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Fakten im Fleischwolf

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Auch in der Kritik der Ernährungsbranche: Agrarminister Cem Özdemir - hier beim Besuch eines landwirtschaftlichen Betriebes.
Auch in der Kritik der Ernährungsbranche: Agrarminister Cem Özdemir - hier beim Besuch eines landwirtschaftlichen Betriebes. © Imago

Der Ton zwischen Lebensmittellobby und Ampel-Ministern wird rauer. Besonders aggressiv geht die Fleischindustrie Karl Lauterbach an – mit einem Kronzeugen, der keiner sein will. Von Martin Rücker.

Die Süffisanz ist nicht zu überhören, als Christoph Minhoff zur nächsten Folie springt. Es ist Mitte Mai, eine Fachkonferenz in Berlin, und der Cheflobbyist der Ernährungsindustrie spricht über die Lage seiner Branche in Zeiten von Krieg und Rohstoffkrise. Das Bild, das er an die Wand wirft, zeigt Cem Özdemir, Arm in Arm mit den Toten Hosen – entstanden offenbar beim Videodreh der Punkband, wo der Agrarminister einen Gastauftritt hat. Özdemir sei ja medial sehr präsent, sagt Minhoff, um dann seine Pointe zu setzen: Nur leider nicht da, wo er gebraucht werde.

Es ist eine beispielhafte Szene: Zwischen Lebensmittelbranche und Ampelkoalition ist der Ton rauer geworden. Vorbei das anfängliche Abtasten mit den „Ernährungswende“-Ministern. Özdemir verzichte „auf pragmatische Politik“ und „nahezu gänzlich auf Fachgespräche mit den Lebensmittelproduzenten“, beschwerte sich die Fleischwirtschaft kürzlich. Aggressiver noch teilt sie gegen Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) aus.

Fleischlobby: Kritik an „Gruselbuch“ des Gesundheitsministers

Der bekennende Vegetarier hatte den übermäßigen Fleischkonsum in Deutschland kritisiert, der „vollkommen unvernünftig“ sei und viele Krankheiten begünstige. Die Retourkutsche der Branche folgte in Form eines Newsletters von „Fokus Fleisch“, einer von Unternehmen und Verband getragenen Lobby-Initiative. Den Gesundheitsminister zeichnet sie darin wie einen Mann, der mit einem „Gruselbuch“ Kasse macht und „alle populistischen Klischees wie Klima, Gesundheit und Tierschutz“ bedient. Dem „Wahrheitsgehalt“ von Lauterbachs Aussagen sollen nun „valide Zahlen“ entgegengesetzt werden – schließlich hat sich „Fokus Fleisch“ fundierte, ja „wissenschaftlich belastbare Fakten“ zur „sachlichen Auseinandersetzung“ auf die Fahnen geschrieben. Im Falle Lauterbachs allerdings wurden die Fakten vor Veröffentlichung kräftig durch den Fleischwolf gedreht.

In Wahrheit liege der Fleischkonsum hierzulande „unter dem europäischen Durchschnitt“, heißt es da. Dagegen sei „ausgerechnet“ Spanien, bekannt für seine angeblich fleischarme mediterrane Ernährung, „Europameister“. Allein: Zum Beleg führt „Fokus Fleisch“ Zahlen für den Fleisch-„Verbrauch“ an, der Fleischverluste und Tierfutter mit einberechnet. Da es um die menschliche Ernährung geht, würde der Blick auf Daten zum menschlichen Verzehr lohnen – nur liegen hier nach jeweiligen Regierungsangaben die Menschen in Deutschland mit 55 Kilogramm pro Person und Jahr vor jenen in Spanien mit rund 50 Kilogramm. Auf Anfrage verteidigt die Brancheninitiative den „Verbrauch“ als „aussagekräftiger“, da „für eine nachhaltige Nutztierhaltung … die Verwertung des ganzen Tieres“ von Schnauze bis Schwanz entscheidend sei. Was sie freilich nicht erwähnt: Dass in Deutschland die gängigen Ernährungsempfehlungen (höchstens 600 Gramm pro Woche, also gut 31 Kilogramm pro Jahr) drastisch überschritten werden. Lauterbach hat also durchaus wissenschaftliche Argumente für die Kritik.

Doch wie steht es um die gesundheitlichen Folgen? Um den Hinweis des SPD-Ministers vermeintlich zu widerlegen, führt die Fleischlobby ein Zitat von niemand geringerem als Jörg Meerpohl ins Feld – der Arzt ist einer der renommiertesten Wissenschaftler der Republik, Institutsdirektor in Freiburg, Mitglied der Ständigen Impfkommission und Vorstand von Cochrane Deutschland, einer Institution zur Förderung von Evidenz in der Medizin. Tatsächlich war Meerpohl an einer 2019 publizierten Studie beteiligt, die zu der „schwachen Empfehlung“ gelangte, den bisherigen Fleischkonsum beizubehalten. Allerdings nicht, weil sie Gesundheitsrisiken widerlegt sieht. Die Gruppe kommt nur zu der Ansicht, dass für die meisten Menschen „die wünschenswerten Auswirkungen (ein potenziell geringeres Krebs- und Herz-Kreislauf-Risiko)“ eines geringeren Fleischkonsums „die unerwünschten Auswirkungen (Auswirkungen auf die Lebensqualität, Belastung durch die Änderung kultureller und persönlicher Essenszubereitungs- und Essgewohnheiten) wahrscheinlich nicht überwiegen“.

Fleischlobby: Wissenschaftler ungehalten über Zitat

In dem angeblichen Statement Meerpohls wird das nicht deutlich. Auf Anfrage reagiert der Wissenschaftler überrascht und „ungehalten“, von der Fleischlobby derart als Widerpart zu Lauterbach zitiert worden zu sein – zumal er seine Position weder vollständig noch richtig wiedergegeben sieht. In der Studie befindet sich der Hinweis, dass drei der 14 Autoren die Empfehlung für ein Beibehalten des derzeitigen Fleischkonsums nicht mittragen wollten. Einer davon: ausgerechnet der vermeintliche Kronzeuge der Fleischlobby.

Meerpohl schickt einen Artikel, der erklärt, warum: Wer weniger Fleisch isst, erreiche dadurch zwar nur eine „geringe“ gesundheitliche „Risikoreduktion“, dennoch finde er unter anderem „die vollkommene Nicht-Berücksichtigung der Public-Health-Perspektive problematisch“. Meerpohl selbst habe „für eine schwache Empfehlung für eine Reduktion“ des Fleischverzehrs plädiert.

So bleibt der Eindruck, dass es vor allem den von der Branche präsentierten Fakten irgendwie an Fleisch fehlt. Zum Abschluss des Anti-Lauterbach-Newsletters schreibt sie, aus Sicht von Wissenschaftlern seien die bisherigen Erkenntnisse zu den gesundheitlichen Folgen des Fleischkonsums „falsch“: Forscher hätten herausgefunden, dass der Verzehr von kohlenhydrathaltigen Pflanzen „nicht zu einer höheren Lebenserwartung führt, während der Gesamtfleischkonsum dies tut“. Die offenbar zugrunde gelegte Studie belegt jedoch nicht etwa einen Kausalzusammenhang zwischen Fleischkonsum und längerem Leben, sondern beobachtet eine Korrelation. Sie ist auch nicht, wie von der Fleischwirtschaft behauptet, im traditionsreichen Fachjournal „The Lancet“ erschienen, sondern in einer ungleich weniger renommierten Publikation – aber solche Details sind dann wahrscheinlich auch egal.

Eine aktuelle Studie der Universität Jena zeigte übrigens gerade die Vorteile einer pflanzenbasierten Ernährung für die Prävention chronischer Krankheiten auf. Ob solche Fakten für die sachliche Auseinandersetzung auch förderlich wären? (MARTIN RÜCKER)

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