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Dieter Köhler, Facharzt für Lungenheilkunde.

Feinstaub und Stickoxide

Grenzwert-Kritiker Dieter Köhler gibt Fehler zu

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Grobe Mängel werden in der „Stellungnahme“ von Lungenärzten aufgedeckt. Union und FDP wollen NO2-Richtgrößen dennoch überprüfen.

Gerade sah es noch so gut aus für Dieter Köhler. Seine von 107 Lungenärzten unterzeichnete „Stellungnahme“, in der er die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide in deutschen Städten in Frage stellte, katapultierte den pensionierten Pneumologen vor gut drei Wochen auf die Titelblätter der Zeitungen und auf die Sofas der Polit-Talkshows. 

In den folgenden Tagen wurde er zum Kronzeugen für all jene, die schon lange über die „Diesel-Hysterie“ gewettert hatten – inklusive Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der sich Köhlers Thesen zu eigen machte. Vergangene Woche sprach er auf Einladung des CDU-Politikers Peter Liese in Brüssel vor EU-Parlamentariern. Als größten Erfolg aber hatte er es im Gespräch mit der FR bezeichnet, dass die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina nun die wissenschaftliche Basis der Grenzwerte überprüfen will – auf Anordnung der Bundeskanzlerin. 

Nun, gut drei Wochen nach Veröffentlichung des Papiers, deckt die Tageszeitung „taz“ schwerwiegende Rechenfehler von Lungenfacharzt Köhler auf. Die Fehler seien so gravierend, dass Köhler das Gegenteil dessen beweise, was er eigentlich aufzeigen wollte.

Köhlers Papier beruht unter anderem auf dem Vergleich der Luft in Städten mit dem Schadstoffgehalt von Zigarettenrauch. Mit diesem Vergleich wollte Köhler veranschaulichen, dass die Luftqualität besser sei als ihr Ruf. Doch die „taz“ hat jetzt nachgerechnet: Wenn eine Zigarette 500 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) freisetzt, dann liegt der Wert bei einer Schachtel mit 20 Zigaretten nicht bei 1 Million Mikrogramm, wie es in Köhlers Papier heißt. Der tatsächliche Wert liegt nur bei 10.000 Mikrogramm – eine Abweichung um den Faktor 100. Und das ist nur einer von diversen Patzern, die Köhler nachgewiesen werden konnten. 

Auch der Schadstoff-Wert, den der Mediziner bei seinen Berechnungen anlegt, stimmt so nicht. Köhler führt Stickstoffdioxid (NO2) als den entscheidenden Wert in Zigaretten ins Feld – und nicht Stickoxide (NOx), wie eigentlich korrekt. Für NO2 gelten die Grenzwerte in Städten, das Gas ist auch der Grund für Fahrverbote. NOx hingegen ist ein Sammelbegriff für verschiedene Oxide. 

Köhler will mit dem Zigaretten-Vergleich zeigen, wie harmlos Feinstaub in der Stadtluft sei. In seinem Papier heißt es: „Dabei erreichen Raucher (eine Packung/Tag angenommen) in weniger als zwei Monaten die Feinstaubdosis, die sonst ein 80-jähriger Nichtraucher im Leben einatmen würde.“ Statt NOx sei NO2 gemeint, räumt Köhler nun laut „taz“ ein. Nach Neuberechnung des Blattes erreicht ein Raucher erst in 6,4 bis 32 Jahren die eingeatmete NO2-Menge eines 80-jährigen Nichtrauchers – nicht in weniger als zwei Monaten. 

Für die meisten Wissenschaftler dürften diese Rechenfehler nichts an der Einschätzung von Köhlers Thesen ändern. Die Fachgemeinde hatte dessen Vergleich von kurzfristigen Spitzenbelastungen mit einer permanenten Belastung ohnehin von Anfang an als unseriös und unwissenschaftlich kritisiert.

Dennoch sind Köhlers Fehler von Bedeutung. Denn dass er von Anfang an so viel Aufmerksamkeit für seine Minderheitsmeinung bekommen hatte, hing auch mit seiner markigen Kritik an der internationalen Wissenschaftsszene zusammen. Jenen, die seit Jahren zu Luftschadstoffen und ihrer Wirkung forschen hatte er methodische Fehler, Ideologie und „sektiererisches Denken“ unterstellt. 

Köhlers eigene Nachlässigkeit bringt nun Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer unter Druck. Die Fehler des Lungenarztes will der Minister nicht kommentieren. Auf Nachfrage verweist dessen Sprecher auf den Mediziner. Das Ministerium spricht in einer Mitteilung von einem „Impuls zur Debatte über die europäischen NOx-Grenzwerte“. An einer Prüfung und Neubewertung der Grenzwerte hält es fest. 

Doch die Debatte ist längst zu aufgeheizt, als dass Scheuer mit einigen dürren Zeilen davonkäme. Grünen-Politiker Cem Özdemir etwa forderte den Verkehrsminister auf, auf Distanz zu Köhler zu gehen. „Die Behauptungen der Lungenärzte passten Herrn Scheuer zu gut in den Kram, um sie nicht zu instrumentalisieren und damit von seiner Untätigkeit bei der Abwendung von Fahrverbote abzulenken“, sagte Özdemir, der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses ist. „Damit hat er sich gründlich verrechnet.“ 

Der SPD-Fraktionsvize Sören Bartol fordert eine Richtigstellung. „Offenbar hat Herr Prof. Dr. Köhler bewusst mit Fake News alle hinters Licht geführt“, sagte Bartol. „Er sollte das richtig stellen und sich im Zweifel entschuldigen.“ 

Anders bewertet der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Oliver Luksic, die Lage. Er schlägt in eine ähnliche Kerbe wie das Verkehrsministerium und findet den Vorstoß der Lungenärzte nach wie richtig. „Insofern ist die von Prof. Köhler und anderen Experten angestoßene Debatte über die Verhältnismäßigkeit im Kern sinnvoll und berechtigt“, sagte Luksic auf Anfrage. „Die Luft war noch nie sauber wie heute, zudem gibt es in Kalifornien gibt es einen weit weniger strengen Grenzwert.“

Fahrverbote verhindern

Die Bundesregierung kommt mit Gesetzesplänen zum Vermeiden von Diesel-Fahrverboten in Städten voran. Die EU-Kommission hat keine grundsätzlichen Bedenken gegen deutsche Pläne, wonach Verbote erst ab einer Belastung von 50 Mikrogramm Stickoxid (NO2) pro Kubikmeter Luft verhältnismäßig sein sollen. Wie ein Sprecher am Mittwoch mitteilte, hat die EU-Kommission lediglich einige Anmerkungen.

Faktisch bedeutet das, dass die Regierung aus Brüssel grünes Licht für ihr Gesetzesvorhaben bekommt. Der Bundestag muss noch zustimmen. Die Maßnahme berührt nicht den weiter geltenden EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm – diesen kann die Bundesregierung gar nicht eigenständig ändern oder aussetzen. dpa

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