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Die EZB (rechts) macht Banken und Sparern keine Freude.

Europäische Zentralbank

Kommt das Helikoptergeld?

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Die wirtschaftliche Lage in Europa ist vertrackt. Die EZB greift zu immer schärferen Mitteln.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir gegenwärtig in einer Zeit leben, die künftig in Geschichtsbüchern besonders hervorgehoben wird. Denn die Welt des Geldes ist auf den Kopf gestellt: Sparen zahlt sich nicht mehr aus, Schuldenmachen wird belohnt. Wer sein Erspartes im Sommer 2008 anlegen wollte, bekam etwa bei der Commerzbank 5,2 Prozent Zinsen. Heute sind es 0,01 Prozent. Betuchte Privatanleger müssen bei einigen Sparkassen und Volksbanken sogar etwas drauflegen, wenn sie ihr Vermögen dort parken wollen. Und Häuslebauer können bei der Jyske Bank in Dänemark schon Geld kassieren, wenn sie einen Baukredit aufnehmen – eine Entwicklung, die die Bundesbank auch für Deutschland für möglich hält. Negativzinsen heißt dieses Phänomen, welches Ökonomen bis in die 70er Jahre für so absonderlich hielten, dass es in den Lehrbüchern überhaupt nicht auftauchte.

Die Finanzwelt ist aus den Fugen geraten. Wer spart, muss bezahlen. Wer Geld braucht, bekommt etwas dazu. Die Niedrigzinsstrategie der Europäischen Zentralbank (EZB), die ihre Geldpolitik am Donnerstag nochmals gelockert hat, verunsichert inzwischen breite Kreise der Bevölkerung. Und nach den Ankündigungen von EZB-Chef Mario Draghi ist klar, dass höhere Zinsen in weite Ferne rücken. Die Sparer müssen mitansehen, wie die für die Altersvorsorge gedachten Lebensversicherungen ihre Prognosen für die Auszahlungen immer weiter absenken.

Davon profitieren rechte Populisten, weshalb bei den demokratischen Parteien in Berlin die Alarmglocken schrillen. In ihren Analysen sind die Strategen von Union und SPD zu dem Schluss gekommen, dass auch die Zinsproblematik zu der Unzufriedenheit geführt hat, die der AfD zuletzt in Sachsen und Brandenburg Auftrieb gegeben hat. „Wir können das nicht so laufen lassen, wir müssen etwas tun“, so die oft gehörte Einschätzung. Nur was?

Nach dem Beinahe-Kollaps des Weltfinanzsystems durch faule Immobilienkredite in den USA versuchten die Währungshüter, die Wirtschaft mit niedrigen Zinsen anzukurbeln. Das klappte in vielen Ländern ganz gut, insbesondere in Deutschland. Doch so richtig in Fahrt kam die europäische Wirtschaft nicht. Denn das billige Geld erleichtert Firmen zwar Investitionen, doch wenn die Nachfrage fehlt, gibt es keinen Grund zum Investieren. Und bei schwacher Nachfrage können die Unternehmen auch ihre Preise nicht erhöhen. Folge: Die Inflation kommt nicht in Gang, was Bedingung für höhere Zinsen ist.

Wäre die Zentralbank nur für Deutschland zuständig, dann hätten sie die Zinsen wegen der hierzulande brummenden Konjunktur bereits vor mehreren Jahren wieder anheben können. Doch die lockere Geldpolitik ist nach wie vor vor allem für verschuldete Südländer überlebenswichtig. Würde die Zentralbank den Geldhahn zudrehen, drohte eine neue europäische Schuldenkrise – was auch Deutschland treffen würde. Andererseits nutzt natürlich auch der hiesigen Wirtschaft das billige Geld – zumal jetzt auch hierzulande eine Rezession droht.

Doch die niedrigen Zinsen haben auch negative Folgen: So stiegen die Immobilienpreise in vielen Regionen Deutschlands, einfach deshalb, weil sich die Käufer die höheren Preise leisten können. Das ist eine der Ursachen dafür, dass die Mieten in den Ballungszentren kräftig zugelegt haben. Auch die Negativzinsen, die die EZB von den Banken verlangt, belasten viele Kleinsparer – in Form höherer Gebühren für Girokonten. Diese höheren Kosten hätten Bestand, auch dann, wenn die Politik, wie von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vorgeschlagen, negative Zinsen für Kleinsparer verbieten sollte.

Höhere Kosten für das Girokonto, magere Zinsen beim Sparen – das ist ärgerlich. Viel problematischer ist hingegen, dass die Milliarden, die die Bundesbürger in die private Altersvorsorge stecken, kaum noch Erträge abwerfen. Den Lebensversicherern und Fondsgesellschaften fehlen zunehmend gut verzinste, aber sichere Geldanlagen, weshalb die Auszahlungen im Alter immer weiter sinken. Das hat dramatische Folgen: Nach jüngsten Prognosen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung steigt der Anteil der von Armut bedrohten Rentner bis 2039 in einem Nullzins-Szenario von heute knapp 17 auf 22 Prozent. Bei einem Zinssatz von drei Prozent würde die Quote dagegen kaum ansteigen.

Die AfD spricht von einer Enteignung der Bürger und fordert, Deutschland müsse den Euro endlich verlassen. Aber ist es so einfach? Dass Deutschland einer der Hauptprofiteure der Gemeinschaftswährung ist, wird gern verschwiegen. Denn die Gemeinschaftswährung sorgt unter anderem dafür, dass die deutschen Exportgüter zu wettbewerbsfähigen Preisen angeboten werden können. Eine neue D-Mark wäre hingegen so stark, dass die deutschen Waren im Ausland zu teuer würden. Der Absatz bräche ein.

Ökonomen wäre es am liebsten, wenn die Bürger ihr Geld vom Konto holen und mit vollen Händen ausgeben würden, um die Konjunktur anzukurbeln. Es geistert sogar die Idee herum, dass die Zentralbank jedem Bürger direkt Geld überweist. „Helikoptergeld“ nannte US-Ökonom Milton Friedman sein 1969 entwickeltes Konzept.

Am Donnerstag hat die Europäische Zentralbank diese extreme Option nicht aus dem geldpolitischen Schrank geholt. Sie will aber die Strafzinsen weiter erhöhen und die Anleihenkäufe wieder aufnehmen. Sollten diese Maßnahmen nichts bringen, was Ökonomen für denkbar halten, könnten am Ende doch noch die Hubschrauber aufsteigen.

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