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Komplizierte Vorfahrtsregeln mit Hilfe eines Videos verstehen? Die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände ist skeptisch.

Start-up

Fahrschule auf dem Sofa

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Das Berliner Start-up Odokar will die Theorie-Ausbildung über eine Internet-Plattform anbieten – und das deutlich günstiger als auf dem herkömmlichen Weg. Der Branchenverband lehnt das Konzept ab.

Auf der Fahrbahn befindet sich Öl. Wie sollten Sie sich jetzt verhalten? Wie müssen Sie sich verhalten, wenn Ihr Fahrzeug von starkem Seitenwind erfasst wird? Welche Folgen kann die Missachtung von Müdigkeitsanzeichen nach sich ziehen? Das sind nur drei Fragen aus der Theorie-Prüfung 2018 für den Pkw-Führerschein. Viele Fahranfänger sind auf den Test offenbar nicht gut vorbereitet gewesen. Laut Kraftfahrtbundesamt sind im vergangenen Jahr 38 Prozent durchgefallen – ein neuer Rekord.

Ein Berliner Start-up will nun die theoretische Ausbildung ins Internet bringen. „Der Lernerfolg soll durch einen interaktiven Unterricht erhöht werden“, sagt Benjamin Riesser von Odokar. Dazu baut der Chef des 2018 gegründeten Unternehmens derzeit eine Online-Plattform auf. Der 28-Jährige will die Fahrerausbildung nicht nur digitalisieren, sondern auch noch 40 Prozent billiger anbieten.

Sein größtes Problem: das Fahrlehrergesetz. Dieses schreibt vor, dass der Unterricht in einem Klassenraum von einem Fahrlehrer vorgenommen werden muss. Für Riesser ist das „nicht mehr zeitgemäß“. Er klopft nun an den Türen von Verbänden und Ministerien und wirbt für eine Gesetzesänderung.

Zahl der Fahrlehrer sinkt

An seinem Laptop zeigt Riesser, wie die digitale Fahrschule aussehen könnte. Es läuft ein Video, auf dem die Vorfahrtsregelung an einer Kreuzung erklärt wird. Nach jedem Themenblock wird ein kurzer Test erfolgen. „Erst wenn dieser erfolgreich absolviert ist, wird das nächste Themengebiet freigegeben“, erläutert der Jung-Unternehmer seine Pläne. Offene Fragen sollen in einem Chat von einem Odokar-Fahrlehrer beantwortet werden.

Riesser sieht für eine Online-Fahrschule Bedarf. Nach seinen Angaben ist die Zahl der Fahrlehrer in Deutschland von 2011 bis 2018 um 20 Prozent auf 44 285 gesunken. Und viele weitere Fahrlehrer gingen bald in Rente. Das Durchschnittsalter liegt bei 53 Jahren. „Gerade in ländlichen Regionen werden die Wege zur nächsten Fahrschule immer länger“, sagt Riesser.

Benjamin Riesser hat seine Fahrerlaubnis schon, will sie anderen aber nun online anbieten.

Die Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF) sieht den digitalen Newcomer mit seinen Ideen jedoch skeptisch. „Komplexe Verkehrssysteme begreifen Fahranfänger nicht allein mit PC-Arbeit“, sagt BVF-Vorsitzender Dieter Quentin. Einige Inhalte wie Straßenschilder ließen sich zwar auch online gut vermitteln. „Komplizierte Vorfahrtsregeln muss man aber verstehen“, so Quentin. Die Erläuterungen des Fahrlehrers seien unerlässlich. Die hohe Durchfallquote bei den Theorieprüfungen ist für den Chef des Fahrlehrerverbandes vor allem Ausdruck der anspruchsvollen Prüfung. Es gebe keine Fragebögen mehr, sondern einen komplexen Test am PC.

Die Ablehnung des Fahrlehrerverbandes dürfte auch daher rühren, dass Odokar nicht nur die Theorie-Ausbildung digitalisieren, sondern die etablierten Fahrschulen überflüssig machen will. In Frankreich hat Ornika, die Muttergesellschaft von Odokar, in wenigen Jahren mehr als 20 Prozent des Marktes erobert. Das Unternehmen arbeitet dazu mit freien Fahrschullehrern zusammen, die von den Schülern digital gebucht werden können. Ein ähnliches Konzept will Odokar-Chef Riesser auch in Deutschland auf den Weg bringen. Nach seinen Worten besteht etwa die Hälfte der Fahrschulen aus Ein-Mann-Unternehmen. „Diese Fahrlehrer müssen für die Theorie-Schulung einen großen Aufwand betreiben, der aber finanziell wenig lukrativ ist.“

Führerschein für 850 Euro

Odokar will mit Kampfpreisen in den Markt gehen. Beim Pkw-Führerschein sind bundeseinheitlich 14 Doppelstunden Theorie und mindestens zwölf Ausbildungsfahrten vorgeschrieben. Während klassische Fahrschulen 200 bis 300 Euro für die Theorie verlangen, will Odokar lediglich 30 Euro für die Nutzung der Plattform berechnen. Mit Praxis und Gebühren soll der Preis laut Riesser nicht über 850 Euro steigen.

Dass es dem Start-up ernst ist, zeigt sich daran, dass es seit September 2018 mit einer eigenen Fahrschule in Berlin präsent ist. Obwohl die Ausbildung noch weitgehend nach dem klassischen System abläuft, zahlen die Kunden weniger als 1000 Euro für den Führerschein. Riesser geht davon aus, dass eine digitale Fahrschule bald auch in Deutschland möglich wird: „2020 könnte das neue Gesetz kommen.“

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