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Rebellion gegen das Aussterben - „Extinction Rebellion“ will in Berlin demonstrieren.

„Extinction Rebellion“

Auf die Brücken

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Die „Fridays for Future“-Bewegung bekommt Verstärkung: Die Umweltbewegung „Extinction Rebellion“ ruft zu Massenprotesten und zivilem Ungehorsam auf.

Die Rebellen sehen friedlich aus. Sie treffen sich in einer Neuköllner Bürogemeinschaft an der Karl-Marx-Straße. Die Schuhe bleiben im Flur stehen. Die vier Leute im Besprechungsraum planen ihre Protestaktionen auf Socken. Sie gehören zu einer Umweltbewegung, die sich vor ein paar Monaten in Großbritannien als „Extinction Rebellion“ gegründet hat – als Rebellion gegen das Aussterben. Eine Bewegung, die sich weltweit ausbreitet und auch in Deutschland ihre ersten Anhänger hat. Etwa 20 Gruppen gibt es derzeit in deutschen Städten, so auch in Berlin. Sie rufen zu Massenprotesten und zu zivilem Ungehorsam auf, um die Regierungen ihrer Länder zu einer konsequenten Klimapolitik zu zwingen.

An diesem Montag, um fünf nach zwölf, wollen sich die Gruppen in Berlin erstmals vorstellen, ihre Forderungen vor dem Reichstagsgebäude vorlesen und sich dann auf der Jannowitzbrücke zur Kundgebung mit Kulturprogramm treffen. 400 Teilnehmer sind bei der Polizei angemeldet, doch niemand weiß, wie viele wirklich kommen. Später wollen die Demonstranten Brücken besetzen, wie sie sagen. Welche Brücken sagen sie nicht. Auch nicht, wie viele Demonstranten an den Besetzungen teilnehmen. „Hunderte Menschen sind bereit, sich verhaften zu lassen, um Bevölkerung und Politik aufzurütteln“, heißt es in dem Aufruf. „Die Zeit läuft uns davon. Wir stehen vor einem ökologischen Kollaps.“ Das Logo der Bewegung ähnelt einer Sanduhr.

Ohne Gewalt, friedlich und ungehorsam sollen die Aktionen sein. Für die gesamte nächste Woche seien Aktionen geplant, die auffallen, heißt es. Es kann sein, dass es zu Staus kommt und Autofahrer sich aufregen. Kundgebung und Demo am Montag sind angemeldet, die Besetzungen nicht. Die Polizei ist darauf bislang nicht vorbereitet. Sie weist darauf hin, dass es sich um Straftaten handelt, wenn es zu Verstößen gegen das Versammlungsgesetz kommen sollte oder zu gefährlichen Eingriffen in den Straßenverkehr.

Zur Berliner Gruppe gehören junge und alte Menschen, Handwerker, Künstler und Wissenschaftler, darunter auch Briten und Franzosen. Die jüngsten sind etwa 20, die ältesten etwa 60 Jahre alt. Knapp 200 Interessierte haben sich gemeldet, bis zu 50 Leute kommen zu den wöchentlichen Treffen. Die vier Leute in der Neuköllner Bürogemeinschaft haben sich erst vor einigen Wochen kennengelernt.

Anders als viele Linksradikale agieren sie nicht mit ausgedachten Namen und vermummten Gesichtern, um ihre Identität zu schützen. Am Tisch sitzen vier auskunftsbereite Leute zwischen Anfang 20 und Mitte 40. Studenten, Angestellte, Freiberufler. Sie seien sich einig, dass es angesichts der massiven Klimaveränderungen jetzt „stärkere Ausdrucksformen des friedlichen Protests“ geben müsse, sagt Elena Jentsch. Die 46-Jährige arbeitet in einem Steuerbüro, sammelt als Umweltaktivistin Spenden für Nichtregierungsorganisationen und kümmert sich um einen Kinderbauernhof in Pankow.

Nick Holzberg, 23, hat in den Niederlanden Politik, Wirtschaft und Soziologie studiert und hält nun Vorträge in Clubs, Kneipen und Unis über die neue Bewegung. Dort erklärt er, dass sie in der Tradition des gewaltfreien Protestes von Mahatma Gandhi und der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King stünde und dass eine Aktion umso erfolgreicher sei, je mehr Menschen bei einer Besetzung oder einer Straßenblockade verhaftet würden. Das schaffe Aufmerksamkeit und zwinge die Regierungen, sich mit den Forderungen der Protestierenden zu beschäftigen. Große Worte. „Die Umweltbewegung in Deutschland war bisher viel zu gehorsam“, sagt Nick Holzberg. „Was die Aktivisten bisher getan haben, war, bis auf wenige Ausnahmen, nicht genug. Es hat zu wenig gebracht.“

Die Aktivisten fordern die Regierung auf, „die Wahrheit über die tödliche Bedrohung durch die ökologische Krise offenzulegen“, die Emissionen von Treibhausgasen bis 2025 auf Null zu reduzieren und Bürgerversammlungen einzuberufen. „Wir werden nicht still und folgsam in das Aussterben gehen“, steht in ihrer Erklärung.

Manches von dem, was die Aktivisten jetzt planen, haben die Gründer der neuen Umweltbewegung in Großbritannien schon ausprobiert. An einem Sonnabend im November 2018 hatten Tausende Demonstranten mehrere Brücken über die Themse besetzt. Die Polizei verhaftete 85 Personen. Hundert Wissenschaftler unterstützen die Proteste in einem offenen Brief. Man müsse jetzt rebellieren, „um das Leben selbst zu verteidigen“, schrieben sie.

Friederike Schmitz hat sich bisher um Tiere gekümmert. Die 36-Jährige arbeitet freiberuflich als Philosophin, Tierethikerin und Autorin. Sie sagt, sie lehne Öko-Tierhaltung ab, weil auch dort Tiere getötet werden. Sie verzichtet auf Fleisch, Milch und Eier, schreibt Bücher und Artikel. In den vergangenen Monaten hat sie viel gelesen über extreme Hitze, Dürren und heftige Unwetter. „Ein bisschen dagegen demonstrieren reicht nicht mehr“, sagt sie mit ernstem Gesicht. „Und nur den Konsum zu verweigern und die Ernährung zu verändern, auch nicht.“ Es gehe jetzt darum, in friedlicher Weise Grenzen zu überschreiten. „Es entspricht der Dramatik unserer Lebenssituation, die bestehenden Regeln zu brechen.“

Mit zivilem Ungehorsam beschäftigt sich der Berliner Soziologe Dieter Rucht seit einigen Jahrzehnten. Bis zu seiner Emeritierung im Juni 2011 war der heute 72-Jährige im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung tätig und als Honorarprofessor an der Freien Universität. 1984 hat Rucht einen Aufsatz über das Recht auf Widerstand und zivilen Ungehorsam veröffentlicht. Darin stellt er klar: „Wenn sich heute Aktionsformen des zivilen Ungehorsams mehren, so bedeutet dies nicht, dass alle Dämme der Legalität zu reißen beginnen und die Gesellschaft … in den ,Krieg aller gegen alle‘ zurückzufallen droht.“ Diese Protesthandlungen zeugten von einem „entwickelten Gefühl für soziale Gerechtigkeit und politische Verantwortung“.

Zu den Brückenbesetzungen sagt Rucht aus persönlicher Sicht: „Wenn sich diese Proteste auf eine Signalwirkung beschränken, dann sind sie berechtigt. Die Akteure müssen der Regierung Druck machen.“ Die Frage sei jedoch, ob die Akteure genügend Mitstreiter finden. „Für solch ein riskantes Handeln ist es schwer, Leute zu gewinnen. Wer ist bereit, für den Klimaschutz eine härtere Gangart des Protestes einzulegen, mit dem Risiko, festgenommen zu werden?“

Die 22-jährige Rina Wahls, hat die Frage längst beantwortet. Die Studentin der Kulturwissenschaften sagt bei dem Treffen in Neukölln: „Ich bin bereit, für meine Überzeugung in Haft zu gehen.“ Die anderen am Tisch nicken.

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