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Martha Castellon Cerda aus Nicaragua nahm einen Mikrokredit für die Bäckerei auf. invest in visions (2)
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Martha Castellon Cerda aus Nicaragua nahm einen Mikrokredit für die Bäckerei auf.

Mikrokredite

Faires Investment: Wenig hilft viel

  • VonRolf Obertreis
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Vor zehn Jahren hat die Bankerin Edda Schröder den ersten deutschen Mikrofinanzfonds „Invest in Visions“ gegründet. Er hat auch eine soziale Dimension.

Für Edda Schröder war „Impact Investing“ ein vertrauter Begriff, als die Finanzbranche ihn allenfalls ansatzweise im Blick hatte. Der Ex-Bankerin und früheren Topmanagerin der britischen Fondsgesellschaft Schroders ging es schon 2006 nicht um das reine Geldverdienen und darum, „einfach immer nur Aktienfonds zu verkaufen“, wie die 55-Jährige einmal gesagt hat. Ihr war auch die soziale Rendite wichtig – der Impact, also die Wirkung, die mit dem Geld erzielt wird. Das richtige Feld dafür sah die weltoffene, reisefreudige Westfälin in Mikrokrediten in armen und ärmeren Ländern.

Mit dieser Idee im Kopf machte sie sich 2006 in Frankfurt selbstständig und gründete die Fondsgesellschaft „Invest in Visions“ - zu Deutsch: Investieren in Visionen. Fünf weitere Jahre dauerte es, bis der erste Mikrofinanzfonds aufgelegt werden konnte. Jetzt ist er zehn Jahre alt, hatte Ende September ein Volumen von fast 805 Millionen Euro und unterstützt 600 000 Frauen und Männer in Entwicklungsländern, die mit einem Kleinkredit einen kleinen Laden oder einen Handwerksbetrieb finanzieren. Und zu 98 Prozent pünktlich Zins und Tilgung leisten.

Der „IIV Mikrofinanzfonds“ war der erste Fonds dieser Art in Deutschland, der auch Kleinanleger:innen bei einer Mindestanlage von 100 Euro ermöglichte, einerseits Geld mit einer akzeptablen Rendite anzulegen und gleichzeitig eine soziale Wirkung zu erzielen.

„Die Initialzündung war damals für mich ein institutioneller Fonds, der durch die staatliche Förderbank KFW initiiert wurde“, sagt Schröder heute. Das Konzept Mikrofinanz habe sie von Anfang fasziniert. „Kurzerhand flog ich nach Peru, um mir genau anzuschauen, wie Mikrofinanz vor Ort funktioniert.“ Sie kam überzeugt zurück: Das sei ihr Konzept. „Kurzerhand kündigte ich mein Job und gründete Invest in Visions“. Ein Schritt, den es so in der deutschen Finanzbranche wohl zuvor kaum gegeben hatte.

Es war ein schwieriger, zeitraubender Weg für die Einzelkämpferin. Fünf Jahre dauert es, bis die Vorgaben von Aufsichtsbehörden, alle Regularien für eine Kapitalanlagegesellschaft erfüllt waren. Im Oktober 2011 war es endlich so weit. Der IIV Mikrofinanzfonds ging an den Start – mit bescheidenen 1,5 Millionen Euro.

Das Konzept: Der Fonds vergibt Darlehen an Mikrobanken in armen und ärmeren Ländern, die wiederum Kleinkredite an Händlerinnen und Händler, an Handwerkerinnen und Handwerker, an Bäuerinnen und Bauern weiterreichen. Das erste Darlehen ging an ein Institut in Tadschikistan. Heute werden 89 Mikrobanken in 33 Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika unterstützt. Viele dieser Mikrobanken hat Schröder, die heute Chefin von 25 Beschäftigten bei Invest in Visions ist und im Aufsichtsrat der Umweltbank sitzt, persönlich besucht, sie analysiert und deren Bücher geprüft. Und sie hat vor allem darauf geachtet, dass auch Frauen Kredite bekommen.

Zuletzt sei sie in Kenia gewesen, habe sich unter anderem eine Hühnerfarm und einen Schuhladen angeschaut, die mit Mikrokrediten unterstützt wurden, sagte Schröder unlängst. Im Schnitt haben die Darlehen an die Mikrobanken ein Volumen von 4,9 Millionen Euro mit einer Laufzeit von knapp zwei Jahren. Ein Mikrokredit liegt bei 50, 100 oder auch ein paar Tausend Dollar.

Die Frauen und Männer erweisen sich als verlässliche Kunden. Die Ausfallrate liege bei weniger als zwei Prozent, heißt es bei Invest in Visions. 98 Prozent zahlen Zins und Tilgung meist innerhalb von sechs bis neun Monaten zurück – trotz der hohen Zinsen von 20 bis 30 Prozent. Bedingt seien diese unter anderem durch den hohen Aufwand. Allerdings sind auch die Einlagenzinsen in den jeweiligen Ländern deutlich höher als hierzulande, und viele Kleinunternehmer erwirtschafteten mit geringem Kapitaleinsatz hohe Erträge. Für eine Schneiderin etwa bedeute die Investition in die erste Nähmaschine eine unglaubliche Produktivitäts- und auch Gewinnsteigerung von 20 Prozent und mehr, so Invest in Visions. Im September hat der Fonds 18,5 Millionen Dollar neu investiert in Darlehen für Kleinbanken unter anderem in Indien, Bosnien-Herzegowina, Armenien, Ecuador und Tansania. Anlegerinnen und Anlegern hierzulande beschert der Fonds aktuell eine jährliche Rendite von 1,25 Prozent, seit Auflage 2011 waren es jedes Jahr im Schnitt 1,86 Prozent.

Schwierig sei die Lage vor allem 2020 wegen Corona gewesen, sagt Schröder. Händler:innen und Handwerker:innen sei das Geschäft weggebrochen. Banken hätten die Tilgung gestundet, der Fonds hat dies wiederum gegenüber den Mikrobanken praktiziert. Der Fonds selbst rutschte für einen Monat ins Minus. Seit Sommer vergangenen Jahres habe sich alles schnell erholt. Auch das Reisen war schwierig. „Während der Pandemie sind wir sehr eng digital vernetzt und tauschen uns so über die Situation vor Ort aus“, sagt Schröder. „Das ist extrem wichtig.“

Die Arbeit der Ex-Bankerin wird nicht nur von immer mehr Anlegerinnen und Anlegern honoriert, sondern auch in der Branche. 2020 wurde Edda Schröder vom Netzwerk Fondsfrauen zur Frau des Jahres gekürt. Grund: Sie gehe einen mutigen Weg und erziele mit dem Fonds eine positive Wirkung für Frauen und Mütter, die es sonst schwerer hätten. Unlängst wurde der IIV Mikrofinanzfonds als bester Rentenfonds mit einem Volumen von weniger als einer Milliarde Euro von kleineren, unabhängigen Vermögensverwalter:innen ausgezeichnet.

Schröder weitet das Engagement von Invest in Visions derweil aus. Im Juni wurde ein Nachhaltigkeitsfonds aufgelegt, der auf kleinere und mittelgroße Unternehmen in Entwicklungsländern zielt. Hier, bei der sogenannten Mesofinanzierung gebe es laut Weltbank noch eine Finanzierungslücke von 4,5 Billionen Dollar. Neun Millionen kleine und mittlere Firmen hätten keinen ausreichenden Zugang zu Krediten. Auch hier sollen über Darlehen an Banken Unternehmen etwa in nachhaltiger Landwirtschaft oder in der Wasserversorgung Kredite zwischen 50 000 und zwei Millionen Dollar aufnehmen können. „Damit unterstützen wir die Entwicklung des lokalen Finanzmarktes dieser Länder und schaffen vor allem Arbeitsplätze.“ Der Fonds richtet sich an professionelle Investoren. Mindestens 20 000 Dollar müssen investiert werden. Das gilt auch für eine Mikrofinanzanleihe. Hier sind es mindestens 200 000 Euro.

„Wir managen hier nicht nur einfach Fonds. Wir arbeiten alle dafür, dass die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern ihre Visionen von einem besseren Leben mit unseren Mikro- und Mesokrediten Wirklichkeit werden lassen können“, unterstreicht Edda Schröder ihren und den Anspruch der Beschäftigten.

Edda Schröder ist Bankerin, Fondsmanagerin und Gründerin des Mikrofonds „Invest in Visions“.

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