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Fehlstart für Wasserstoffflotte

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Für den Taunus baut Alstom 27 Fahrzeuge.
Für den Taunus baut Alstom 27 Fahrzeuge. © © christophbusse.de

Lieferengpässe und Pandemie-Folgen bremsen die Montage der modernen Züge aus.

In der Produktionshalle bei Alstom in Salzgitter werden Triebfahrzeuge verschiedener Baureihen zeitgleich auf sechs parallel verlegten Gleisen gefertigt. Auf einem der Montagegleise wird mit vielen Wochen Verspätung demnächst auch die Produktion des RMV-Wasserstoffzuges für den Taunus aufgenommen.

Ein Blick in die Halle zeigt, wie eine Brennstoffzelle – das Herz der innovativen Antriebstechnik für die Wasserstoffzüge – am Haken eines Laufkrans auf das Dach eines Zuges vom Typ Coradia-iLint abgesetzt wird. Doch der völlig emissionsfrei angetriebene Zug hat bereits jetzt deutlich Verspätung eingefahren.

Bevor in Salzgitter die 27 Triebfahrzeuge der Wasserstoffzug-Flotte für den RMV gefertigt werden, laufen aktuell die 14 baugleichen Züge mit Einsatzgebiet an der Nordsee übers Fertigungsgleis. „Wegen der Corona-Pandemie und der weltweiten Lieferengpässe, die der Krieg in der Ukraine auslöst, haben unsere Hauptzulieferer Probleme bei der Auslieferung einzelner Komponenten“, teilt Alstom-Pressesprecher Stefan Brauße auf Anfrage der FR mit.

Der entscheidende Knackpunkt: Auch der Lieferant für das komplette Energiesystem inklusive der Brennstoffzelle kann seinen Produktionszeitplan nicht einhalten. Covid-bedingte Ausfälle bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Zulieferer wie auch beim Zughersteller selbst hat für Lieferengpässe und Verzögerungen gesorgt.

Eigentlich war der fahrplanmäßige Betriebsstart für alle 14 Wasserstoffzüge, die auf der Bahnstrecke von Buxtehude über Bremerhaven bis Cuxhaven im Auftrag der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG) auf die Schiene gehen sollen, bereits im Juni vorgesehen. Doch daraus wurde nichts.

„Am 15. Juli haben die Züge nun die Zulassung vom Eisenbahnbundesamt erhalten“, teilt LNVG-Pressesprecher Dirk Altwig mit. „Aktuell fahren bereits die ersten zwei ausgelieferten Züge. Im August wird der Zugbetrieb dann offiziell eingeweiht. Bis Dezember sollen alle Wasserstoffzüge ausgeliefert sein.“

Was diese Verspätung für die 27 Züge der RMV-Wasserstoffzug-Flotte im Taunus heißt, kann freilich niemand sagen. Ursprünglich hätte zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember der Zugbetrieb auf den vier Regionalbahn-Linien des RMV im Taunus aufgenommen werden sollen.

„Es ist richtig, dass der Lieferant für das Energiesystem beider Flotten identisch ist und die Lieferschwierigkeiten für beide Verkehrsverbünde gelten“, sagt Alstom-Sprecher Brauße. „Das Projekt für die LNVG hat jedoch früher begonnen, kommt daher auch früher zur Auslieferung.“ Bei Alstom hofft man dennoch, dass bis Ende Dezember 2022 mehr als die Hälfte der 27 Züge für den Taunus ausgeliefert werden.

Die Bahnindustrie ist schwer belastet. „Nach einem starken Geschäftsjahr 2021 stehen wir heute einer schwierigen Lieferkettensituation und fehlendem Investitionshochlauf gegenüber“, bilanziert Andre Rodenbeck, der Präsident des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB). Mit 12,9 Milliarden Euro erreichte die Bahnindustrie in Deutschland 2021 einen neuen Umsatzrekord, der drei Prozent über dem Vorjahreswert lag.

Doch nun liege der Schatten des Ukrainekrieges über der Branche, sagt Rodenbeck. Die globalen Lieferketten seien infolge der Pandemie und des russischen Angriffskriegs durch unabwendbare Kostenanstiege und beispiellose Lieferprobleme bei kritischen Rohstoffen, Vorprodukten und Komponenten massiv beeinträchtigt – was die Umsetzung der Verkehrsziele im Koalitionsvertrag gefährde.

Wie schwierig sich der Infrastrukturausbau im deutschen Schienennetz entwickelt, zeigt auch ein Blick nach München. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung rechnet man im bayerischen Verkehrsministerium damit, dass die Kosten für den Bau der zweiten Münchner S-Bahn-Röhre von 3,85 Milliarden auf bis zu 7,2 Milliarden Euro steigen werden. Die Inbetriebnahme der S-Bahn-Strecke könnte sich demnach von 2028 auf 2037 verzögern.

Selbst kleinere Eisenbahn-Baustellen oder unvorhergesehene Ereignisse werfen den Fernverkehr und den schienengebundenen Öffentlichen Nahverkehr in ihrem Anspruch als Klimaretter derzeit weit zurück. Die Deutsche Bahn ist so unpünktlich wie zuletzt 2015. Ein Beispiel:

Sechs Monate nach einem Lastwagen-Unfall beeinträchtigen die Folgen des Crashs immer noch den S-Bahnbetrieb zwischen dem Taunus und Frankfurt. Weil nur noch ein Gleis befahrbar ist, ist der S-Bahnverkehr auf der Linie S5 seit Januar eingeschränkt auf einem Gleis möglich.

Aktuell kommt man von Bad Homburg nicht mehr ohne Umsteigen nach Frankfurt, die Fahrtzeit hat sich fast verdoppelt – und das mit der Hälfte des Zug-Angebotes. Erst im September sollen die Schäden repariert sein. Kurzfristig war kein Stahl im erforderlichen Umfang verfügbar, heißt es von Seiten der DB.

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