Nardelli wird zurücktreten

Eine Stunde nach der Obama-Pressekonferenz reicht der krisengeschüttelte US-Autobauer dann auch offiziell den angekündigten Insolvenzantrag ein. Der Antrag auf Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Insolvenzrechts sei bei einem Insolvenzgericht in New York abgegeben worden, teilte das Unternehmen mit. Wenig später, um 19.04 Uhr melden es auch die Agenturen.

Während des Insolvenzverfahrens wird Chrysler die Produktion allerdings weitgehend einstellen. Bereits ab diesem Montag sollen in den meisten Werken die Bänder stillstehen, kündigte das Unternehmen an. Die Fertigung solle erst dann wieder normal anlaufen, wenn die Insolvenz zur Rettung abgeschlossen sei. Chrysler-Chef Bob Nardelli wird dann zurücktreten.

Kurz vor der Tagesschau fehlt nur noch eine Stimme. Der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer zeigt sich zuversichtlich, dass der Sanierungsplan gelingt. Er rechne damit, dass Chrysler das Insolvenzverfahren tatsächlich schnell verlassen kann, sagte Dudenhöffer der dpa.

Die Allianz von Chrysler und Fiat sei für beide Seiten von Nutzen: "In den USA können die Kapazitäten in der Produktion und bei Händlern mit Modellen von Fiat und Alfa Romeo ausgelastet werden. In Europa kann Fiat mehr Fahrzeuge bauen, weil sie im US-Markt angeboten werden können." (mit dpa/afp/rtr/ddp)

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