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Fair Finance Week: Vom Fuß- zum Handabdruck

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Von: Antje Mathez

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Den CO2-Ausstoß reduzieren? Wenn die Industrie auf Nachhaltigkeit setzen soll, braucht sie Planungssicherheit.
Den CO2-Ausstoß reduzieren? Wenn die Industrie auf Nachhaltigkeit setzen soll, braucht sie Planungssicherheit. © IMAGO/Olaf Döring

Die Fair Finance Week in Frankfurt beginnt mit einem Ruf nach mehr staatlicher Regulierung.

Er wäre „total gerne“ vor Ort, sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck, der sich am Montagabend mit einer Grußbotschaft in die Auftaktveranstaltung der Fair Finance Week in Frankfurt eingeschaltet hatte. Denn die Konferenz, die in diesem Jahr schon zum neunten Mal als Gegenstück zur Kongressreihe „Euro Finance Week“ stattfindet, „könnte nicht aktueller sein“, lobte Habeck mit Hinweis auf die COP 27 in Scharm el Scheich. Im vollbesetzten Haus am Dom stand da die Eröffnungsrunde unter dem Titel „Für Geld tun Menschen alles – sogar Gutes?“ an.

Diskutiert werden sollte über die Transformation von Gesellschaft und Finanzwirtschaft – und darum, wie notwendige Veränderungsprozesse gelenkt werden können, damit Finanzströme künftig in nachhaltige Geldanlagen fließen. Der Umbau zu einer grünen Wirtschaft sei aber, so Habeck, eine Herkulesaufgabe, dafür brauche es Milliarden. „Deshalb kann der Staat das unmöglich allein hinbekommen.“ Das müssten vielmehr die Märkte regeln, konstatierte der Minister und wünschte den Anwesenden noch„viele gute Ideen“.

Nach manch länglicher Begrüßung durch die Organisatoren der Fair Finance Week, dem Fair Finance Network Frankfurt, einer Kooperation von Evangelischer Bank Frankfurt, GLS Bank, Invest in Visions, Oikocredit und der Triodos Bank, spielten die Fachleute auf dem Podium den Ball, den Habeck in den Ring geworfen hatte, schnell wieder zurück an die Politik. „Wir dürfen auf dem Feld der Sustainable Finance den Staat nicht aus der Verantwortung entlassen“, forderte Politikwissenschaftler und Autor Reinhard Loske. „Wer nicht will, dass wir uns in Zukunft nur noch mit Katastrophenmanagement beschäftigen, muss jetzt alle Investitions- und Konsumentscheidungen auf ‚grün‘ stellen.“

Kritik an der Taxonomie

Dafür brauche es eine „willige“ Politik, ein Rechtssystem, mit dem die Umsetzung von Klima- und Umweltschutzvorgaben überprüfbar und sanktionierbar werde, und eine Wirtschaft, die handlungswillig und auch -fähig sei. „Wir müssen bei der Bearbeitung der Klimakrise endlich vom Fußabdruck zum Handabdruck kommen, von dem, was wir an ökologischen Schäden anrichten, zu dem, was wir durch glaubwürdiges und gemeinsames Handeln tun, um Gutes zu schaffen und das Schlimmste noch zu verhindern“, so der Ökonom. Der Finanzsektor könne dazu einen zentralen Beitrag leisten, wenn er sich „endlich ehrlich“ mache und „den Verlockungen des bloßen Greenwashings“ widerstehe.

Die Steilvorlage zum Thema Taxonomie nutzte Sabrina Schulz, Chefin von econnext, einer Holding für Start-ups im Bereich Klima und Nachhaltigkeit, und ehemalige Direktorin des Sustainable Development Solutions Network (SDSN) Germany für massive Kritik an den von der EU aufgestellten Kriterien für Nachhaltigkeit. „Die Taxonomie lässt unheimlich viele Lücken und Ausnahmen zu“, sagte sie und verwies auf die von der EU als nachhaltig eingestuften Investitionen in Gas und Atomkraft.

Allerdings könne auch die Taxonomie keine gute Politik ersetzen. „Wenn wir den fossilen Kapitalstock schnell abschmelzen wollen, dann brauchen wir jetzt eine gute Sozialpolitik und eine gute Investitionspolitik“, erklärte Schulz. Eine gute Investitionspolitik beinhalte klare Regeln für Unternehmen. „Die Politik muss sagen, welche unternehmerische Tätigkeit sich in Zukunft lohnt, also Planungssicherheit schaffen“, forderte Schulz. Dafür müsse auch die öffentliche Hand mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Investitionsprogramme, Subventionen und eigenen unternehmerischen Tätigkeiten streng nach nachhaltigen Kriterien ausrichten. Da viele Arbeitsplätze dabei verloren gehen würden, seien kluge sozialpolitische Leitplanken unabdingbar. Denn ohne die Menschen sei ein Umbau der Wirtschaft nicht machbar.

Apropos die Menschen. Ob diese denn nicht gerade andere Probleme hätten, fragte Moderatorin Antonia Mannweiler von der ARD-Finanzredaktion. „Spielt Nachhaltigkeit angesichts all der Krisen überhaupt noch eine Rolle?“ „Ja! Sie muss!“, antwortete Frankfurts Finanzkämmerer Bastian Bergerhoff. „Sustainable Finance hat es zur Zeit zwar schwer, aber wir dürfen das Thema nicht aus dem Blick lassen.“

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