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EZB: Lagarde dämpft Zinsfantasien - Hohe Inflation kein Dauerzustand

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Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)
Die EZB-Chefin Christine Lagarde rechnet mittelfristig mit einer Stabilisierung der Teuerungsrate. © Thomas Lohnes/dpa/AFP Pool

Während viele Experten die wachsende Inflation mit Sorge betrachten, sieht EZB-Chefin Christine Lagarde die Lage entspannter. Sie rechnet mittelfristig mit einer Stabilisierung bei etwa zwei Prozent.

Frankfurt/Berlin - Angesichts der ins Kraut schießenden Zinsfantasien in der Euro-Zone hat EZB-Chefin Christine Lagarde Inflationssorgen gedämpft. Die Chancen seien gestiegen, dass sich die Teuerungsrate mittelfristig um den EZB-Zielwert von 2,0 Prozent stabilisieren werde, betonte die Französin am Montag bei einer Anhörung vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europaparlaments.

EZB-Chefin hält „nennenswerter Straffung“ der Geldpolitik nicht für nötig

Es gebe keine Signale, dass sich die Inflation auf mittlere Sicht hartnäckig und deutlich über der Zielmarke festsetzen werde, was eine „nennenswerte Straffung“ der Geldpolitik erfordern würde. Vielmehr könne man von einer Normalisierung der bislang lockeren Linie ausgehen, sagte sie bei ihrem Online-Auftritt. Führende Ökonomen zeigten sich zuletzt deutlich vorsichtiger. Der Wirtschaftsweise Prof. Volker Wieland erwartet für die Euro-Zone im laufenden Jahr eine Inflationsrate von knapp unter vier Prozent, für Deutschland knapp darüber*. Auch das Münchner Ifo-Institut sieht die Entwicklung inzwischen vorsichtiger*.

Lagarde hatte nach der jüngsten Zinssitzung ihre frühere Einschätzung nicht mehr wiederholt, wonach eine Zinswende 2022 sehr unwahrscheinlich sei. Die EZB beließ den geldpolitischen Schlüsselsatz auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Zugleich müssen Banken weiter Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken: Der sogenannte Einlagesatz blieb bei minus 0,5 Prozent. An den Märkten wird für dieses Jahr mit einer Anhebung um einen halben Prozentpunkt gerechnet. Viele Ökonomen erwarten einen ersten Straffungsschritt aber erst Ende dieses Jahres oder Anfang 2023.

Ende 2022 werde sich die Inflation zwar wohl noch über dem Zielwert der EZB halten, doch werde sie das derzeit hohe Niveau nicht mehr erreichen, sagte Lagarde voraus. Die Teuerung war im Januar im Euro-Raum überraschend auf 5,1 Prozent geklettert und damit dem EZB-Ziel noch weiter enteilt. Laut Lagarde muss die EZB vor einer Zinsanhebung jedoch zunächst ihre Anleihenzukäufe stoppen.

EZB-Chefin hält sich Hintertürchen offen

„Mehr denn je“ gelte es angesichts der derzeitigen Unsicherheit, sich in der Geldpolitik Flexibilität und Optionen zu bewahren, betonte die EZB-Präsidentin. Die Notenbank stehe weiterhin „absolut unerschütterlich“ zu ihrem Mandat, Preisstabilität zu sichern. An den Märkten wurde bereits spekuliert, dass es im Juli zu einer ersten Zinserhöhung kommen könnte. Laut dem lettischen Notenbankchef Martins Kazaks müssten die Anleihenzukäufe der EZB hierfür in einem „extremen und unwahrscheinlich schnellen Tempo“ zurückgeführt werden.

Insidern zufolge wollten einige Währungshüter auf der jüngsten Sitzung bereits Schritte zur Eindämmung der Inflation einleiten. Sollte sich die Teuerung nicht merklich abkühlen, sei nun eine Entscheidung auf der März-Sitzung wahrscheinlich, sagten zwei mit der Situation vertraute Personen. Ein schnelleres Zurückfahren der Anleihenkäufe des sogenannten APP-Programms werde dann geprüft.

Die Anleihen-Zukäufe über das Pandemie-Notprogramm PEPP enden im Frühjahr. Damit die Finanzmärkte nach dem Auslaufen des groß angelegten Programms ab April nicht auf dem Trockenen sitzen, hatte die EZB im Dezember beschlossen, das kleinere Programm APP in modifizierter Weise weiterlaufen zu lassen. Dessen Ende, das als eine Voraussetzung für die Zinswende gilt, ließen die Währungshüter aber bewusst offen. (rtr) *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA

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