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„Querdenken“-Demonstration in Karlsruhe Anfang Juni. Der deutsche Mittelstand werde gerne romantisiert, sagt Wissenschaftler Sebastian Kohl. Imago Images
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„Querdenken“-Demonstration in Karlsruhe Anfang Juni. Der deutsche Mittelstand werde gerne romantisiert, sagt Wissenschaftler Sebastian Kohl. Imago Images

Unternehmen

Falsche Bilder vom Mittelstand: „Konzerne bieten stabile Jobs“

  • VonStephan Kaufmann
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Große Unternehmen sind machthungrig und arbeitnehmerfeindlich, der Mittelstand dagegen ist ein verlässlicher Jobmotor und politisch zurückhaltend. Die Wissenschaftler Timur Ergen und Sebastian Kohl erklären, warum diese weit verbreiteten Annahmen fragwürdig sind.

Im Vorfeld der Bundestagswahlen streiten deutsche Politiker:innen über viele Wirtschaftsthemen. In einem sind sich aber alle einig, zumindest wenn man nach den Parteiprogrammen geht: Der Mittelstand muss gestützt und gefördert werden. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind seit Jahrzehnten der erklärte Liebling der Politik, von links bis rechts, nicht nur in Deutschland. Denn sie gelten als das freundliche Gesicht des Kapitalismus, als Jobmotor, Innovationstreiber und als weniger bedrohlich als Großkonzerne. Dieses Bild vom Mittelstand ist aber vor allem eins: schlecht belegt. Die Wissenschaftler Timur Ergen und Sebastian Kohl vom Max-Planck-Institut haben sich das Thema genauer angeschaut.

Herr Ergen, Herr Kohl, der Internationale Währungsfonds warnt derzeit vor der wachsenden Marktmacht großer Konzerne. Die Corona-Krise verstärke den Trend zur Konzentration im Unternehmenssektor …

Ergen: Das ist keine neue Entwicklung. Bereits seit den Siebzigerjahren sehen wir eine messbar wachsende Marktmacht, nicht nur im Bereich der Hochtechnologie. Eine Ursache dafür ist der abnehmende Wille der Politik insbesondere in den USA, gegen diese Tendenz vorzugehen. In jüngster Zeit wird dies meist damit begründet, dass Großunternehmen den Verbraucherinnen und Verbrauchern bessere Leistungen bieten.

In der Bevölkerung haben Großunternehmen im Allgemeinen einen schlechten Ruf. Ist das berechtigt?

Ergen: Einerseits ja. Denn es ist nicht zu bestreiten, dass von großen marktmächtigen Unternehmen Gefahren für Wirtschaft wie Demokratie ausgehen. Und es ist schon erschreckend, welche ökologischen und sozialen Schäden in den internationalen Lieferketten verzweigter Konzerne entstehen, damit lassen sich Bibliotheken füllen. Andererseits sind wir skeptisch, wie viele solcher Flurschäden sinnvoll auf den Faktor Unternehmensgröße zurückzuführen sind.

Warum das?

Kohl: Der Kritik an großen Konzernen wird häufig spiegelbildlich eine Romantisierung kleiner Betriebe zur Seite gestellt. Von mittelständischen Unternehmen wird angenommen, sie seien näher dran an den Arbeitnehmern und Kunden und daher freundlicher, bei ihnen ziele nicht ein anonymes Management auf Maximalprofite für anonyme Aktionäre. Die Idealisierung kleiner Betriebe ist so alt wie der industrielle Kapitalismus. Für die Christdemokratie waren sie schon nach dem Zweiten Weltkrieg die Antwort auf die verstaatlichten Kombinate im Osten. Zudem war der Mittelstand bis in die Fünfzigerjahre verbunden mit politisch konservativen Positionen. Später entdeckte die Sozialdemokratie den Mittelstand als Jobmotor und als sozialere Alternative zu den Großunternehmen. Seit den 1980er Jahren gelten KMU zudem als innovativer, weil sie flexibler seien als Großkonzerne, und als regionaler und ökologischer, weswegen die Grünen sie schätzen. Und schließlich findet man die Liebe zum Kleinunternehmertum auch ganz links. Wir wären allerdings zurückhaltend, was die angeblichen gesellschaftlichen Auswirkungen geringerer Betriebsgrößen angeht.

„Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen“, hieß es während des Internet-Aktienbooms der Neunziger. Ist der Mittelstand nicht innovativer?

Ergen: Diese Annahme beruht auf der Idee, Großkonzerne neigten zur Bürokratie, sie seien schwerfälliger, und mit wachsender Marktmacht verlören sie die Motivation, Neues zu wagen. Allerdings muss man feststellen, dass es vor allem die Konzerne sind, die aufgrund ihrer massiven Ressourcen einen Großteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung stellen. Einen klaren Zusammenhang zwischen Betriebsgröße und Innovationskraft kann die Forschung seit Jahrzehnten nicht feststellen. Die Frage scheint uns auch falsch gestellt. Innovation ist typischerweise ein Ergebnis effektiver Forschungsnetzwerke zwischen öffentlichen Institutionen, kleinen und großen Unternehmen.

Die Politik lobt den Mittelstand als Jobmotor. Ist da nichts dran?

Ergen: Es stimmt, der Großteil der Beschäftigten arbeitet für KMU. Das hat aber größtenteils Gründe, die mit der Unternehmensgröße nichts oder nur indirekt zu tun haben. Es gibt schlicht mehr kleine als große Unternehmen, und sie finden sich in eher gering produktiven Branchen und binden damit viel Arbeitskraft. Zum Punkt „Jobmotor“ lässt sich sagen: Zwar zeigen Studien zumindest aus den USA, dass Großunternehmen auf Rezessionen relativ stärker mit Entlassungen reagieren als kleinere Betriebe – ob das aber auch für Deutschland gilt, ist nicht gesichert. Und zudem geraten KMU in wirtschaftlich schwierigen Zeiten schneller in Liquiditätsprobleme und müssen Arbeitsplätze streichen, das sehen wir gerade jetzt in der Corona-Krise. Konzerne dagegen verfügen eher über Ressourcenpuffer und bieten den Beschäftigten häufig in der Summe stabile Jobs, die produktiver sind und besser bezahlt werden.

Aber kleine Unternehmen wachsen schneller als große, schaffen also mehr Jobs.

Ergen: Weil sie meist jünger sind. Korrigiert um die Altersunterschiede der Unternehmen ist am Ende nicht sicher, dass der Mittelstand relativ mehr Arbeitsplätze schafft. Hier ist die Forschungslage viel zu unsicher. Fraglich ist auch, ob KMU in der Summe arbeitnehmerfreundlicher sind. Bei ihnen ereignen sich messbar mehr Arbeitsunfälle, es gibt seltener Mitbestimmung, betriebliche Altersvorsorge sowie Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung. Schweden etwa, das häufig als Beispiel für einen freundlichen, demokratischen Kapitalismus gilt, kommt ohne einen bedeutenden Kleinfirmensektor aus.

Angesichts ihrer wachsenden Macht wird häufig davor gewarnt, Großkonzerne verfügten über zu viel Einfluss auf demokratisch gewählte Regierungen. Ein zersplitterter Mittelstand dagegen scheint ungefährlicher …

Kohl: Auf der einen Seite stimmt es: Das Wachstum der Konzerne kann zu einer Gefahr für die Demokratie werden. Andererseits ist auch der Mittelstand gut organisiert in Verbänden und findet ein offenes Ohr bei den Mittelstandsvertretern der Parteien. Und auch KMU verfügen über etwas, was „structural power“ genannt wird: Sie können gegenüber der Politik damit drohen, nicht mehr einzustellen und zu investieren, wenn sich aus ihrer Sicht die Standortbedingungen verschlechtern. Zudem wären wir vorsichtig mit der Annahme, im Mittelstand herrschten progressivere gesellschaftliche Einstellungen vor – da fehlt uns schlicht ausgiebige Forschung.

Das klingt, als wäre es letztlich egal, dass die Großkonzerne immer größer werden.

Kohl: Verstehen Sie uns nicht falsch – die Kritik am Kleinunternehmertum wird gerne von Kreisen geäußert, die auf der Seite mächtiger Unternehmen stehen. Und es gibt ein wachsendes Interesse an der Formierung von „nationalen“ oder „europäischen Champions“, was wir für durchweg bedenklich halten. Die wachsende Konzentration von Marktmacht ist nicht harmlos. Müssten wir wählen, würden wir unsere Hoffnungen aber nicht in die Schaffung demokratiekonformer Marktstrukturen setzen, sondern sehen das grundsätzliche gesellschaftliche Problem eher in dem Konzept einer „marktkonformen Demokratie“. Den demokratischen Kapitalismus über den Umweg der Unternehmensgröße zu reparieren, erscheint uns unrealistisch und auch nicht unbedingt zielführend.

Interview: Stephan Kaufmann

Sebastian Kohl, 36, ist Soziologe und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Seine Forschung beschäftigt sich mit Wohnungsmärkten, Wettbewerbspolitik und der Versicherungswirtschaft.
Timur Ergen, 37, ist Soziologe, Politischer Ökonom und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Dort untersucht er international vergleichend die Energiepolitik, Innovationspolitik und Wettbewerbspolitik.

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