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Neuheitenschau auf der Spielwarenmesse in Nürnberg: Auch Erwachsene greifen gerne zu. 

Nachhaltigkeit

Faires Spielzeug aus Chinas Fabriken

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Schon 2021 könnte ein erstes Siegel auf fair produzierter Ware prangen.

Ernst Kick weiß, was der Zeitgeist verlangt. „Keine Industriegruppe kann sich mehr dagegen wehren, in Nachhaltigkeit zu investieren“, sagt der Chef der Nürnberger Spielwarenmesse. Deshalb widmen sich die Messemacher dieses Jahr unter dem Motto „Toys for Future“ dem Trend, der zum Dauerbrenner werden soll. Erste Produkte wie ein mit pflanzlicher Tinte bedrucktes Puzzle aus recycelter Graupappe oder ein Brettspiel, bei dem Kinder am Strand Plastikmüll sammeln müssen, werden bereits angepriesen. „Das Thema fällt auf fruchtbaren Boden bei den Kleinen“, meint Christian Ulrich als Marketing-Chef der Messe. Das Spiel werde zudem in Frankreich produziert, um lange Transportwege zu vermeiden.

Der Klimawandel bewegt nun auch die Spielzeugbranche. Auf deren Weltleitmesse sucht Maik Pflaum nach Mitstreitern für das, was er fair produzierte Spielwaren nennt. Der Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation Christliche Initiative Romero (CIR) ist Referent für Arbeitsrechte und weiß, dass es um die speziell in chinesischen Fabriken schlecht bestellt ist. Ohne die geht in der Branche wenig. China liefert rund drei Viertel aller hierzulande verkauften Spielwaren. „Es wird mit Sicherheit schwierig“, ahnt Pflaum. Er meint das Vorhaben, die Fair Toys Organisation in einem Hauptlieferland wie China auf die Beine zu stellen.

Noch im ersten Halbjahr 2020 soll die Gemeinschaft gegründet werden, die sich auf allgemein anerkannte Arbeitsrechte, gerechte Löhne und Umweltstandards bei der Produktion von Spielzeug verpflichtet. Mit den Plüschfabrikanten Sigikid und Heunec stehen zwei Gründungsmitglieder fest. „Wir sind dabei“, bestätigt die geschäftsführende Heunec-Gesellschafterin Barbara Fehn-Dransfeld. Fair hergestellte Spielwaren seien eine Frage der Verantwortung, findet sie. Mit namhaften Beitrittskandidaten wie dem Spielehersteller Kosmos oder der Puppenfirma Zapf stehen die Initiatoren der Fair-Toys-Initiative zudem im Gespräch. Weitere Unternehmen sollen bei der Messe überzeugt und für das von der CIR angestoßene Bündnis aus Herstellern und Handel, dem Deutschen Verband der Spielwarenindustrie und Organisationen der Zivilgesellschaft gewonnen werden.

Positive Erfahrungen haben CIR und Pflaum in der Bekleidungsindustrie gesammelt. Die dortige Fair Wear Foundation mit rund 100 Mitgliedsfirmen dient als Vorbild. Auch bei Textilien sei China ein dominierendes Lieferland, sagt Pflaum. Von den Lieferstrukturen her seien die Unterschiede zwischen Bekleidung und Spielwaren klein. Was bei der einen Warengruppe geklappt habe, könne sich nun wiederholen.

„Auch in China kann man nachhaltig produzieren“, meint Messe-Manager Ulrich zuversichtlich. Davon würden auch Verbraucher profitieren. Bei Spielwaren tappen sie hierzulande noch völlig im Dunkeln, da es noch kein Siegel für nachhaltiges Spielzeug gibt, sagt Pflaum. Das will die Fair Toys Organisation ändern. Produkte von Mitgliedern, die sich in der gesamten Lieferkette nachweisbar an einen Kodex zu Arbeitsrechten und Umweltschutz halten, sollen mit einem neu geschaffenen Siegel werben können. Wer mitmachen will, muss ein internes Kontrollsystem vorweisen, das seinen Namen auch verdient. Greenwashing, also bloßes Überstreifen eines grünen Mäntelchens, soll mittels Kontrollen vor Ort verhindert werden. Dazu arbeitet CIR mit Arbeitsrechtsorganisationen wie China Labour Watch zusammen.

Der vom Bundesentwicklungshilfeministerium unterstützten Idee verpflichtet fühlt sich auch die Stadt Nürnberg. Mit ihrer Mithilfe lädt die vor ihrer Gründung stehende Fair Toy Organisation Anfang März alle rund 600 deutschen Spielwarenhersteller ein, um ein möglichst breites Bündnis zu erreichen. Ziel sei es, auch die Größen der heimischen Branche wie Ravensburger, Playmobil oder Simba Dickie zu gewinnen, um möglichst schon für das Weihnachtsgeschäft 2021 mit gutem Gewissen erste Produkte mit einem Fair-Toy-Siegel präsentieren zu können.

Teuerer müsse fair hergestelltes Spielzeug nicht werden, sagt Pflaum nach Erfahrungen mit fair produzierten Textilien. Nur absolutes Billigspielzeug lasse sich nachhaltig kaum herstellen. Aber das sei auch kein Verlust.

Bei Simba Dickie kann man mit der Fair Toys Organisation noch nicht viel anfangen. Mit der Idee an sich und Nachhaltigkeit dagegen schon. Der Fokus liegt dabei auf Verpackungen. „Wir verzichten auf Plastik, wo es geht“, sagt Juniorchef Florian Sieber. Nur bei hochwertigen Sammler-Modellautos, wo jeder Kratzer den Wert stark mindert, komme man nicht ohne aus. Zurückhaltend sei man bei Recycling-Material. „Unsere Branche ist sehr sensibel, wenn es um Sicherheit geht“, erklärt Sieber und denkt an Kinder, die Spielsachen auch mal gerne in den Mund stecken. Da wolle man beim Material betont auf der sicheren Seite bleiben.

Auch Michael Sieber als Seniorchef des Fürther Familienunternehmens hat eine Meinung zur Nachhaltigkeit. „Wenn man hochwertiges Spielzeug herstellt, das nicht schnell in der Mülltonne landet, dann ist das am nachhaltigsten“, sagt der Patriarch der größten deutschen Spielwarengruppe.

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