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Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu nachhaltiger Mobilität: E-Bikes.

E-Bikes

Die Fahrradsaison ist eröffnet

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Mit der Sonne kommen auch die Velos. Das Pfingstwochenende ist ein erster Saisonhöhepunkt für Fahrradtouren. Mit dabei sind so viele Elektroräder wie noch nie.

Wer über die Radwege dieser Republik rollt, hat es längst bemerkt. Mit der Sonne kommen auch die Velos. Pfingsten war ein erster Saisonhöhepunkt für Touren auf Zweirädern. Und dabei waren so viele Elektroräder wie nie zuvor unterwegs. Das One Soho etwa. Ein echter Hingucker. Bullhornlenker, Felgenbremsen. Der matt-silbrige Rahmen. Alles auf ein Minimum reduziert. Auf dem Radweg ist das One Soho im Überholmodus unterwegs – dank des wuchtigen Vortriebs durch das 250-Watt-Aggregat. Dabei ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, dass es sich um ein Elektrobike handelt. Der Einschaltknopf für den Hilfsantrieb ist unter dem Oberrohr, der Motor dezent an der Nabe des Hinterrades platziert. Der Akku ist ohnehin nicht sichtbar, sondern im etwas voluminöser konstruierten Unterrohr integriert.

 Das One Soho – von der Heidelberger Manufaktur Coboc gefertigt – ist bezeichnend für die neue Generation von E-Bikes, die auch Pedelecs genannt werden. „Die Klientel verjüngt sich zusehends“, sagt David Eisenberger, Sprecher des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV). Einst als eher behäbiges Fortbewegungsmittel für Senioren gestartet, fächert sich das Angebot inzwischen in viele Richtungen auf. Zu puristisch-eleganten Lifestyle-Rädern à la One Soho kommen Lasten- und Kompakträder bis hin zu reinrassigen Sportgeräten fürs Gelände: In den aktuellen Katalogen sind die E-Mountainbikes fast genauso stark vertreten wie die klassischen Trekking- und Cityräder. 2016 wurde mit 605 000 Exemplaren (plus 13 Prozent zum Vorjahr) hierzulande ein neuer Verkaufsrekord für die Fahrräder mit Hilfsmotor aufgestellt. Damit haben die E-Bikes einen Marktanteil von 15 Prozent erreicht.

Für Branchenkenner besteht kein Zweifel, dass dieses Jahr abermals ein neuer Höchstwert erreicht wird. „Wir gehen davon aus, dass die E-Bikes in absehbarer Zeit auf 30 Prozent am Gesamtfahrradmarkt kommen können“, so Eisenberger.

Noch viel mehr erwartet Helge von Fugler, Gründer und Chef des E-Bike-Herstellers, dessen Name mit dem Produkt identisch ist. „Jetzt geht es erst richtig los“, sagt er.

Ein erstaunlicher Prozess. Denn die Zweiräder mit Batterieantrieb sind um ein Vielfaches teurer als die rein mit Pedalkraft angetriebenen Velos. Der Durchschnittspreis liegt laut ZIV aktuell bei rund 2000 Euro, nach oben sind die Grenzen offen. Spitzenmodelle können auch schon mal einen fünfstelligen Betrag kosten. „E-Bikes sind für verschiedene Einsatzarten die nahezu idealen Fortbewegungsmittel“, sagt Ebike-Chef von Fugler. Das Brot- und Buttergeschäft sind für ihn und alle anderen Hersteller die Trekking- und Cityräder. Sie taugen sowohl für die tägliche Fahrt zur Arbeit wie zur sonn- und feiertäglichen Radtour. „Sie haben dabei die Funktion, die Reichweite zu erhöhen“, so von Fugler. Im Pendleralltag seien sie für den Teil der Werktätigen nützlich, „die nicht unbedingt verschwitzt im Büro ankommen wollen“.

 Ihre Konfiguration: Der Mittelmotor direkt am Tretlager hat sich durchgesetzt, er bringt obligatorisch eine Leistung von 250 Watt. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass er bei 25 Stundenkilometer abgeregelt werden muss. Die schnellen E-Bikes schaffen mit stärkeren Motoren sogar 45 Sachen. Fast allen gemein ist, dass das elektrische Aggregat mit einer Ketten- oder Nabenschaltung gekoppelt ist, der Radler kann in der Regel zwischen mehreren Unterstützungsgraden wählen. Die Akkus haben eine Kapazität zwischen 300 und 500 Wattstunden, womit der Radler theoretisch bis zu 200 Kilometer weit kommen kann.

 Indes, die größten Zuwachsraten verzeichnet derzeit die noch junge und kleine Kategorie der Lastenräder. „Nicht nur für die Post, sondern für viele andere gewerbliche Unternehmen“, so Eisenberger, „werden sie für den Auslieferverkehr zunehmend interessant.“ E-Räder mit Transportbox sind in vielen notorisch verstopften Innenstädten schlicht schneller als Nutzfahrzeuge mit vier Rädern. Mehr noch: In Fahrradläden in den Metropolen kann man samstagsmorgens derzeit junge Familien beobachten, wie sie sich über die meist langgestrecken Räder informieren, die auch zur Beförderung des Nachwuchses dienen.

Lastenräder sind nicht nur hip, sie entlasten auch den innerstädtischen Verkehr. Was sich noch erheblich verstärken könnte, wenn auch mehr Berufspendler aufs E-Bike steigen würden. Das gilt vor allem für Beschäftigte, die in den Speckgürteln der Ballungsgebiete zehn bis 20 Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt leben. Helmut Holzapfel, Leiter des Zentrums für Mobilitätskultur in Kassel, preist jedenfalls das E-Rad: „Sie können auch als relativ untrainierter Zeitgenosse über eine relativ lange Strecke eine relativ hohe Geschwindigkeit halten.“ Elektrische Velos erhöhten deshalb das Potenzial der radelnden Pendler erheblich, sie seien deshalb ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer nachhaltigen Mobilität.

 Um dies zu fördern, hat das Bundesverkehrsministerium für 2017 gerade einen „Rekordbeitrag“ von rund 130 Millionen Euro zum Ausbau der Radwege zur Verfügung gestellt – darunter auch erstmals 25 Millionen Euro für sogenannte Radschnellwege, die Städte miteinander verbinden sollen. Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) lobt dies als einen „ersten Schritt in die richtige Richtung“, bezeichnet die Summe aber als „unterdimensioniert“. Mit den 25 Millionen könnten gerade einmal 15 bis 20 Kilometer Radschnellwege gebaut werden. Der ADFC will eine Verzehnfachung der Mittel.

 Das unterstützt auch Ebike-Chef von Fugler: „Wir bringen den Radverkehr nur mit einem Wechselspiel aus besserer Infrastruktur und Innovationen bei den Rädern voran.“ Dass es mit der Technik vorangeht, ist für ihn eine ausgemachte Sache. Haupttrend sei die Miniaturisierung der Antriebe und der Batterien. Bei Letzterem hofft die Zweiradbranche auf die Hilfe der großen Brüder der Autobauer, die mit enormen Ehrgeiz Batterien für E-Autos und damit auch E-Räder billiger und leichter und leistungsfähiger machen wollen.

Bei den Motoren sei von Marktführer Bosch im Herbst eine neue Generation von Aggregaten zu erwarten, die bei gleicher Leistung um 40 Prozent kleiner seien, heißt es in Kreisen. Schließlich schläft die Konkurrenz nicht. Yamaha gehört mit neuen E-Motorkonzepten genauso zu den Herausforderern wie der Fahrradzuliefer-Gigant Shimano. Und gerade hat der Autozulieferer ZF eine Kooperation mit den Bremsen-Spezialisten Magura und Brake Force One sowie dem Batterie-Experten Unicorn Energy bekannt gegeben. Ziel könnte die Entwicklung von Antriebssystemen für elektrische Lastenräder sein.

Wo das alles hinführt? ZIV-Sprecher Eisenberger ist davon überzeugt, dass E- und konventionelle Räder sich bei Design, Gewicht und Preis immer weiter annähern werden. Insofern ist das One Soho mit seinen 13,7 Kilogramm wegweisend. Eine weitere Komponente wird hinzu kommen: Die (E-)Bikes der Zukunft werden vernetzt und mit Sensorik ausstattet und deshalb schlau sein. Von Fugler: „Das Smart-Bike kommt ganz bestimmt.“ Es werde optimierte Routen planen und den Energiebedarf des Fahrers und des E-Motors berücksichtigen. Der Rad-Computer steuert eines Tages wohl auch Bremskraft und Federung sowie die vollautomatische Gangschaltung in Kombination mit dem Antrieb, dessen Schub sich an der individuellen Leistungsfähigkeit orientiert. Moderne Technik wird das Radeln sicherer machen. Sensoren, die mit vibrierenden Lenkergriffen vor Pollern oder vor sich von hinten nähernden Autos warnen, werden schon getestet. Irgendwann werden Räder mutmaßlich mit anderen Rädern, Autos und Menschen zu Fuß kommunizieren, um auszuhandeln, wer Vorfahrt hat.

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