US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton versucht, die Arbeiter eines Kabelherstellers in Pennsylvania von ihrer Industriepolitik zu überzeugen.
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US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton versucht, die Arbeiter eines Kabelherstellers in Pennsylvania von ihrer Industriepolitik zu überzeugen.

Deindustrialisierung

Fabriken und Vaterland

  • vonStephan Kaufmann
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Warum Hillary Clinton, Donald Trump und Theresa May Arbeiter umgarnen.

Theresa May hat ein Herz für die „patriotisch denkende, pflichtbewusste Arbeiterschicht“. Den „hart arbeitenden Briten“ versprach die neue Premierministerin vergangene Woche Schutz vor Ausländern sowie mehr Gelegenheiten, hart zu arbeiten. Dafür hat sie sich ein großes Ziel gesetzt: Die Wiedergeburt der britischen Industrie. May leitet persönlich den neu geschaffenen Ausschuss für Wirtschaft und Industriestrategie, in dem sie elf Minister versammelt hat. Das markiert einen Wendepunkt – 30 Jahre nachdem Mays Vorgängerin Margaret Thatcher die Gewerkschaften entmachtete, die Industrie zusammenschrumpfen ließ und Großbritannien zur Dienstleistungsökonomie machte.

Politiker aller Parteien haben ihre Liebe zum Verarbeitenden Gewerbe entdeckt – und im rechten Lager ist diese Liebe besonders ausgeprägt. May will den jahrzehntelangen Niedergang der britischen Industrie stoppen. US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump verspricht „manufacturing jobs“, die China und Mexiko den USA gestohlen hätten. „Ich werde sie wieder zurückholen“, twitterte Trump. Da will seine Konkurrentin Hillary Clinton nicht nachstehen und wirbt mit ihrer Strategie „Make it in America“ um die Stimmen der Arbeiter und Arbeitslosen.

Die Front Nationale dagegen will mit einer „Made in France“-Politik Frankreich „reindustrialisieren“. Laut Parteiprogramm haben „der Euro und die offenen Grenzen eine unfaire Konkurrenz geschaffen, die Millionen industrielle Arbeitsplätze vernichtet hat“. Die österreichische FPÖ warnt davor, dass Europa sich „zunehmend auf den Dienstleistungssektor und Finanzspekulation konzentriert, während die produktive, landwirtschaftliche und industrielle Basis unter den unfairen globalen Wettbewerbsbedingungen zusammenzubrechen droht“.

Die Klage spiegelt einen realen Trend. So beschäftigte das Verarbeitende Gewerbe in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg noch fast 40 Prozent aller Menschen. Heute sind es nicht mal mehr neun Prozent. Allein seit Ende der neunziger Jahre ist der Anteil der Industriearbeiter in Großbritannien von 15 auf acht Prozent geschrumpft, in Frankreich von 14 auf unter zehn Prozent. Die Wertschöpfung der Industrie erreicht in Frankreich und Großbritannien nur noch acht bis zehn Prozent der Wirtschaftsleistung.

Besser stehen Länder wie Deutschland und Japan da, die auf Werte um die 20 Prozent kommen. „Deutschlands Gewicht in der Welt basiert auf unserer ökonomischen Ausnahmestellung“, so Ulrich Grillo, Chef des Deutschen Industrieverbandes BDI. „Und die Industrie ist die Maschine, die den Karren zieht.“

Dafür wird Deutschland weltweit beneidet. Die Industrie steht für die gute alte Zeit, für die goldenen 30 Jahre nach dem Weltkrieg, als es noch keinen Euro und keine chinesische Konkurrenz gab. Die Industrie ist Symbol für große Technik und ehrliche Arbeit, die echte Werte schafft – Produkte zum Anfassen. Zudem steht sie für starke Gewerkschaften, feste Jobs, gute Löhne und Sozialversicherung. Eine Stelle in einer Fabrik war früher der sichere Weg in die Mittelklasse, die von allen Parteien umworben wird.

Tatsächlich bietet das Verarbeitende Gewerbe ökonomische Vorteile. Hier sind Automatisierung und Rationalisierung der Produktion leichter möglich als bei Dienstleistungen. Ergebnis ist eine höhere Produktivität und im Durchschnitt höhere Einkommen der Beschäftigten. Auch die gewerkschaftliche Organisation ist in diesem Sektor höher, merkt der Internationale Währungsfonds an (IWF). Der Dienstleistungssektor dagegen zahlt im Durchschnitt schlechter, die Produktivität steigt eher schwach, Gewerkschaften haben es dort schwer. Zudem liegen dort die Gehaltsunterschiede wesentlich höher – ein Banker verdient viel mehr als ein Friseur. „Deindustrialisierung, führt damit zur stärkeren Polarisierung der Einkommen – also zu stärkerer Ungleichheit“, erklärt Patrik Artus von der französischen Bank Natixis. Und schließlich lassen sich industrielle Produkte wie Autos ins Ausland verkaufen, Dienstleistungen oftmals nicht – eine Frisur wird nicht exportiert.

Daher bemühen sich alle Länder um das Verarbeitende Gewerbe. Denn sein Niedergang sorgt vielerorts für Armut, Unsicherheit und Unzufriedenheit, die sich Politiker rechter Parteien zu Nutze machen. So stimmte in vielen deindustrialisierten Regionen Großbritanniens die Mehrzahl der Menschen für den Austritt des Landes aus der EU. Um „verloren gegangenes Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen“, müsse man „Ernst machen mit der Re-Industrialisierung Europas“, mahnt daher BDI-Chef Grillo. Das Projekt ist bislang wenig erfolgreich: Vor vier Jahren setzte sich die EU das Ziel, den Anteil der Industrie an der Wertschöpfung von 15,5 Prozent bis zum Jahr 2020 auf 20 Prozent zu heben. Vergangenes Jahr lag der Anteil bei 15,6 Prozent.

Für das Dilemma machen die rechten Parteien vor allem das Ausland verantwortlich, das mit Billiglöhnen heimische Unternehmen abwirbt. „Die unkontrollierte weltweite Konkurrenz hat die französische Industrie zwei Millionen Jobs in 30 Jahren gekostet“, schimpft die Front Nationale. US-Präsidentschaftskandidat Trump sieht in billigen Chinesen und Mexikanern die Schuldigen, verspricht Zäune und Zölle.

Doch greift diese Erklärung zu kurz. Denn die ganze Welt verliert Industriejobs. Sie werden nicht gestohlen. Sie verschwinden. Das ist die andere Seite der gefeierten Produktivität im Verarbeitenden Gewerbe: Unternehmen ersetzen Arbeitskraft durch Maschinen, senken die Kosten, um Gewinne zu halten oder zu erhöhen. Auch in den Billiglohnländern. So hat der chinesische iPhone-Bauer Foxconn 60 000 Jobs durch Roboter ersetzt. „Die Deindustrialisierung ist vor allem ein Ergebnis höherer Produktivität“, erklärt der IWF.

Die Folge: Während die Industrie Arbeitsplätze abbaut, stellt sie gleichzeitig immer mehr her. 1967 produzierten 800 000 US-Arbeiter 115 Tonnen Stahl. Heute wären dafür maximal 150 000 Arbeiter nötig, errechnet der Ökonom Scott Summer. Laut dem Forschungsinstitut Conference Board ist die reale Produktion pro Arbeitsstunde in der amerikanischen Industrie allein seit 2002 um 50 Prozent gestiegen, in Deutschland um 30 und in Frankreich um fast 40 Prozent.

Tendenziell herrscht ein globales Überangebot an Industriekapazitäten und -produkten, auf dem Automarkt ist dies ein chronischer Zustand. Die Nachfrage hält nicht Schritt. „Es wird daher nicht für alle Länder möglich sein, eine industrielle Basis zu halten“, so Ökonom Artus. Dies verschärft die Konkurrenz um die verbliebene Nachfrage, die Unternehmen lagern Fertigung in Billiglohnländer aus und treiben die Automatisierung voran. Davon profitieren jene Länder wie Deutschland, Japan und Südkorea. Denn sie verfügen über einen großen Maschinenbausektor – sie liefern die Maschinen, mit denen weltweit rationalisiert wird.

Angesichts dieser Lage ist eine Wiedergeburt der Industrie in allen Ländern ausgeschlossen. „Die guten alten Zeiten kommen nicht wieder“, mahnt Joseph Minarik vom US-Ausschuss für wirtschaftliche Entwicklung. Das wissen die Ökonomen. Und das wissen auch die Politiker. Der Ruf nach „Reindustrialisierung“ und Rückkehr heimischer Unternehmen ist daher weniger ein Wirtschaftsprogramm. Sondern Kampfansage an das Ausland.

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