Wertschöpfung

Faktor Produktivität

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Was in der Rentendebatte gern vergessen wird.

Die deutschen Gewerkschaften haben mit ihrer Rentenkampagne eine öffentliche Debatte über die Zukunft der Rente angestoßen. Verdi, IG Metall & Co. wollen, dass die gesetzliche Rente wieder vor Armut schützt und den Lebensstandard sichert. Dafür müssen die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung angehoben werden. Dieser rentenpolitische Kurswechsel sei nicht bezahlbar, behaupten Arbeitgeberverbände und die Mehrheit der Ökonomenzunft. Wer die Alterung der Gesellschaft ignoriere, beute nur die Jüngeren aus.

Tatsächlich werden die Deutschen älter und bekommen weniger Kinder. Deswegen müssen zukünftig immer weniger beitragszahlende Beschäftigte immer mehr Rentner versorgen. Das Statistische Bundesamt sagt voraus, dass 2060 hierzulande nur noch 73 Millionen Menschen leben werden. Die arbeitsfähige Bevölkerung soll um zwölf Millionen schrumpfen. Heute versorgen drei Erwerbsfähige einen Rentner. In 44 Jahren kommen auf einen Rentner dann nur noch 1,6 arbeitsfähige Menschen. Führt die Alterung der Gesellschaft also zu höheren Versorgungslasten für die jüngere Generation?

Nein! Denn in Zukunft werden weniger Erwerbstätige mehr produzieren. Technischer Fortschritt, eine effizientere Unternehmensorganisation und höhere Bildung sorgen dafür, dass die einzelnen Beschäftigten immer mehr Waren und Dienstleistungen erzeugen können. Seit mehr als 50 Jahren sinkt die jährliche Arbeitszeit und gleichzeitig steigt die Wertschöpfung pro Kopf. Dank dieser steigenden Arbeitsproduktivität können wir auch in Zeiten demografischen Wandels einen höheren Wohlstand genießen.

Ein moderater jährlicher Anstieg der Arbeitsproduktivität um 1,4 Prozent würde mehr als ausreichen, um die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft zu bewältigen. Dafür müsste nicht einmal die Erwerbsbeteiligung steigen. Die preisbereinigten Einkommen würden bis 2060 um 70 Prozent wachsen.

Kurzum: Produktivität schlägt Demografie. Dadurch würde der Finanzierungsspielraum der gesetzlichen Altersvorsorge größer. Er wird aber nur genutzt, wenn die Reallöhne mindestens genau so stark zunehmen wie die Produktivität. Denn die Rentenkassen finanzieren sich über Beiträge auf die Arbeitseinkommen. Die Rentenfrage ist somit immer auch eine Verteilungsfrage. Allerdings verläuft der Verteilungskonflikt nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen abhängig Beschäftigten und Unternehmen.

Der Autor ist Verdi-Chefökonom.

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